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Kultur Ronald Weber über den stalinistischen Dandy Peter Hacks
Nachrichten Kultur Ronald Weber über den stalinistischen Dandy Peter Hacks
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01:16 12.10.2018
Ronald Weber bei der Vorstellung seines Buches „Peter Hacks. Leben und Werk“ in Potsdam im Literaturladen Wist. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Wer heute aus dem Fenster schaut und über 40 ist, dem kommt vielleicht gerade dieses Gedicht in den Sinn: „Der Herbst steht auf der Leiter/ und malt die Blätter an,/ ein lustiger Waldarbeiter,/ ein froher Malersmann…“. Die Lyrik von Peter Hacks zeichnet eine sprachliche Leichtigkeit aus, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihresgleichen sucht. Doch Peter Hacks, der sechs Jahre alt war, als Joachim Ringelnatz 1934 starb, war alles andere als ein unkomplizierter, freundlicher Typ. Und er konnte auch sehr gestelzt und affektiert schreiben, weil er sich selbst als Klassizist verstand und sich als Kommunist am 18. Jahrhundert und an Johann Wolfgang Goethe orientierte.

Kaum ein DDR-Schriftsteller zog ab Mitte der 1970er Jahre so viel Verachtung und Hass auf sich wie Peter Hacks. Als eitler Pfau und antidemokratischer Aristokrat, der Stalin und Ulbricht nachtrauerte und die Ausbürgerung Wolf Biermanns mit wüsten Pamphleten begrüßte, hatte er in Ost und West einen schweren Stand. Bis zu seinem Tod 2003 lebte er in selbst gewählter Isolation auf einem Landsitz in Groß Machnow, Landkreis Teltow-Fläming.

Unvoreingenommene Bestandsaufnahme

Seinen seltsamen Lebensstil, seine dubiose Weltanschauung und seine amüsanten und schrulligen Schriften können Zeitgenossen kaum unparteiisch und ausgewogen erklären. Da muss schon ein Außenstehender wie Ronald Weber kommen, der 1980 in Duisburg geboren wurde, wo er auch studiert hat. Er hat das Leben und Werk von Peter Hacks einer unvoreingenommenen Bestandsaufnahme unterzogen. Weber stieß auf den Stoff, weil Hacks der Intimfeind des DDR-Dramatikers Heiner Müller war, der an westlichen Unis um das Jahr 2000 modisch verehrt wurde.

Hacks ist einer der wenigen Autoren, denen schon zu Lebzeiten eine Werkausgabe von letzter Hand vergönnt war. Die 15 Bände in braunem Kunstleder mit Bünden im Buchrücken und goldenem Prägedruck sollten äußerlich an die Werkausgabe von Stalin erinnern. Das war kaum humorvoll gemeint, denn „Stalin aufgeben ist Marx aufgeben“, so eine Schlüsselerkenntnis des Salonkommunisten. Er verfasste anspruchsvolle Essays über ästhetische und politische Fragen, in denen seine literarische Bildung und seine Ideologie, seine Verachtung für Fragen der individuellen Moral und sein polemisches Temperament eine schillernde Melange eingehen.

Großes Verständnis für Herrschaftsprobleme

In erster Linie verstand sich Hacks aber als Dramatiker. Er schrieb 50 Stücke, manche wurden Bestseller, andere wurden nie aufgeführt. Heute sind sie fast vergessen. „Alle seine Dramen umkreisen mehr oder weniger die Frage, wie sich der Sozialismus erfolgreich einrichten lässt und welche Konsequenzen den Individuen daraus erwachsen“, schreibt Weber und bescheinigt Hacks „ein großes Verständnis für Herrschaftsprobleme“. Weber, der als Redakteur bei der linken Tageszeitung junge Welt angestellt ist, hat sich die Lesearbeit gemacht und liefert interessante Zusammenfassungen. Und er erzählt auch von einem rauschenden Theatererfolg, den Hacks 1962 am Deutschen Theater feiern konnte. Nach der Premiere des Stücks „Der Frieden“ (Regie: Benno Besson) gab es 45 Minuten Beifall. Mit dem Schlusswort des Chores, „Der Krieg ist vorbei./Gesegnet, gesegnet das Bett/ Und die Wonnen der Liebe“, konnte sich die Nachkriegsgeneration identifizieren. Auf Weisung von oben gab es keine einzige Besprechung in einer DDR-Zeitung.

