Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Warum Promi-Mütter kein gutes Vorbild sind

Schlankheitswahn Warum Promi-Mütter kein gutes Vorbild sind

Es ist oft kaum zu glauben. Nur wenige Monate nach der Geburt ihres Kindes zeigen sich etliche Promi-Mütter wieder rank und schlank der Öffentlichkeit. Der Schlankheitswahn macht nicht einmal vor Frauen halt, die gerade ein Kind bekommen haben. Es gibt mehrere Gründe, warum Promi-Mütter ein schlechtes Vorbild sind.

Voriger Artikel
AC/DC freuen sich auf "fantastische Show" in Hamburg
Nächster Artikel
"Geheimer Teil des Central Parks" wieder zugänglich

Heidi Klum hat vier Kinder.

Quelle: EPA

Potsdam. Stars wie Herzogin Kate oder Heidi Klum sind nach der Geburt eines Babys rasend schnell wieder schlank. Kaum haben sie ein Kind zur Welt gebracht, absolvieren Promi-Mütter Crash-Diäten und brutale Fitnessprogramme. Das Ziel: Der perfekte „After-Baby-Body“, der dann in den Klatschmedien präsentiert und gefeiert wird. Andere Frauen setzt das unter Druck – und die Fitnessindustrie greift den Trend dankbar auf. Spezielle Sportprogramme und DVDs sollen angeblich bei jeder die Spuren der Schwangerschaft schnellstmöglich wegzaubern. Doch das falsche Ideal ist meist unerreichbar und übertriebenes Training nach der Geburt sogar schädlich.

Herzogin Kate brachte im Mai ihr zweites Kind auf die Welt, die kleine Charlotte

Herzogin Kate brachte im Mai ihr zweites Kind auf die Welt, die kleine Charlotte. Sie und Prinz William haben bereits einen Sohn, George.

Quelle: EPA

Schlankheitstrend bei Mütter verstärkt sich zusehends

Renée Herfs betreibt eine gynäkologische Privatpraxis in Grünwald, einem noblen Vorort von München. Ihre Erfahrung: „Der Druck, nach der Geburt schnell wieder gut auszusehen, ist ein neuer gesellschaftlicher Trend, der sich immer weiter verstärkt.“ Ihre Patientinnen haben die Zeit und das Geld, in gutes Aussehen nach der Geburt zu investieren. Nicht wenige buchen – ganz so wie die Stars – einen Personal Trainer, um wieder in Form zu kommen. Und manche lassen ihren Körper sogar durch plastische Chirurgie neu modellieren.

Sport nach der Geburt? Ja, aber ...

Mütter, die gerade erst entbunden haben, sollten möglichst bald wieder körperlich aktiv werden. „Ist die Geburt unkompliziert verlaufen, können Mütter direkt danach mit Wochenbettgymnastik, sanftem Beckenbodentraining und leichten Aktivitäten wie Spazierengehen beginnen“, sagt Prof. Christine Graf, Sportärztin im Netzwerk Gesund ins Leben. Die Initiative wird vom Bundesernährungsministerium gefördert. „Frauen mit Kaiserschnitt oder Geburtskomplikationen warten dagegen besser sechs bis acht Wochen, bis sie mit der Rückbildungsgymnastik anfangen.“

Dabei gilt: langsam anfangen und nichts übertreiben. Da der Beckenboden wieder gestärkt werden muss, steht dessen Training und die Rückbildung im Vordergrund. „Beckenbodentraining und Rückbildungsgymnastik sind ganz wichtig“, sagt auch Marion Appel-Schiefer, Sporttrainerin in Köln. „Der Körper fühlt sich nach einer Schwangerschaft anders an, und alle Organe müssen sich wieder sortieren.“ Sanfte Sportarten wie Nordic Walking, langsames Laufen oder Gymnastik sind zusätzlich zu empfehlen. Erst wenn der Beckenboden voll belastbar ist, nach sechs bis acht Monaten, darf auch wieder intensiv Sport getrieben werden.

Unterschiede bei der Fitness zwischen Frauen, die natürlich entbunden haben oder ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben, gebe es kaum, sagt Gerda Enderer-Steinfort, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Köln: „Natürlich hinterlässt jede Narbe anfangs ein komisches Körpergefühl, aber eine Kaiserschnittnarbe heilt schnell.“ Grundsätzlich könnten Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben, jeden Sport betreiben, nur in unterschiedlicher Intensität.

