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Kultur Ausstellung Rohkunstbau dreht sich ums Thema „Lücke“
Nachrichten Kultur Ausstellung Rohkunstbau dreht sich ums Thema „Lücke“
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16:19 28.06.2018
Die radikal reduzierten Installationen von Holly Hendy Quelle: Jan Brockhaus
Lieberose

Beginnen wir mit einem Wunderkind, obwohl das eigentlich keine Kategorie der Gegenwart mehr ist. Das ist vorbei seit Mozart. Holly Hendry ist eine erst 28 Jahre alte, gefeierte Bildhauerin aus London, und wenn man wirklich etwas Kindliches in ihrer Arbeit finden will, dann das Detail, dass sie mit Kaugummi arbeitet. Doch auch mit Gips, Stahl, Marmor und Granit. Ihre Werke auf der 24. Rohkunstbau-Ausstellung im Schloss Lieberose atmen etwas Spielerisches, auch das indessen sollte man nicht gleichsetzen mit Kindlichkeit.

Ihre zwei Skulpturen erinnern an Bob Dylans „Ballad Of A Thin Man“, die Ballade vom dünnen Mann. Aus Metall hat sie fast ein Skelett geformt, eine Comic-Puppe oder ein Robotergerüst. Das Korsett dieser Figur ist ein geschwungener Wurf, es sind die Schemen einer Körpers, der sich nur vorsichtig hinauswagt aus der Fläche. Ihre Arbeit ist schwankt sensibel zwischen zwei und drei Dimensionen. Zwei übergroße Füße erden diesen mageren Kerl –Kopf, Hände, Arme, das alles lässt sich nur abstrakt erkennen. So, als wolle man in einer Karte des deutschen Autobahnnetzes die chiffrierten Gliedmaßen eines Menschen finden.

Bisswunden im Skelett

Es gibt Bisswunden in den Skeletten aus Metall, unter dem liegenden ruht ein Massiv aus Marshmallows. Ein weiches Bett oder ein schwankender Boden? Holly Hendry spielt so versiert, sinnlich und leichthändig mit Assoziationen, ohne beliebig zu werden, dass sie gut als Visitenkarte der neuen Rohkunstbau-Ausstellung taugt, die sich in diesem Jahr ums Thema „Lücke“ kümmert. Wo liegt die Lücke zwischen Innen- und Außenwelt in ihren abgemagerten Figuren? Die gebissenen Löcher, erklärt sie, „lassen uns begreifen, dass etwas fehlt.“ Im Zweifel die liebende Hand, die unsere Wunden streichelt. Der Biss ist Metapher und martialische Geste, die von der Ironie entschärft wird.

Mut zur Lücke

Die 24. Ausstellung des Rohkunstbaus im Schloss Lieberose (Landkreis Dahme-Spreewald) widmet sich dem Thema „Achtung –Mind the Gap“. Die englische Wendung ist der Londoner U-Bahn entlehnt, sie wird dort als Warnung vor der Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig verwendet.

Die Lücke, also die „Gap“, wird in der Ausstellung als Symbol der Entfremdung genommen. Die Politik blickt aufs Ganze, nicht jeder Einzelne findet sich hier wieder –die Reaktion ist Wut, die derzeit so verbreitet scheint.

Auch die Lücke zwischen europäischen Staaten, die eine Zusammenarbeit anstreben und denen, die vor allem auf eigene, nationale Interessen setzen, wird durch die „Gap“ verkörpert.

Zehn Künstlerinnen und Künstler oder Künstlerpaare stellen dieses Jahr im Rohkunstbau aus, sie kommen aus den USA, der Türkei, Großbritannien, Tschechien, Polen, Australien, Lettland und Deutschland.