Wenig später wurde sein Stück „Die Sorgen und die Macht“ (Regie: Wolfgang Langhoff) abgesetzt. Um den Schwierigkeiten mit der Zensur auszuweichen, wählte Hacks fortan historische Stoffe. Anfang der 1970er Jahre wurde er mit „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“ und „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ der meist gespielte deutsche Gegenwartsdramatiker.

Heute wird sein Werk vom Eulenspiegel-Verlag betreut. Verleger Matthias Oehme brachte kurz vor Hacks Tod 2003 eine 15-bändige Werkausgabe von letzter Hand heraus.

Das Buch: Ronald Weber: Peter Hacks –Leben und Werk. Eulenspiegel, 606 Seiten, 39 Euro.

„Die Unzufriedenheit eines Teils der DDR-Bürger kommt bei Hacks schlicht nicht vor“, stellt sein Biograf fest. Beliebte Schriftsteller wie Christa Wolf, Franz Fühmann oder Günter de Bruyn attackierte Hacks, der nie in die SED eintrat, schon in den 1970er Jahren als Feinde des Sozialismus. Er fand es konterrevolutionär, dass diese ihre Verdrossenheit in den Romantikern spiegelten, die Anfang des 19. Jahrhunderts mit den Idealen der Weimarer Klassiker haderten.

Kurioserweise umgab sich Hacks aber selbst mit Biedermeier-Möbeln und Antiquitäten, die er obsessiv sammelte. Er war ein erklärter Feind der Moderne und zog gegen das Regietheater zu Felde. Dem sozialistischen Städtebau setzte der Dandy seinen plüschigen, restaurativen, leicht puffigen Stil im Altbau mit Stuckdecke entgegen. In den „Golden Sixties“, wie er seine beste Zeit nannte, entwickelte sich seine Wohnung in der Schönhauser Allee 129 in Berliner Prenzlauer Berg zu einem illustren Treffpunkt.

Polyamores Liebesleben

Ab 1974 zog sich Hacks in den Sommermonaten auf ein Landgut zwischen Rangsdorf und Mittenwalde zurück. Mit seiner Frau ließ er sich den Ausbau der Ziegelei „Fenne“ stolze 900 000 DDR-Mark kosten. Die Pflanzen für die parkartige Gartenanlage bezog das Paar aus dem Westen. In Berlin und in Groß Machnow dirigierten sie mehrere Hausangestellte, die im Monat mit 1000 Mark (plus 40 Westmark) entlohnt wurden.

Ronald Weber hat Zeitzeugen interviewt und auch Archive befragt. Dass Hacks offen ein polyamores Liebesleben führte (Männer eingeschlossen), schneidet er an. Den Furor gegen Biermann erklärt Weber aber nicht damit, dass Hacks und Eva Maria Hagen ein Paar waren, ehe die Schauspielerin dann zu Wolf Biermann überlief. Mit Deutungen hält sich das Buch zurück. Weber beschönigt, verteufelt und skandalisiert nichts. Vielmehr möchte er auf den 600 Seiten Peter Hacks und sein facettenreiches Werk aus seiner Zeit heraus erklären.

Verständnis für Diktatoren

Als Angehöriger der so genannten Flakhelfer-Generation entwickelte Hacks schon als Jugendlicher ein tiefes Misstrauen gegen das deutsche Volk. Daraus schlussfolgerte er, dass die Gesellschaft von kommunistischen Diktatoren mit harter Hand durchregiert werden muss. Honecker und Gorbatschow waren für ihn „Revisionisten“, also konterrevolutionäre Weicheier. Bemerkenswert, dass westdeutsche Intellektuelle wie Dietmar Dath, Frank Schirrmacher, Wiglaf Droste und Martin Mosebach dem DDR-Schriftsteller Peter Hacks nach dessen Tod höchsten Respekt zollten.

Von Karim Saab

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