Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Robert Menasse erzählt, wie EU-Bürokraten ticken
Nachrichten Kultur Robert Menasse erzählt, wie EU-Bürokraten ticken
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 17.09.2017
Autor Robert Menasse Quelle: Foto: dpa
Anzeige
Potsdam

Es dürfte mit dem Teufel zugehen, wenn am 12. September der EU-Roman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse nicht zum Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2017 ausgerufen wird. Punkt zehn Uhr gibt eine Jury die Shortlist bekannt, auf der noch sechs Bücher stehen.

Lange hat kein Autor mehr einen Gesellschaftsroman vorgelegt, der mit so viel Feingefühl und Ironie gegenwärtige politische Machtverhältnisse und auch ideologische Stimmungen einfängt. Dabei zielt der 63-jährige Österreicher auf ein multinationales Ganzes. Seine Figuren, Idealisten wie Karrieristen, findet er in der europäischen Hauptstadt Brüssel. Fast alle arbeiten in der Verwaltung der EU-Kommission, hier laufen die Fäden zusammen. Hinter Statistiken und aufgelegten Programmen, Sonntagsreden und Imagekampagnen, Brexit und Handelsabkommen mit China entdeckt Robert Menasse Akteure aus Fleisch und Blut mit charakterlichen Stärken und Schwächen, mit nationalen Identitäten, Prägungen und Interessen.

Eigentlich ein Unding: ein Roman über eine Bürokratie, der sich nicht wie Trockenkost liest. Zwar schlägt Menasse phasenweise auch einen erklärenden, referierenden Ton an, doch Eurokraten wie der Vorlagenschreiber Martin Susman oder die Abteilungsleiterin Fenia Xenopoulou wachsen dem Leser schnell ans Herz. Und Außenseiter wie der letzte Auschwitz-Überlebende David de Vriend und der schrullige Altprofessor Alios Erhart konfrontieren die Aktenmenschen in Brüssel mit Abgründen und Vision, die im gesicherten Alltag schnell vergessen werden.

Menasse erweitert sein menschliches Panoptikum um eine satirische und eine kriminalistische Komponente. Ein Hausschwein, das als Menetekel schon auf der ersten Seite am helllichten Tage Brüssels Straßenverkehr durcheinanderbringt, entwickelt sich zum Running Gag. Nicht nur Kalauer wie „kein Schwein da“ oder „schwitzen wie ein Schwein“ durchziehen die auktoriale Erzählung, bald schon handelt das Buch wirklich von einer noch fehlenden EU-Gesetzgebung für den Export österreichischer oder englischer Schweineohren nach China. Hier lernt der Leser sogar einiges.

Zu Anfang geschieht ein gezielter Mord. Der Leser lernt den Auftragsmörder kennen und erfährt, dass der offenbar den falschen Mann exekutiert hat. Es bleiben Rätsel und auch die Frage: Könnte es wirklich ein Todesschwadron der katholische Kirche geben? Einen polnischen Priester, der als Soldat Christi gefährliche Terroristen jagt?

Das bisschen Action erweist sich als falsche Fährte. Auch wenn die erzählerische Puste am Ende etwas kurzatmiger wird und sich der Autor auch die verschwurbelten Sentenzen vor jedem der elf Kapitel hätte sparen können, Robert Menasse lässt mit großem dramaturgischen Geschick Europa-Befürworter und -Skeptiker miteinander ringen. Sein Roman stellt die derzeit grassierende Frage, ob nationale Alleingänge oder die Vision eines geeinten Europas zum Leitbild taugen.

Als Autor mit jüdischem Hintergrund hat er dem Buch auch die Erfahrung des Holocaust eingeschrieben. Die Moralkeule wird bei ihm aber mit Mutterwitz geschwungen. Die Bürokraten wollen nicht mehr als „abstrakte Bürokratie“ erscheinen, sondern „als eine moralische Instanz“. Ein kleiner Beamter sinnt darauf, das Legitimationsproblem der EU mit Auschwitz zu verknüpfen. Ginge es nach ihm, dann soll sich die EU-Kommission als „die Hüterin des größten und umfassenden Schwurs“ darstellen, „dass sich ein europäischer Zivilisationsbruch wie Auschwitz“ nie wieder ereignet. Dass obendrein auch noch der Flüchtlingssommer 2015 und die islamistischen Attentate in Brüssel die Handlung mitbestimmen, ohne dass das aufgesetzt wirkt, ist phänomenal und bemerkenswert.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp, 260 Seiten, 24 Euro.

Von Karim Saab

Auf internationaler Ebene bleibt der deutsche Filmnachwuchs erfolgreich. Gleich zwei Produktionen räumen bei den Studenten-Oscars ab: „Watu Wote/All of Us“ von Katja Benrath und „Galamsey“ von Johannes Preuss setzten sich gegen mehr als 1500 Konkurrenten durch.

14.09.2017

Der Autor Jochen Missfeldt lässt zum 200. Geburtstag Theodor Storms die zweite Ehefrau des Dichters, Doris Jensen, sprechen. Der Roman klingt wie eine Überschrift zu Storms Werk: „Sturm und Stille“.

13.09.2017
Kultur „Ruhe in Frieden, Frankie“ - „Sopranos“-Star Frank Vincent ist tot

Der Gangster war seine Paraderolle: Frank Vincent verkörperte in „Good Fellas“ und „Casino“ den Mafia-Gangster, in der TV-Kultserie „Sopranos“ spielte er den Mafia-Boss und Lieblings-Fiesling. Nun ist Frank Vincent gestorben. Offenbar gab es Komplikationen bei einer Herz-OP.

14.09.2017
Anzeige