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Sarah Bosetti las in Rheinsberg

Die Absurdität der Logik Sarah Bosetti las in Rheinsberg

Wo käme man denn hin, wenn man dem Energie-Vertreter an der Haustür die Gesprächsführung überließe? Sarah Bosetti gibt sich nicht mit Zuhören zufrieden. Ihr Sprachwitz verlangt, nach draußen gelassen zu werden. Und das nicht zu knapp. Mit scharfem Blick und scharfer Zunge spiegelt sie ihre Welt: fröhlich bis witzig, logisch bis skurril oder surreal: und immer wortgewaltig.

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Sarah Bosetti

Quelle: Regine Buddeke

Rheinsberg.  

Sie ist deutschsprachige Vizemeisterin im Poetry Slam – den Titel hat sie nicht von ungefähr. Sie ist auf etlichen Berliner Kabarett- und Lesebühnen präsent, und hat eine davon – „die Couchpoetos“ – mitbegründet. Darüber hinaus präsentiert Sarah Bosetti ihr wortmalerisches Talent auch in ihrer Radioeins-Kolumne „Eintagssiege“. Am Dienstag las sie vor 20 Gästen im Rheinsberger Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum.

„Die Geschichten dauern immer etwa fünf Minuten – dann dürfen Sie klatschen, um sich vom Gelesenen zu erholen“, eröffnet die 31-Jährige. „Außerdem ist es schön für mich – wenn auch anstrengend für sie“, setzt sie nach und hat die Lacher schon auf ihrer Seite. Das soll sich bis zum Ende der Lesung auch nicht mehr ändern. Auch wenn der erste Text eher ein durchschnittlicher sei – so sagt sie es. „Damit ich mich noch steigern kann – aber das beurteilen sie am Ende – am besten still für sich“, ulkt sie. Und beginnt mit dem „Durchschnitt aller Dinge“ – einem skurrilen Dialog mit dem Mann von Lecker-Energie, der an der Tür klingelt, um die überdurchschnittlich hohe Stromgebühr der Protagonistin zu senken. Sehr schnell nimmt Bosetti dem Mann die Rolle des inquisitorisch Fragenden aus der Hand, um ihrerseits so skurrile Fragen zu stellen, dass der Mann am Ende hirngewaschen zugibt, mit seinen 40 Jahren immer noch bei seiner Mutter zu wohnen und eigentlich von den Zeugen Jehovas zu kommen. In Berlin brauche man immerhin durchschnittlich 1,7 Jobs, um über die Runden zu kommen, sagt er – respektive Bosetti selbst. Mit abwechselnd tiefer und hoher Stimme redet sich die Berlinerin in einen wahren Wortrausch – schnell und schneller bezieht sie die Zuhörer in den Strudel aus Logik und Irrwitz. „Wie viele schlagen Ihnen eigentlich die Tür vor der Nase zu“, fragt sie. „Normalerweise mehr als heute.“ „Soll ich Ihnen helfen, auf Ihren Schnitt zu kommen?“, bietet Bosetti hilfreich an und Wumms. Das Publikum lacht.

„Publikumsbeleidigung hat sich bewährt“, sagt Bosetti mit unschuldigem Lächeln und lässt mit „wenn ich mal groß bin, will ich alt werden“ eine Eloge aufs Alter folgen, bei der die Jugend ihr Fett wegkriegt. „20 Jahre – die sehen aus wie Plätzchen, die noch nicht lange genug im Ofen waren“, sagt sie. „Wenn man die kneift, hat man Angst, dass einem Teig entgegenspritzt.“ Es sei so viel schöner, stundenlang im Schaukelstuhl auf seine runzeligen Hände zu starren. „Die Abenteuer werden im Alter nicht weniger – sie nehmen nur andere Formen an“, verspricht sie den amüsiert lächelnden Gästen, die allesamt ein gut Teil älter sind als die Autorin. „Wenn die 40-Jährigen klagen, die guten Partner seien alle schon vergeben – Geduld! Mit 90 ist die Hälfte wieder frei“, sagt sie und kommt rasch zum nächsten Text ums Thema Kinder. „Wie soll es aussehen und was tun wir dann damit“, so die hilflose Frage an den potenziellen Partner. Ein IKEA-Kind, das etwas schief und wackelig in der Wohnung steht – und also logisch auch noch Billy genannt werden muss? Man habe es streng nach Anleitung gebaut und trotzdem sind am Ende ein paar Finger übrig geblieben, die man ihm nun in die Ohren stecken muss? Apropos Finger in die Ohren: sie selber habe sich in ihrer Kindheit gezwungenermaßen in die totale Isolation geflötet, nachdem ihre Mutter auf Blockflötenunterricht bestanden habe. Und schon ist Sarah Bosetti beim Thema Musik, plaudert über unglaubliche Bandnamen wie „Trollkotze“ und „Embryo-Bombenteppich“ – „da weiß ein Psychiater ja gar nicht, wo er anfangen soll“, haspelt sie sich in Rage. Da wären realistische Namen wie „100 Prozent Scheiße“ doch schon besser. Sie selber würde ja am liebsten eine Death-Metal-Band gründen, die nur aus einem Blockflötenorchester besteht. „Blockflöten des Todes – den Namen gibt es aber leider auch schon“, resigniert sie und ruft eindringlich: „Hört auf über Musik zu reden. Macht sie. Gründet eine Band. Musik ist zum hören da. Reden können wir über Politik.“ Und redet die Zuschauer immer mehr in Grund und Boden. Es ist eine Freude, ihr dabei zuzuhören: ein weibliches Schnellfeuergewehr mit kindlich-fröhlichem Charme. Bosetti ist eine gute Beobachterin und eine noch besserer Fabuliererin. Sie hat ein absolutes Gespür fürs Komische, sie fabuliert, dreht mit kindlicher Lust am Fragen Dinge ins Surreale, denkt laut und tabulos, seziert, bastelt wieder zusammen. Ein Whirlpool aus Logik und Absurdität. „Wenn ich deine Falten straffziehe, finde ich Dinge, die ich vor zehn Jahren verloren habe“, sagt sie – schön zweideutig – zu ihrem imaginären Liebsten. Und sprudelt heiter weiter. Bis zum finalen – „meinem besten“ – Text des Abends: das nervtötende, alles überlagernde Geplapper einer Mutter am Strand, das die Urlaubsidylle ad absurdum führt. Sarah Bosettis Endspurt ist gnadenlos.

Von Regine Buddeke

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