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Rennen um den Mars ist für die ESA nicht verloren

Weltraumforschung Rennen um den Mars ist für die ESA nicht verloren

Am 19. Oktober verlor die ESA ihre Mars-Sonde Schiaparelli. Das war nicht der erste Verlust. Schon 2003 ging die 30 Millionen Euro teure Beagle-2-Mission schief. Damit stellt sich die Frage, warum es Europa einfach nicht hinbekommt, während die Amerikaner beim Mars so erfolgreich sind. Doch ein Blick auf die ganze Missions-Geschichte ergibt ein differenziertes Bild.

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So hätte es wohl ausgesehen, wäre Schiaparelli Ende Oktober auf dem Mars gelandet.

Quelle: ESA/ATG mediala

Darmstadt. Die letzten Minuten des Marslanders Schiaparelli hat die europäische Raumfahrtorganisation ESA inzwischen schon ziemlich gut rekonstruiert. Bis zum Eintritt in die Marsatmosphäre lief am Mittwoch, 19. Oktober, alles nach Plan. Das Schutzschild des runden Landers war in der richtigen Position, der Fallschirm wurde rechtzeitig gezogen und entfaltete sich wohl auch, sogar die Bremsraketen wurden richtig gezündet. Rasend und rot glühend, doch beständig abbremsend näherte sich Schiaparelli der Oberfläche unseres Nachbarplaneten. Zuletzt dürfte das gut zwei Meter große Flugobjekt nur noch zwei oder vier Kilometer von seinem Bestimmungsort entfernt gewesen sein. Dann fällte sein Computer eine fatale Entscheidung. Er schaltete die Bremsrakete ab.

Offenbar gab es zwischen einem Radar-Höhenmessgerät und der Sonden-Navigation ein Missverständnis, so der ESA-Direktor für den Missionsbetrieb, Rolf Densing. „Die beiden Softwareteile haben nicht richtig miteinander kommuniziert.“ Ungeschützt raste Schiaparelli deshalb auf den Marsboden zu und zerschellte im roten Staub. Inzwischen wissen wir sogar, wo der Lander eingeschlagen ist. Der den roten Planeten umkreisenden Mars Reconnaissance Orbiter der NASA funkte am 20. Oktober Bilder von der Marsoberfläche. Die nachgewiesenen Flecken, die er fotografierte, dürften die Einschlagstelle markieren.

Besser wären Daten bis zum Ende der Landung

Seitdem tröstet die ESA sich und die Öffentlichkeit mit dem Hinweis, dass Schiaparellis Kamikaze-Flug ja nur ein Testlauf für die eigentliche europäische Landemission ab dem Jahr 2020 gewesen sei. Tatsächlich hätte der Lander auf dem Marsboden mit Hilfe seiner Batterie nur einige Tage überleben und allenfalls einige Neuigkeiten über die Marsatmosphäre, zum Beispiel über den Druck, die Temperatur und die elektrische Ladung, mitteilen können. Nichts Weltbewegendes. Doch der Trost, dass ja nur eine Art Versuchsballon verloren gegangen sei, ist nur die halbe Wahrheit.

„Natürlich wäre es besser gewesen, wenn alles geklappt hätte“, sagt Paolo Ferri, Leiter des Missionsbetriebs im Darmstädter ESA-Zentrum. „Wir hätten dann Daten vom Anfang bis zum Ende der Landung gehabt. Bei den letzten 30 Sekunden hat es aber nicht geklappt.“ Eine Arbeitsgemeinschaft der am Schiaparelli-Bau beteiligten europäischen Firmen werde in den kommenden drei Wochen Daten auswerten, die an den Trace-Gas-Orbiter, den Spurengas-Orbiter der ESA, der den Mars umkreist, gefunkt wurden. Paolo Ferri betont aber auch, dass es für die künftige Mission besser gewesen wäre, eine ganze und geglückte Landung auswerten zu können. Trotzdem lerne man auch aus dem vorhandenen Material viel.

Kriegen die Europäer keine Marslandung hin?

