Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Regenschauer

Navigation:
Sammler der gestohlenen Meisterwerke

Glanz und Tragik der Kunsthändler-Dynastie Gurlitt Sammler der gestohlenen Meisterwerke

Durch eine Unvorsichtigkeit hat Cornelius Gurlitt die Ermittler auf die Spur eines ungeheuerlichen und lange im Verborgenen gehaltenen Familienschatzes gebracht: Verschollen geglaubte Werke der klassischen Moderne, die die Nazis als "entartete Kunst" abtaten. Zusammengetragen hat sie Gurlitts Vater Hildebrand, der Kunsthändler war.

Voriger Artikel
Sting und Paul Simon gehen gemeinsam auf Tour
Nächster Artikel
Pérez-Reverte: Die Welt hat aus der Krise nichts gelernt

Die Kombo zeigt die Bilder "Melancholisches Mädchen" des Deutschen Ernst Ludwig Kirchner (von links oben im Uhrzeigersinn) und die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, aufgenommen am Dienstag in Augsburg (Bayern) während der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg zum spektakulären Kunstfund in München.

Quelle: dpa

München. Familiengeister können schrecklich sein. Am Schluss einer Saga, die Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem vielversprechenden Landschaftsmaler namens Louis Gurlitt im damals dänischen Altona begann, steht eine ausgebleichte Stelle an einer Wand. Eine Mitarbeiterin des Kölner Kunst- und Auktionshauses Lempertz begutachtet 2011 die Wand in einer Münchner Etagenwohnung im Stil der siebziger oder achtziger Jahre. Es ist kein Luxusappartement, aber auch keine Messie-Behausung. Die helle Stelle an der Wand lässt darauf schließen, dass Max Beckmanns Gouache „Löwenbändiger“ schon lange dort gehangen haben muss – es sich also vermutlich um ein klassisches Erbstück handelte.

Besitzer des Kunstwerks ist ein älterer Herr, der auf die 80 zugeht. Er berichtet seiner Besucherin nichts von weiterem Kunstbesitz, obwohl sein Name Cornelius Gurlitt dies nahegelegt hätte. Immerhin entstammt der zurückhaltend und scheu auftretende Mann einer bekannten Künstler- und Kunsthändlerdynastie.

Cornelius Gurlitt ist der Sohn des prominenten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und offenbar kinderlos. Nur eine Schwester scheint es zu geben. Wenig später wird das Beckmann-Bild bei Lempertz in Köln versteigert und erzielt 864.000 Euro. Gurlitt aber muss den Erlös teilen. Das Auktionshaus hat ihn – völlig korrekt – darauf aufmerksam gemacht, dass Erben jüdischer Vorbesitzer Ansprüche darauf erheben. Cornelius Gurlitt zeigt sich kooperativ und lässt sich auf eine vom Auktionshaus moderierte Übereinkunft ein. Ein paar Monate später durchsucht die Polizei ein Haus des 79-Jährigen im Münchner Stadtteil Schwabing. 1406 Bilder, darunter NS-Raubkunst und Werke aus der barbarischen Museumssäuberungsaktion „Entartete Kunst“, werden aus einer verdreckten und verdunkelten Wohnung abtransportiert. Seitdem liegen die Bilder beim Zoll in Garching bei München unter Verschluss.

Durch eine Unvorsichtigkeit hatte der bis dato völlig unauffällige Mann die Ermittler auf die Spur des ungeheuerlichen und mehrere Jahrzehnte lang im Verborgenen gehaltenen Familienschatzes gebracht. Gurlitt hatte sich bei einem Grenzübertritt mit auffallend viel Bargeld vom Zoll erwischen lassen.

Ein Mann mit dunkler Vergangenheit

Cornelius Gurlitt (79) driftete in seiner Wohnung inmitten verschollen geglaubter Werke der klassischen Moderne der Verwahrlosung entgegen. Zusammengetragen hatte den Schatz sein Vater Hildebrand, Sohn eines Architekten und Professors für Baugeschichte aus Dresden – und ein Mann im Zwielicht. 1895 geboren, leitet er ab 1925 das König-Albert-Museum in Zwickau. Er habe dort eine „weitsichtige Arbeit für die modernen Künste“ geleistet, bescheinigt ihm das Museum heute. Er kauft und zeigt Werke von Kollwitz und Nolde, von Kan dinsky bis Klee, mit Barlach und vielen anderen Künstlern ist er befreundet. 1930 wird er entlassen und leitet den Kunstverein Hamburg, bis die Nazis an die Macht kommen und der Sohn einer jüdischen Großmutter gehen muss. Er verlegt sich in Hamburg auf den Kunsthandel und zählt 1938 trotz seiner Einstufung als „Vierteljude“ zu den vier Kunsthändlern, die von den Nazis mit dem Verkauf beschlagnahmter Werke ins Ausland beauftragt werden. 1943 wird er in Paris zum Ankäufer bestellt. Der Erlös aus der „Kunstverwertung“ sei aber nicht sehr groß gewesen, erklärt Wolfgang Wittrock, Initiator der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der FU Berlin. Von dem Geld habe man „lediglich zwei Panzer kaufen können“. Außerdem seien die Werke auch im Inland verkauft worden, einige Werke hätten die Händler selbst behalten.
Nach dem Krieg wird Gurlitt entnazifiziert, arbeitet in Düsseldorf und stirbt 1956 bei einem Unfall. Von etwa jedem zweiten der 21.000 als „entartet“ beschlagnahmten Kunstwerke hat die Forschungsstelle in Berlin die Herkunft klären können. Sie ist durch die Expertin Meike Hoffmann auch in die Aufarbeitung der Gurlitt-Funde eingebunden. int

