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Kultur Reiseführer in die Vergangenheit
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15:12 12.01.2018
“Alles Schreiben ist Schreiben über die Vergangenheit“: Die Kulisse für den neuen Roman von Bernhard Schlink ist das beginnende 20. Jahrhundert – und die Arktis. Quelle: iStockphoto
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Hannover

Alles Schreiben ist Schreiben über die Vergangenheit, heißt es in Bernhard Schlinks Heidelberger Poetikvorlesungen. Die Hochstimmung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die beiden Weltkriege bilden in seinem jüngsten Roman “Olga“ die Kulisse für die Liebesgeschichte zwischen der Titelfigur, einer angehenden Lehrerin, und dem Abenteurer Herbert. Es zieht ihn immer wieder in die Ferne, schließlich verliert sich seine Spur in der Arktis. Olga bezeichnet den Geliebten einmal wie Don Quijote als “Ritter von der traurigen Gestalt, dem man nicht nacheifert, sondern der über dem Nacheifern sein Leben versäumt“.

In der Hybris des Entdeckers spiegelt sich der Größenwahn der Kriegstreiber und Nationalsozialisten. Man bekommt beim Lesen den Eindruck, dass die Liebe, wenn nicht in der Eiswüste, dann an unterschiedlichen politischen und lebensweltlichen Einstellungen erkaltet wäre. So beklagt die emanzipierte Olga, dass Lehrerinnen nach ihrer Heirat aus dem Schuldienst scheiden müssen.

Der Autor Schlink sagt im Gespräch: “Wie die meisten Frauen ihrer Zeit musste Olga unter ihren Fähigkeiten leben, und wie viele Männer seiner Zeit lebte Herbert über den seinen. Heute würde ihre Beziehung anders verlaufen. Und doch erkenne ich mich in ihnen wieder, und Lesern wird es ebenso ergehen. Ja, alles Schreiben ist Schreiben über die Vergangenheit. Sie liegt hinter uns. Zugleich ist sie gegenwärtig und macht unser Leben reicher.“ Nachdem Schlink sich in den Romanen “Die Frau auf der Treppe“ (2014) und „Das Wochenende“ (2008) der RAF zuwendete, blickt er jetzt wieder weiter in die deutsche Vergangenheit zurück.

Bernhard Schlink Quelle: ALBERTO VENZAGO

Der 73-Jährige nimmt Motive aus seinem bekanntesten Werk “Der Vorleser“ (1995) auf. Olga, die darum kämpft, auf eine höhere Schule gehen zu dürfen, erscheint wie ein Gegenentwurf zu der Analphabetin Hanna, die auch aufgrund ihrer mangelnden Fähigkeiten in der Nazizeit zur KZ-Aufseherin geworden war. Jeweils ist Bildung der Schlüssel zum Schicksal der Figuren. Und doch hat Olga, die im Alter gehörlos wird, aufgrund ihres Mangels ein besonderes Verhältnis zur Umwelt – wie Hanna.

Erneut beschreibt der Autor zudem eine tiefe Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem heranwachsenden Jungen – diesmal jedoch ohne sexuelle Komponente. Denn im letzten Absatz des ersten Teils kündigt sich eine zweite Erzählstimme an: Der junge Ferdinand erlebt die gealterte Olga, die als Näherin für seine Eltern arbeitet.

Für den Autor haben “Freundschaften zwischen jungen und alten Menschen einen besonderen Zauber“, wie er sagt. “Es mag die Freundschaft zwischen der Großmutter und dem Enkelsohn sein, beide lieben Gedichte, zwischen dem Großonkel und seinem Großneffen, beide gehen gern fischen, zwischen dem pensionierten Lehrer und der Tochter seines einstigen Schülers, seiner jetzigen Nachhilfeschülerin, zwischen Harold und Maude.“

“Seine Sprache hat einen ganz eigenen, zwingenden Sound“

Es habe in seinem Leben viele ältere Frauen und Männer gegeben, die er gemocht habe und die für ihn wichtig waren, sagt Schlink. “Dass ich wie der Eltern- auch der Großelterngeneration verbunden war, empfinde ich als Geschenk. Wie traurig, wenn, wie ich dies manchmal höre, jemand seine Großeltern nicht erlebt hat!“ Ohne seine Großmütter, ohne eine alte Tante, ohne eine alte Nachbarin, ohne die alte Näherin, die in seiner Kindheit zu ihnen nach Hause kam, hätte er von Olga nicht erzählen können. “Aber es gab nicht die eine ältere Frau, die für mich war, was Olga für Ferdinand war.“

In der Antwort spiegelt sich die sprachliche Prägnanz des Autors. Seine Lektorin Ursula Baumhauer sagt: “Bernhard Schlink überlässt uns seinen Roman oder seinen Erzählband, wenn er damit zufrieden ist. Wir sind es dann ebenfalls, in höchstem Maße. Ich kenne kaum einen Autor, bei dem es so wenig angemessen ist, in Stil oder Sprachmelodie einzugreifen wie bei Bernhard Schlink. Seine Sprache hat einen ganz eigenen, zwingenden Sound.“ Besondere Genauigkeit und gelegentliche Wiederholungen gehörten ebenso zu ihrem Charakter wie kunstvolle Einfachheit und eigenwillige Bilder.

Bernhard Schlink: Olga. Hardcover, Diogenes, 320 Seiten, 24 Euro, erscheint am 12. Januar 2018 Quelle: Diogenes

Als dritte Perspektive schließen sich im aktuellen Roman die Briefe an, die Olga an ihren Geliebten im Eis geschrieben hat, zerrissen zwischen Wut auf und Sehnsucht nach dem Abwesenden. Nachdem man Olga bereits als alte Frau erlebt hat, die sich mit der Vergangenheit abgefunden hat, schmerzt es beim Lesen, ihrer Sorge um den ausbleibenden Freund noch einmal frisch ausgesetzt zu sein.

In ihren Fantasiereisen zu Herbert spiegelt sich dessen Heimweh nach der Ferne. “Was ist die Sehnsucht?“, fragt Olga und antwortet: “Manchmal ist sie wie ein Gegenstand, der nicht zu übersehen ist, nicht zu verrücken ist, oft den Weg versperrt, aber ins Zimmer gehört und an den ich mich gewöhnt habe. Doch dann fällt sie plötzlich auf mich nieder wie ein Schlag, unter dem ich aufschreien möchte.“

Mit jedem Brief schwindet die Hoffnung, und doch schreibt Olga auch noch, als sie längst nicht mehr daran glaubt, dass die Briefe den Adressaten erreichen werden. Und dann enthüllt sie ein Geheimnis, das die Personenkonstellation noch einmal in neuem Licht erscheinen lässt.

Von Nina May

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