Die Frage liegt aber nahe, warum es die Europäer nicht hinkriegen, einen Roboter auf dem Mars abzusetzen, während die Amerikaner einen Lander nach dem anderen auf dem Marsboden positionieren. Die ESA schrottete schon 2003 ihren teuren Lander Beagle 2, der keineswegs nur ein Versuchsobjekt war. Dabei hatte die NASA schon am 3. September 1976 die Sonde Viking 2 erfolgreich auf dem Mars gelandet. Am 4. Juli 1997 brachte der Mars Pathfinder den sechsrädrigen Rover Sojourner auf den Mars, Spirit landete im Januar 2004, die Zwillingssonde Opportunity landete 21 Tage später - und ist bis heute in Betrieb. Ein sehr stolzer Erfolg ist der am 6. August 2012 gelandete Mars Rover Curiosity. Seit Jahren kutschiert das Gefährt fröhlich zwischen Marskratern umher und hat auf bislang zwölf Kilometern Strecke zahlreiche Proben gesammelt.

Dass die NASA die Marslandungen inzwischen beherrscht, streitet Ferri nicht ab. Was aber bei all den gefeierten US-Missionen gerne übersehen werde: „Auch viele Landungen und Missionen der Amerikaner sind gescheitert.“ Und im Gegensatz zur ESA bestürmten die USA den Mars schon seit den 60er Jahren. Es war also genügend Zeit zu üben.

Auch amerikanische Missionen versagten

Tatsächlich: Man muss nur einmal die offizielle Seite der NASA über die Mars-Missionen überfliegen. Die Chronologie beginnt für die USA schon im November 1964. Und auch die USA kennen das „failed“, also das „versagte“. Beim Mariner 3 öffnete sich nicht das Sonnenschild, seitdem umkreist er sinnlos die Sonne, statt am Mars vorbeizufliegen. Die erste erfolgreiche Mission war Mariner 4, der im Juli 1965 tatsächlich am Mars vorbeisauste und erstmals Bilder vom Mars aus der Nähe schoss. Erstmals überhaupt in einen Marsorbit gelangte im Jahr 1971 Mariner 9. Ein Riesenerfolg waren die Lander Viking 1 und 2 in den Jahren 1978 und 1980. Trotz solcher Erfolge hatten auch die Amerikaner später noch Pech. Im August 1993 verlor die NASA Kontakt zu ihrem Mars Observer. Im Januar 1999 schrotteten die USA ihren Mars Polar Lander. Den Mars Lander Phoenix brachte die Nasa 2008 zwar sicher zur Landung, doch brach der Funkkontakt früher ab als geplant. Mit der extremen Kälte kam das Gerät offenbar nicht zurecht.

„Schon die Ankunft am Mars ist sehr kompliziert“, sagt Ferri. Der aktuelle ESA Trace-Gas-Orbiter musste sich zum Beispiel in einem zweieinhalb Stunden dauernden Manöver in die Richtige Position bringen, um den Mars umkreisen zu können. Noch komplizierter sei eine Landung, weil man es hier mit der unberechenbaren Mars-Atmosphäre zu tun bekommen. Natürlich könne man vieles simulieren, aber das eigentliche Geschehen vor Ort könne man nicht vorhersehen.

Die ESA hat viel gelernt und erreicht

Aber schon durch die gescheiterte Beagle 2-Landung habe die ESA gelernt, dass sie unbedingt schon Daten bei der Landung sammeln muss und nicht erst danach. Das ist diesmal geschehen. Ferri verweist auch auf andere glanzvolle ESA-Projekte. Rosetta habe im November 2014 den Lander Philae auf den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko abgesetzt und damit etwas geschafft, was den Amerikanern bisher nicht gelungen sei: einen Kometen zu entern. Im Januar 2005 sei Huygens drei Wochen nach der Trennung von der Muttersonde Cassini auf dem Saturnmond Titan gelandet.

„Ich bin sehr optimistisch, weil schon jetzt fast alles funktioniert hat“, fasst Ferri zusammen. Manchmal sei es eben ein „ganz blöder Fehler“, der zu einem „großen Problem“ werde. Diesmal sei es ein Computerirrtum gewesen. „Wir müssen noch viel reden und darüber nachdenken, wie wir die Risiken reduzieren“, so Ferri. Aber dafür habe man ja nun auch durch die gescheiterten Missionen viel Material gesammelt. Sollte der europäische Mars Rover den US-Geräten 2022 auf dem Mars Gesellschaft leisten, wird er einen entscheidenden Vorteil haben. Einen Bohrer, der zwei Meter tief in den Boden reicht. Vielleicht entdeckt er damit tief im Marsboden etwas, worum sogar die NASA die Europäische Raumfahrtorganisation beneiden würde: Spuren von Leben.

Von Rüdiger Braun

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