Rohkunstbau, Schloss Lieberose, Eröffnung 30. Juni, 15 Uhr. Sonst Sa/So 12 bis 18 Uhr, bis 9. September. www.rohkunstbau.de

Das Schloss Lieberose (Landkreis Dahme-Spreewald) ist mittlerweile aufgeräumt, vor einem Jahr sah das noch anders. Seinerzeit war es ein Abenteuerspielplatz, Schlaglöcher und Baubänder wirkten derart vital und interessant, dass sie den Blick mitunter von der Kunst ablenkten. Das mag die Kunst nicht gerne, vor allem die moderne, die einen zweiten Blick benötigt – weil sie sich mitunter nicht sofort erschließt, denn sie lebt von Zeichen oder hintergründigen Pointen. Sie braucht den Fokus der Betrachter, sonst wirkt sie schnell wie ein dahingetupfter Schelmenstreich oder ein flüchtiger Witz.

Die Werke wirken nun zu Ende gedacht

Nun ist die Bühne bereitet, das Schloss bietet inzwischen einen Rahmen, der immer noch spektakulär ist, doch seinem Inventar nicht mehr die Show stiehlt. Der 24. Jahrgang der Ausstellung zeitgenössischer Kunst wirkt gelungen, die Ideen verlaufen sich nicht mehr in jener schieren Größe eines Hauses, das deutlich mehr Auslauf bietet als das Gutshaus in Roskow (Potsdam-Mittelmark), wo die Schau noch vor zwei Jahren stattfand. Die Werke in Lieberose sind reifer als im vergangenen Jahr, sie scheinen nun zu Ende gedacht.

Der Titel des aktuellen Rohkunstbaus rutscht ins Englische, um zu zeigen, dass es hier –trotz der guten Lieberose Landluft –um ein Thema von globalem Ausmaß geht: „Achtung – Mind the Gap“. Wer in London U-Bahn fährt, kennt diese Warnung: „Achten Sie auf die Lücke zwischen Bahn und Bahnsteigkante.“ „Gap“ im Rohkunstbau aber ist die Lücke, die sich zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft auftut. Die Politik schaut aufs Ganze, der Einzelne fühlt sich nicht immer wahrgenommen. Bei machen, gerade den Unterprivilegierten, führt das zur Wut. In Deutschland, aber nicht nur hier. Auch Europa steht längst unter dem Druck der widerstrebenden Lagern, die sich einerseits mehr Zusammenarbeit, andererseits mehr nationale Selbstbestimmung wünschen. Auch hier findet man eine „Lücke“. Diese politische Kategorie wird im Schloss Lieberose, das aus der Renaissance stammt und somit aus der Zeit, als die Lust am Denken nach dem frommen, gottesfürchtigen Mittelalter neu erwachte, mit den Mitteln der Gegenwartskunst durchdekliniert.

15 Tonnen Salz im Schloss verboten

Auch in Lieberose spürt man eine Lücke, jene zwischen Kunst und Denkmalschutz. Es geht um 15 Tonnen Salz, die von der Künstlerin Magdalena Jetelová in einem Raum des Schlosses ausgebreitet werden sollten. Um die Versteppung der Landschaft zu illustrieren, die Lücke zwischen städtischem und ländlichem Raum. Der Eigentümer des Hauses, die Schlösser GmbH, hat das zwei Wochen vor Ausstellungseröffnung untersagt. Die Angst vor Schädigung des Hauses war zu groß. Arvid Boellert, Gründer des Rohkunstbaus, hält das Verbot für „unglaublich“. Es seien Expertisen von Chemikern eingeholt worden, die nahelegen, dass das trocknende Salz dem feuchten Haus gut täte.

Auch ohne Salz kann sich der Rohkunstbau, veranstaltet von der Brandenburger Heinrich-Böll-Stiftung, mit sehr persönlichen Deutungen der „Lücke“ schmücken. Höhepunkte neben der Arbeit von Holly Hendry: Das suggestive, dichte, aquarellierte Unterwasser-Triptychon von Martin Dammann. Dann die doppelt gemalten und überdies gespiegelten Interieurs von Christopher Winter. Und die Edward-Hopper-haften Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Laura Bruce. Sie arbeitet sich ab am Zwischenraum zwischen Metropole und Provinz, wo sie ein mentales Vakuum vermutet. Lieberose ist herrliche Provinz, doch sie hat sich ins Schloss den Kunstsinn der Großstadt geholt. Eine ideale Mischung.

Von Lars Grote

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