Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Romantik und Rock ’n’ Roll
Nachrichten Kultur Romantik und Rock ’n’ Roll
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:44 01.07.2016
Kerry King von den Trash-Metallern Slayer sorgt für Vollbedienung über alle sechs Saiten. Quelle: Rene Otto
Anzeige
Roskilde

Ein Festival ist ein Festival bleibt ein Festival? Von wegen! Roskilde, das ist auch ein Statement, ein Gefühl – das Orange Feeling. Ein Happening der Jugendkultur, die in musikalischer Vielfalt badet. Das 46. Festival fängt da an, wo das 45. aufhörte. Im Vorjahr schickten Damon Albarn und Africa Express die Erschöpften mit einem fünfstündigen Marathon auf die Heimreise. Albarn ließ sich widerwillig von der Bühne tragen. Diesmal eröffnet der Blur- und Gorillaz-Mastermind die vier Konzerttage mit dem Orchestra of Syrian Musicians und unzähligen weiteren Gästen. Das Line-up ist wieder einmal exzeptionell, die Red Hot Chili Peppers, Macklemore & Ryan Lewis oder Tenacious D haben bereits erste Pflöcke in den (etwas aufgeweichten) Festivalboden geschlagen. 1996 kam der Autor dieser Zeilen zum ersten Mal nach Roskilde, seitdem in jedem Jahr. 20 Jahre, eine Liebeserklärung.

Die Menge singt, tanzt und gibt sich hin

Es könnte ein furioser Moment am ersten Abend sein. „What I’ve got you’ve got to give it to your mama“, singt Anthony Kiedis, und mit „Give It Away“ wollen die Red Hot Chili Peppers die Menge zum Explodieren bringen. Flea absolviert eine wahre Tour de Force auf den Basssaiten, auch Drummer Chad Smith investiert viel. Aber nach dem Desaster von 2007 wird es auch in diesem Jahr keine Liebesbeziehung mehr zwischen den Peppers und dem Roskilde Festival. Kiedis springt hoch, ringt nach Luft, verreißt die Zeile, kann die Distanz zur Menge nicht überwinden. Die singt und tanzt, gibt sich nicht vollends hin. „Under The Bridge“: trotzdem schön! Das neue „Dark Necessities“: sanft funky in seinem Ska-Flow! Das Shirt von Anthony Kiedis: „Be fresh like a fish“ – abgesoffen, blutleer, vorhersehbar!

Nimmermüde Gesellen aus dem sonnigen Kalifornien: die Red Hot Chili Peppers. Quelle: SCANPIX DENMARK

Also einfach weitergehen in diesem Meer der Mannigfaltigkeit: Die erst 19-jährige Aurora („Running With The Wolves“) und der Thrash-Metal von Slayer sind ja auch noch da. Kontraste! Und die Comeback-Boys von At The Drive-In sowieso. Ihr Album „Relationship of Command“ machte sie vor 16 Jahren zu Post-Hardcore-Legenden, kurz darauf lösten sie sich auf. Jetzt die zweite Reunion: Während die Peppers abliefern (mehr nicht), geben sich At The Drive-In kraftstrotzend und ekstatisch mit triumphalen Hymnen wie „One Armed Scissor“. Vieler Worte von Frontmann Cedric Bixler-Zavala bedarf es nicht. Die Texaner sind eine brettharte Herzenssache. Spätestens jetzt hat das Festival die Seele geküsst: feucht und innig, wild und schmutzig.

Tenacious D bleiben Kult wie ihre Filme

Kein Sir, kein Boss, kein Prince in diesem Jahr auf der „Orange Scene“, aber jede Menge Spaßfaktor. Mit House of Pain wird herumgehüpft („Jumping around“), am zweiten Abend tanzt und feiert alles mit Macklemore & Ryan Lewis bei Songs wie „Thrift Shop” oder „Can’t Hold Us“. Dann Tenacious D, Jack Black und Kyle Gass mit ihrem Led-Zeppelin-Queen-Who goes Monty Python, das herzlich und witzig ist und vor allem von großem Können zeugt und dennoch auf der großen Bühne absäuft.

Mehr Tiefgang gefällig? Die Fusion aus Grandezza und Noir der großen PJ Harvey überstrahlt alles. Punkt. Erst Samstagabend oder später geht Roskilde zu Ende.

So schnell ausverkauft wie in diesem Jahr war das Festival zuletzt 1996. Auch damals spielten Neil Young, die Chili Peppers, Slayer, dazu David Bowie, Björk, Rage Against The Machin, Pulp, Nick Cave und die Sex Pistols. In diesem Jahr kommen noch Neil Yong + Promise Of The Real, M83, Dänemarks Superstar Mø, LCD Soundsystem, James Blake, New Order und so viele andere.

Beginn mit 20 Bands

1971 wurde das Roskilde Festival aus der Taufe gehoben, damals noch als „Sound Festival“ mit 20 Bands und 20 000 Besuchern an nur zwei Tagen.

Die Macher des Festivals verfolgen seit 1972 einen strikten Non-Profit-Gedanken. Sämtliche Gewinne gehen an humanitäre, kulturelle oder andere gemeinnützige Organisationen.

