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Roter Mohn im Gewitter auf Porzellan

Die fünf Künstler vom Glindower Keramik&KulturGut Roter Mohn im Gewitter auf Porzellan

Wie Fossilien anmutende Gebilde, Geschirr, auf denen Geschichten erzählt werden oder Vasen mit floralen Motiven: Die fünf Künstler vom Glindower (Potsdam-Mittelmark) Keramik&KulturGut erschaffen Schönes und Außergewöhnliches aus Ton oder Porzellan. Gebrannt werden ihre Arbeiten im nahen einzigen Hoffmannschen Ringofen Deutschlands, der noch in Betrieb ist.

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Vor ihren Flaschen und Bechern aus Porzellan: Julia Grade sagt, es ist das reinste Material, das es gibt.

Quelle: Julian Stähle

Glindow. Eine Parade von Flaschen in reinstem Weiß füllt den Tisch in Julia Grades Werkstatt auf dem Keramik&KulturGut in Glindow (Potsdam-Mittelmark). „Als wir hier beim Aufräumen so viele alte Glasflaschen gefunden haben, dachte ich, sowas dreh ich aus Porzellan nach“, erzählt die 34-Jährige. Und auf ihren Bechern erzählt sie kleine Geschichten. Da ruht sich beispielsweise ein Mensch im Liegestuhl aus, dazu die Bemerkung „Zwischenzeit“. Oder es steht lediglich „mal sehen“ drauf. Wie ein Telegramm an den Benutzer. Für die Schriftzüge hat Julia Grade eine Schreibmaschine vom Trödler auseinandergenommen. Und die metallenen Lettern ins Porzellan gedrückt, als es noch weich war, wie sie erklärt. Seit Neuestem kann man ihre Arbeiten auch im Laden „Juwel“ im Prenzlauer Berg in Berlin anschauen und kaufen. Ob sie auch dort ihre Liebhaber finden? Mal sehen.

Überhaupt: Mal sehen. Das dachten sich Julia Grade und die anderen vier Keramiker – Mike Wagner, Martin Grade, Julia Winter und Claudia Winter – auch, die sich an der Fachschule für Keramikgestaltung im rheinland-pfälzischen Höhr-Grenzhausen kennengelernt haben, als sie nach dem Studium ein Plätzchen suchten, wo sie zusammen arbeiten können. 2010 sahen sie das erste Mal dieses leer stehende einstige Mühlengehöft in der Nähe der Glindower Neuen Ziegel-Manufaktur, wo noch der letzte Hoffmannsche Ringofen Deutschlands in Betrieb ist. Die Gemäuer zerbröckelten. „Wir waren ziemlich ernüchtert“, erzählt Claudia Winter. „Trotzdem fand ich den Hof schön. Es wuchs überall Goldrute. Wir wussten, dass es eine Heidenarbeit wird.“ Die fünf kauften das verkommene Anwesen von der Stadt Werder (Havel), beantragten Fördermittel, zogen im Sommer 2011 ein, fingen an zu sanieren.

Ateliers in der einstigen Remise

Die fünf Künstler des Keramik&KulturGuts leben und arbeiten seit Sommer 2011 auf dem Mühlengehöft in der Dr.-Külz-Straße 69 in Glindow. Julia Winter (33) stammt vom Bodensee, Julia Grade (34) aus Winsen an der Luhe, Claudia Winter (30) aus Waldenburg bei Chemnitz, Martin Grade (39) aus Goslar, Mike Wagner (37) aus Montreal.

Überliefert ist , dass die denkmalgeschützte Wassermühle 1676 auf dem Anwesen errichtet wurde. Dort gibt es auch das über 100 Jahre alte Langhaus, das sie sich fürs Wohnen wieder herrichten, sowie die bereits sanierte Remise mit den Ateliers.