10 bis 15 Kilo mehr als vor der Schwangerschaft zu wiegen ist normal

Aus ärztlicher Sicht sei es in der Regel nicht notwendig, das Gewicht nach der Geburt gezielt zu reduzieren: Zehn bis 15 Kilo mehr als vor der Schwangerschaft zu wiegen, sei erst einmal völlig normal, sagt Herfs. Während der Stillzeit nähmen die meisten Frauen dann ganz automatisch ab. Behutsam und allmählich die sportlichen Aktivitäten und die Essgewohnheiten wieder aufzunehmen, die man vor der Geburt gewohnt war, reiche in der Regel aus, damit sich auch der Körper zurückverändert. Es kann bloß etwas dauern. Studien zufolge wiegen Frauen sechs bis 18 Monate nach der Geburt nur noch durchschnittlich ein halbes bis anderthalb Kilogramm mehr als zuvor. Nur zwischen 13 und 20 Prozent der Frauen wiegen ein Jahr nach der Geburt immer noch über fünf Kilogramm mehr als vorher.

Wer es mit dem Sport übertreibt, riskiert, dass Geburtsverletzung nicht heilen

Medizinisch sinnvoll sei ein ganz normaler Rückbildungskurs, mit dem man den Beckenboden sechs bis acht Wochen nach der Geburt wieder stärkt, sagt Herfs: „Wer zusätzlich ein besonderes Sportprogramm zum Abnehmen absolvieren möchte, sollte es dabei nicht übertreiben und sich am besten einen seriösen Anbieter vom Arzt empfehlen lassen.“ Keinesfalls sollten Mütter versuchen, den Körper zwanghaft in Form zu bringen, bevor er sich ausreichend von der Geburt erholt hat. „Dabei kann man viel falsch und kaputt machen“, so die Frauenärztin. Es bestehe die Gefahr, dass Narben von Kaiserschnitt oder Dammrissen nicht richtig verheilen. Auch drohten Leistenbrüche und Inkontinenz, wenn der Beckenboden durch falsches und zu intensives Training überlastet werde. Solche Schäden werden nicht immer gleich entdeckt, sondern machen sich manchmal erst zehn oder fünfzehn Jahre später bemerkbar. Sämtliche Spuren der Schwangerschaft auszulöschen, gelingt ohnehin meist nicht. Wie stark etwa der Bauch oder das Brustgewebe erschlaffen, hängt auch von der Veranlagung ab – und lässt sich kaum beeinflussen.

Schauspielerin Scarlett Johansson ist Mutter einer Tochter

Schauspielerin Scarlett Johansson ist Mutter einer Tochter.

Quelle: EPA

Viele Frauen setzt der Abnehmdruck unter Stress und macht sie krank

Der Hype um den straffsten „After-Baby-Body“ bereitet auch Andreas Schnebel Sorgen. Er ist Vorsitzender des Vereins ANAD (Anorexia Nervosa and Associated Disorders), der ein Netzwerk aus Beratungs- und Therapieeinrichtungen für Essgestörte betreibt. Dass sich Frauen nach der Geburt wieder um die ursprüngliche Figur bemühen, sei grundsätzlich nachzuvollziehen. „Aber noch nie war der Druck so groß wie heute, dass es in Rekordzeit geschehen muss“, meint Schnebel. Vielen Frauen setze das dermaßen zu, dass sie krank werden. „Magersucht und Bulimie rund um die Geburt haben in den vergangenen Jahren eindeutig zugenommen.“ Durch prominente Mütter, die wenige Wochen nach der Geburt makellose Körper in den Medien präsentieren, fühlten sich andere Frauen im Zugzwang, sagt Schnebel. Dabei sollte sich niemand an den falschen Vorbildern orientieren: Schließlich kann es sich kaum jemand erlauben, wie ein weiblicher Promi rund um die Uhr an seinem Äußeren zu arbeiten. Nicht jeder kann wie ein Top-Modell oder eine Prinzessin aussehen. Spezielle Fitnessangebote, die Müttern vorgaukeln, sie könnten und müssten in kürzester Zeit wieder eine modelartige Figur erlangen, hält Schnebel für Geschäftemacherei. Gängige Werbeslogans mit denen diese beworben werden, wie etwa „„hol dir deinen Körper zurück“ seien im Grunde eine Beleidigung. Schließlich ist es ja gerade der Verlust eines gesunden Körperempfindens, der durch solche Kurse verstärkt werde.

Müttern empfiehlt er, den Druck rauszunehmen, anstatt überhöhte Ansprüche an sich selbst zu stellen. Während der Schwangerschaft und der Geburt haben Frauen bereits Anstrengung und Schmerzen gemeistert, und mit dem Kind kommen neue Anforderungen auf sie zu. „Anstatt sich Stress zu machen, sollten Mütter weniger hart zu sich sein“, so Schnebel, „und versuchen, die neue Phase zu genießen.“

Von Irene Habich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?