Am Dienstag wurden von der Staatsanwaltschaft in Augsburg immerhin elf von mehr als 1400 Kunstwerken aus der Schwabinger Wohnung vorgestellt. Ein Canaletto ungeklärter Herkunft ist darunter, ein Farbholzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner aus der Kunsthalle Mannheim. Eine Pferdelandschaft von Franz Marc aus Halle, ein bislang völlig unbekanntes Bild von Marc Chagall, und zwar eine allegorische Szene – kunsthistorisch extrem wertvoll. Eine „Sitzende Frau“ von Henri Matisse wurde möglicherweise 1942 vom Einsatzstab des Reichsleiters Rosenberg in einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt. Ein Gemälde von Max Liebermann zeigt „Zwei Reiter am Strand“, daneben ein unbekanntes Selbstbildnis von Otto Dix und mehrere Grafiken von ihm, die nachweislich im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden. Daneben fand sich auch ein Werk, das erst 1949, also nach dem Krieg, in die Sammlung Gurlitt gelangt sein soll: Gustave Courbets „Mädchen mit Ziege“.

Die Kombo zeigt ein Selbstporträt des deutschen Malers Otto Dix mit einer Zigarette im Mund (von links oben im Uhrzeigersinn), eine Zeichnung des Deutschen Carl Spitzweg mit dem Titel "Musizierendes Paar", eine "Allegorische Szene" von Marc Chagall, eine Arbeit von Antonio Canaletto (Giovanni Antonio Canal) und eine Arbeit des deutschen Malers Franz Marc mit dem Titel "Pferde in Landschaft", aufgenommen am Dienstag in Augsburg (Bayern) während der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg zum spektakulären Kunstfund in München. Foto: dpa

Eine Spitzweg-Zeichnung könnte hingegen bereits der Großvater erworben haben. Dieser hieß ebenfalls Cornelius und war im 19. Jahrhundert ein anerkannter Kunsthistoriker. Auch sein Bruder Ludwig war kunstaffin. Er schrieb mehrere Artikel, in denen er das Werk des malenden Vaters aus Altona rühmte.

Mit Hildebrand Gurlitt, dem Vater von Cornelius, der 1895 in Dresden geboren wurde, erhielt der Name Gurlitt dann aber einen dunklen Beiklang. Er beteiligte sich während der Naziherrschaft daran, Juden in Zwangslagen auszunutzen. Dabei – und das macht seinen Fall wirklich tragisch – galt er laut der Nürnberger Rassegesetze aufgrund der Großmutter selber als „jüdisch versippt“.

Entartete Kunst

  • Das NS-Regime diffamierte Kunstwerke als „entartet“, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Menschenbild passte. Das galt unter anderem für Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Surrealismus oder Kubismus.
  • Ursprünglich stammt der Begriff „entartet“ aus der Rassenlehre der Nazis – in der Euthanasie-Bewegung des Dritten Reiches wurde er für erbkranke und behinderte Menschen verwendet. Die Übertragung des Begriffs ins kulturelle Leben sollte den angeblich minderwertigen Charakter „moderner Verfallskunst“ anprangern.
  • In erster Linie betroffen waren Vertreter des deutschen Expressionismus, deren abstrakte, kontrastreiche und oft fratzenhafte Darstellungen vom NS-Idealbild des „starken Menschen“ abwichen.
  • Ins Visier der Kulturwächter geriet zum Beispiel die Dresdner Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ mit Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Emil Nolde. 1938 wurde ein Gesetz zur Enteignung von Museen erlassen, die die Entfernung solcher Werke verweigerten. Die Künstler wurden mit Mal- und Ausstellungsverboten unterdrückt, viele kamen ins Gefängnis oder Konzentrationslager.

1945 wurde Hildebrand Gurlitt als minderbelastet eingestuft und leitete bis zu seinem Tod 1956 den Kunstverein Düsseldorf. Er und später seine Witwe beteuerten, das Galeriedepot und -archiv seien im Dresdner Bombenhagel in Flammen aufgegangen. Seit dem Wochenende wissen wir, dass das gelogen war. Die Bilder und die Geschäftsunterlagen gingen an den Sohn, der offenbar aus gelegentlichen Kunstverkäufen seinen Unterhalt bestritt. Die Papiere befinden sich inzwischen in den Händen von Forschern. Sie bieten eine wichtige Grundlage zur Rekonstruktion von Werkbiografien, nicht nur bezogen auf die 1400 Werke aus München, sondern weit darüber hinaus.

Wie es scheint, wuchs Gurlitt sein belastetes Erbe schlussendlich über den Kopf. Den Beamten, die den Familienhort beschlagnahmten, soll er gesagt haben, das sei ihm egal, denn er werde ohnehin bald sterben. Der leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz sagte gestern, Cornelius Gurlitt werde außer Steuerhinterziehung auch Unterschlagung vorgeworfen. Über den derzeitigen Aufenthalt des Verdächtigen sei nichts bekannt. Ein Haftbefehl liege nicht vor.

Ungeklärt ist, ob der Mann neben der geräumten Wohnung noch andere Kunstlager hat, beispielsweise in Österreich, wo er offiziell gemeldet sein soll. Zumindest eine weitere Wohnung scheint es zu geben, nämlich die mit der ausgeblichenen Stelle, an der Beckmanns „Löwenbändiger“ hing. Es könnte die Wohnung der verstorbenen Mutter sein.

Von Johanna Di Blasi

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Heiligabend fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Sollten die Geschäfte trotzdem öffnen?