Besucher können donnerstags und freitags (jeweils von 10 bis 17 Uhr) sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr die Arbeiten aus Ton und Porzellan anschauen und kaufen. Am Sonntag gibt’s bei schönem Wetter Kaffee und selbst gebackenen Kuchen im Hofcafé.

Weitere Infos unter www.keramikundkulturgut.de

Inzwischen hat jeder in der zu neuem Leben erweckten Remise ein eigenes Atelier, lädt in seine kleine Ausstellung ein. Auf Mike Wagners Steinzeug-Geschirr finden sich Comics aus den 1950ern. Die Vorlagen erstellt er am Computer, per Siebdruck bekommt er sie auf die Gefäße. An der Wand des Holzschuppens hängen seine organisch anmutenden Gebilde aus Ton. Das wulstige, gewundene in Blassrosa ähnelt Pilzschwämmchen an einem Baum. Und was ist das hellgrüne Etwas? Ein Geschwür? „Na Kunst eben“, sagt Julia Winter und lächelt.

Martin Grades steinerne Muscheln hingegen und seine Kreationen mit Waben-Struktur erinnern irgendwie an Relikte aus anderen Erdzeitaltern. Er dreht seine Objekte nicht, er baut sie aus Ton. Im Innern seiner doppelwandigen Kapseln hat er Spuren hinterlassen. „Er zieht den Ton mit den Fingern zusammen“, erklärt Julia Grade, seine Frau. Eindrucksvoll ist ebenso jene Kreation aus Segmenten, die ineinandergeschachtelt sind. Unlängst hat Martin Grade einen Körper erschaffen, der Durchblicke am unteren Rand gestattet. Zum oberen Teil hin gibt es dünne Stegeverbindungen. Nun reißt dort der Ton, weil sie das Gewicht doch nicht halten können. „Es ist stets ein Dialog zwischen dem Künstler und dem Material, das arbeitet“, erklärt seine Frau.

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Sie muten wie Relikte aus anderen Erdzeitaltern an oder ähneln organisch anmutenden Gebilden. Jeder der fünf Glindower Künstler vom Keramik&KulturGut dreht oder baut Schönes auf seine Weise. Hier ein paar Beispiele.

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Seit vier Monaten stellt Claudia Winter Pflanztöpfe mit rauer Oberfläche und Drehrillen her. Rötlich, gelblich oder grünlich sind sie. „Überraschend ist immer wieder der Farbton, der beim Brand im Hoffmannschen Ringofen entsteht“, findet sie. Bei 1100 Grad Hitze bleiben die Stücke dort zwölf Tage. Wunderbar sind ihre Vasen mit floralen Motiven. Margeriten, Sonnenblumen, rotem Mohn oder Anemonen. Stimmungsvoll die Hintergründe: Da zieht ein Gewitter auf, ist Dämmerung oder Morgengrauen. Winterdisteln trotzen der Kälte im Schnee. Wie kriegt sie das hin? „Ich zeichne die Motive erst auf einer Gipsplatte, lege sie farblich aus, übergieße sie mit Schlicker, flüssigem Ton“, sagt Winter. Beim Trocknen sauge dieser die Farbpartikel an. Dann baue sie aus den Platten die Zylinder der Gefäße und schließe sie. „Darum haben meine Vasen eine Naht“, sagt sie und lacht.

Auf Julia Winters Tellern, Dosen & Co. aus Porzellan hingegen finden sich zarte Kirschen, Dolden oder Vergissmeinnicht. Und auf Schälchen haben sich Rotkehlchen, Waldkauz oder Zaunkönig niedergelassen. Ist Keramik denn überhaupt noch in? „Nee“, sagt Julia Winter, „aber es gibt derzeit einen Aufschwung durch die Do-it-yourself-Welle. Die jungen Leute finden Keramik gut, wenn sie nicht so bäuerlich plump daherkommt.“ Hoffnungsfrohe Zeiten also für die fünf vom Keramik&KulturGut? Mal sehen.

Von Angelika Stürmer

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