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Schlösserstiftung und Universität forschen gemeinsam

Neue Wissenschaftseinrichtung Schlösserstiftung und Universität forschen gemeinsam

25 Jahre dauerte es, bis die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und die Universität Potsdam richtig zusammenfanden. Das Anfang des Jahres eröffnete „Research Center Sanssouci“ soll nicht nur die Schätze der Stiftung auswerten, es geht auch darum, neueste Erkenntnisse über die Welt der Preußenkönige noch besser in die Öffentlichkeit zu tragen.

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Eine Touristin fotografiert das Schloss Sanssouci.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Die Stiftung preußische Schlösser und Gärten (SPSG) hat das Material, die Universität Potsdam die wissenschaftliche Kompetenz. Es gibt die Schlösserlandschaft, es gibt in Archiven lagernde Schriften und unzählige Gemälde und es gibt Sachobjekte: Ein riesiger und trotz seiner Prominenz noch nicht einmal ganz erschlossener Schatz. Es war folgerichtig, dass sich die Schlösserstiftung mit der Universität Potsdam zur gemeinsamen Forschung zusammentat. Die beiden Direktoren des am 24. Januar 2016 eröffneten Forschungsverbundes Potsdam „Research Center Sanssouci“ (RECS), Jürgen Luh und Iwan-Michelangelo D’Aprile, wundern sich nur, dass es bis zur Hochzeit fast 25 Jahre brauchte. Dafür startet die Einrichtung aber gleich mit einem ganzen Katalog von Forschungsprojekten.

Das kulturgeschichtliche Erbe verstehen

„Es geht darum, das kulturhistorische Erbe im weiten Sinn zu verstehen, zum Sprechen zu bringen, seine Bedeutung für uns heute und in der Zukunft aufzuzeigen“, sagt Jürgen Luh, in der Schlösserstiftung für Wissenschaft und Forschung zuständig. Das könne nur richtig gut durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern der Stiftung mit denen der Universität gelingen. „Denn dadurch können neue Ideen und Erklärungen gewonnen werden.“

Ein Auftrag zur Forschung

30 Museumsschlösser und andere Museen, rund 800 Hektar denkmalgeschützte Parkanlagen, 100 000 Einzelkunstwerke, 150 Denkmale sowie 300 bauliche Anlagen verwaltet die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) in Berlin und Brandenburg. Die mit der über 300 Jahre währenden Bautätigkeit entstandenen Liegenschaften stehen als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco.

Die Schlösserstiftung ist gesetzlich dazu verpflichtet, „die ihr übergebenen Kulturgüter zu bewahren, unter Berücksichtigung historischer, kunst- und gartenhistorischer und denkmalpflegerischer Belange zu pflegen, ihr Inventar zu ergänzen, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Auswertung dieses Kulturbesitzes für die Interessen der Allgemeinheit insbesondere in Wissenschaft und Bildung zu ermöglichen“. Damit ist der Weg hin zu einer eigenen Forschungsstelle praktisch schon vorgezeichnet.

Die Universität Potsdam ist nicht nur durch ihre geisteswissenschaftliche Fakultät mit Landesgeschichte und den Kulturen der Aufklärung für die Erforschung des Bestandes prädestiniert. Besonders die Naturwissenschaft mit ihren präzisen Analysemethoden könnte zur Herkunfts- und Altersbestimmung der Sachgüter beitragen. Biologen und Erdwissenschaftler wiederum sollen beim Erhalt der Parklandschaften helfen.

