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Rock’n’Roll knapp unterhalb der Baumgrenze

Bergfunk-Open-Air in Königs Wusterhausen Rock’n’Roll knapp unterhalb der Baumgrenze

Mit den Headlinern Gloria und Ohrbooten geht das Bergfunk-Open-Air an diesem Wochenende in Königs Wusterhausen an den Start. Stetig ist das Publikum während der letzten Jahre gewachsen, beim aktuellen Festival rechnen die Organisatoren vom Verein Stubenrausch mit 600 Besuchern je Abend.

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Wild und doch intim: Eindrücke vom Bergfunk 2015.

Quelle: Festival

Königs Wusterhausen. Carolin ist jetzt für die Vernunft zuständig, das ist ein anderer Blick aufs Leben als beim Rock’n’Roll, denn die Vernunft braucht klaren Kopf und Rock’n’Roll braucht Bier.

Der Perspektivwechsel kann Carolin Fuhrig, 26 Jahre alt, die gute Laune nicht verhageln. Sie arbeitet im Vorstand von „Stubenrausch“, dem Verein aus Königs Wusterhausen, der das Bergfunk-Open-Air organisiert. Vorstand heißt: Verantwortung. Und Verantwortung hat die Tendenz zum stillen Wasser, nicht zum frisch gezapften Pils.

Rechts hämmern ein paar Männer an den beiden Bühnen, links säuselt ein lasziver Rock’n’Roller aus den Lautsprechern sein Lied von „Sex And Candy“. Sex und Süßigkeiten. Carolin wirft sich in einen alten Sessel auf dem Festivalgelände, verknotet ihre Beine, sie sagt mit ruhiger Stimme einer Führungskraft: „Alles läuft, wir haben keine Eile.“

Das aufgeräumte Glück braucht ein paar schmutzige Akkorde

Sein Hauptquartier hat sich das Festival recht schmucklos eingerichtet auf dem Funkerberg – ein Berg, das schon, aber er reicht nicht hoch bis an die Baumgrenze. Man blickt hinab auf Königs Wusterhausen, hier steht der erste freistehende Funkturm Deutschlands, an seinem Hang wuchsen während der letzten Jahre schön verputzte Häuser, die mit dem Schlagwort „Energiesparen“ beworben werden. Bunte Abfalltonnen stehen vor den Gärten. Gemaltes Idyll. Damit das aufgeräumte Glück nicht überhand nimmt, müssen die freundlichen, mülltrennenden Familien am Wochenende ein paar schmutzige Akkorde über sich ergehen lassen.

Das Bergfunk-Open-Air richtet sich ein, an diesem Freitag und Samstag wird der Berg bespielt, der Berg wird brennen – dass Sound, Testosteron und Bierpreise nicht aus dem Ruder laufen, dafür steht sinnbildlich die Ruhe von Carolin Fuhrig. Zum Bierpreis gibt es schon vorab belastbare Informationen: „Drei Euro für 0,4 Liter“, sagt sie.

Gloria und Ohrbooten

Das Bergfunk-Open-Air findet an diesem Freitag und Samstag auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen statt.

An diesem Freitag spielen St. Beaufort (18 Uhr), Liedfett (19.05 Uhr), Honig (20.35 Uhr) und Gloria (22.35 Uhr).

An diesem Samstag spielen Vizediktator (17.15 Uhr), Herrenmagazin (20.15 Uhr), Romano (21.30 Uhr) und Ohrbooten (22.50 Uhr).

Details : www.bergfunk-openair.de

Carolin hat sich gerade umgezogen für das Zeitungsfoto, sie trägt ein schwarzes Bergfunk-Hemd, trägt es mit Stolz, auch wenn der Stolz bei dieser jungen Frau eine durchgehend unverstellte und dezente Geste bleibt.

Der „Bergfunk“ ist jetzt wieder eine Marke, die strahlt, nachdem sich dieses Open-Air über die Jahre finanziell verlaufen hatte. 2012 wollte man nach den Sternen greifen, der Verein buchte Keimzeit, Alphaville, Blumentopf und Ohrbooten, ein Line-Up mit ausgeprägtem Ehrgeiz, große Namen, große Gagen. Man blieb auf 30 000 Euro Schulden sitzen. „Der Schritt war zu groß“, sagt Carolin, „wir hatten das Festival nicht ausreichend vermarktet, wir waren in der Stadt noch nicht präsent genug.“ Sie überlegt. „Wahrscheinlich glaubten uns die Königs Wusterhausener nicht mal, dass diese Bands tatsächlich kommen.“ Es gab nicht genug Publikum.

Die Bauchlandung war „Fluch und Segen“, sagt Carolin heute, derzeit arbeitet sie in einem Planungsbüro, eine Etappe auf dem Weg zu dem Berufswunsch „Architektin“. Mit Spenden und strenger Haushaltsführung habe sich das Festival „gesund geschrumpft“. Der Etat sei mittlerweile seriös veranschlagt, die Zuschauerzahlen wachsen. In diesem Jahr rechnet der Verein mit guten 600 Besuchern pro Abend.

Mit Brötchenschmieren hat Carolin 2009 beim Festival begonnen. Seit 2013 sitzt sie im Vorstand. Sie freut sich dieses Jahr auf Honig, eine Band, die weder Bombast noch Feinmechanik fürchtet. Eine Spur Rock’n’Roll darf man sich auch im Vorstand gönnen. Und wenn es dunkel wird, ein Bier.

Von Lars Grote

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