Einmal im Jahr wächst das Roskilde Festival – 35 Kilometer westlich von Kopenhagen gelegen – mit seinen 135 000 Besuchern auf 2,5 Millionen Quadratmetern, darunter 32 000 freiwillige Helfer, zur viertgrößten Stadt des Landes.

183 Acts aus 30 Ländern performen in diesem Jahr auf den neun Bühnen des Festivals. Zu den Höhepunkten am Wochenende gehören Neil Young, Foals, LCD Soundsystem, Mø, New Order, James Blake, Tame Impala, Biffy Clyro.

„Equality 2016 – Stand up for your rights“, lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Für Irritationen sorgten Plakate, auf denen sich die Roskilde-Verantwortlichen das Recht vorbehalten, sämtliche Handy- und Internet-Kommunikation der Festival-Besucher „zu beobachten und Daten an unsere Partner weiterzugeben“. Die Banner („Sharing is caring“) erwiesen sich als Aktion der Aktivistengruppe The Yes Men und Edward Snowdens gegen Digitale Überwachung. Am Dienstag hatte der Whistleblower – zugeschaltet aus seinem Moskauer Exil – an einer Talkrunde mit Besuchern des Festivals teilgenommen.

Livestream von den Roskilde-Bühnen: redbull.tv/Roskilde

Aber Roskilde ist mehr als Musik, ist Anarchie, Hipster- und Hippietum, Kunst, Streetart, Installationen an den Bühnen, liebevoll gestaltete Chillout-Areas. Roskilde ist Organisation: Apotheke, Bahnhof, Radio und tägliche Zeitung inklusive. Roskilde ist ein riesiges Fahnenmeer vor der großen Bühne, ist der Geruch von Marihuana im ewigen Wettstreit mit dem Duft lange nicht gewaschener Füße. Roskilde, das sind berückende Skandinavierinnen in Jump Suits, kernige Rotbart-Träger, die den isländischen Fußball-Schlachtruf zelebrieren. Roskilde ist Öko, ist „grünes“ Klopapier, ist kulinarische Vielfalt von veganen Suppen über dänische, schwedische Küche bis zum Bio-Joghurt, Bio-Hot-Dog, Bio-Bagel. „Wir träumen von einem Festival ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt“, sagt Roskilde-Sprecherin Christina Bilde. Roskilde: immer auch Utopie.

„Wenn Woodstock irgendwo weiterlebt, dann hier“, schrie Sammy Hagar, Sänger der Rock-Gruppe Van Halen und beschwor damit die Reinkarnation der Mutter aller Hippie-Happenings. Im 46. Jahr ist Roskilde – neben Glastonbury in Großbritannien – selbst zur Mutter aller Festivals geworden. „Wenn ich nicht nach Roskilde fahren kann, fehlt mir das ganze Jahr über etwas“, sagt Sales Manager Rasmus (34) aus Kolding. Helle (25) zieht trotz des anfänglichen Regens acht Tage durch. „Nur am Dienstag musste ich kurz nach Hause“, sagt die Studentin aus Apenrade. „Papa hat 60. Geburtstag gefeiert.“

Vor 16 Jahren kamen neun Menschen bei einem Konzert von Pearl Jam ums Leben. Es folgten Jahre der Katharsis. Langsam brach sich das Orange Feeling wieder Bahn. Heute erinnern neun Birken und ein Gedenkstein daran, wie zerbrechlich wir sind („How fragile we are“) – Roskilde gilt europaweit als Maßstab für Sicherheit auf Festivals. Musik, Sex Appeal, Weltverschwörung. Roskilde ist Innovation, kann Leben verändern. Wer ein Ticket kauft, ist nicht nur Besucher. Er ist Träumer, Bewohner, Mitgestalter. Darum: Auf die nächsten 20 Jahre im Schulterschluss von Rebellion, Romantik und Rock ’n’ Roll.

Von Tamo Schwarz

Kultur Floating Piers - Kunst und Knarren

Die Welt fühlt sich hingezogen zu den leuchtenden Bahnen, die der Land-Art-Routinier Christo (81) auf den Iseo-See in Norditalien gezaubert hat. 1,2 Millionen Besucher hatte das Kunst-Projekt. Nur noch bis Sonntag kann es betreten werden. Das Inselchen San Paolo, das von den Stegen umgeben wird, ist Privateigentum der Waffenherstellerdynastie Beretta.

01.07.2016

Der Sänger Adel Tawil (36) hat wegen einer Halswirbelverletzung alle Konzerte in diesem Sommer abgesagt. Das teilte sein Management Live Legend am Freitag über örtliche Konzertveranstalter mit.

01.07.2016

Bei Verträgen für Versicherungen, Strom oder Telefon kann so einiges schief gehen. Mal ist eine Straße falsch geschrieben, mal wurde der falsche Energiekonzern als aktueller Stromlieferer angegeben und manchmal werden Tarife vereinbart, die für eine Region gar nicht gelten. Die Plattform „Webactive“ der Potsdamer Software-Firma „Intervista“ verhindert solche Fehler.

04.07.2016
Anzeige