„Es gab schon immer Versuche, einer Verbindung der beiden Organisationen“, ergänzt der Professor für Kulturen der Aufklärung an der Universität Potsdam, Iwan-Michelangelo D’Aprile. Besonders energisch drängten allerdings gar nicht die Geschichts- und Kulturwissenschaften, sondern eher Naturwissenschaftler. Der inzwischen emeritierte Geowissenschaftler Roland Oberhänsli wollte zum Beispiel schon immer mit modernsten Analysemethoden Herkunft und Alter der vielen im Grottensaal des Neuen Palais verwendeten Materialien bestimmen. Das Vorhaben interessiert auch seinen Nachfolger Uwe Altenberger. #

Mit moderner Sensorik die Sachgüter erforschen

Zur Analyse des Sachgutes der Schlösserstiftung eignet sich auch hervorragend die vom physikalischen Chemiker Hans-Gerd Löhmannsröben genutzte faseroptische Spektroskopie und Sensorik. Auch der Chemieprofessor ist schon lange an einer Zusammenarbeit mit der Schlösserstiftung interessiert. Die beiden Vorhaben stehen zwar nicht unmittelbar auf der Agenda von „RECS“, dafür aber das sehr naturwissenschaftlich akzentuierte Projekt „Historische Gärten im Klimawandel“ unter Federführung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW).

Die Intitute für Erd- und Umweltwissenschaften sowie für Biochemie und Biologie wollen zusammen mit Geisteswissenschaftlern der Frage nachgehen, wie die historischen Gärten und Parkanlagen der Stiftung unter veränderten klimatischen Bedingungen bewahrt werden können. Laut BBAW könnten Naturwissenschaftlern Böden, Wasserverfügbarkeit, Vegetation und biologische Vielfalt der Areale untersuchen. Dann sollten sie beurteilen, welchen Schutz Flora und Fauna dort brauchen.

Friedrich der Große spricht bald Englisch

Neben diesem naturwissenschaftlichen Forschungsprogramm will das Zentrum natürlich auch viele kulturwissenschaftliche Vorhaben umsetzen. Ein Probelauf dafür war die Zusammenarbeit zwischen Universität und Schlösserstiftung im Rahmen der Ausstellung „Friederisiko“ im Jahr 2012. Besonders begeistert ist D’Aprile von dem Übersetzungsprojekt zusammen mit der Princeton University Press und dem University College in London. Erstmals werden die philosophischen Schriften Friedrich des Großen in einer kritischen Studienausgabe auf Englisch erscheinen. „Die Philosophie Friedrichs ist in England gar nicht zugänglich“, sagt D’Aprile. „Sie haben dort keine guten Textgrundlage.“ Da mit der Princeton University Press und dem University College zwei ausländische Institutionen einsteigen, sei die Friedrich-Übersetzung geradezu ein „Idealprojekt“ des neuen Zentrums. „Es geht auch um Wirkung in der Breite und darum, Wissenschaft öffentlich zu vermitteln“, sagt D’Aprile. Auch Schlösserstiftungs-Direktor Luh ist wichtig, dass nicht nur neue Erkenntnisse zu Tage gefördert, sondern auch „einem großen Publikum“ vermittelt werden.

In einem gemeinsamen Forschungszentrum funktioniert diese Öffentlichkeit besser. Ein Doktorand der Universität Potsdam will erstmals die Briefe Wilhelmines von Bayreuth von ihrer Reise nach Frankreich und Italien in den Jahren 1754 und 1755 kritisch edieren. Der Jungwissenschaftler kommt im Forschungszentrum RECS ohne Schwierigkeiten an das Material heran. Außerdem fällt die geplante Online-Edition leichter, da die Rechtsfragen der Publikation in einem gemeinsamen Forschungszentrum geklärt werden können. Dasselbe gilt für die geplante Online-Edition der Flugschriften von und über Friedrich II..

Gewinn für Studenten und Gastwissenschaftler

Auch Studierende profitieren. Für kommendes Wintersemester wird ein Seminar für etwa 30 Teilnehmer vorbereitet. Die Studenten werden ein begonnenes Projekt fortführen. Schon jetzt analysieren junge Leute rund 30 Gegenstände und Gemälde der Stiftung, die Zeugen der brandenburgisch-preußischen Kolonialgeschichte sind. Diese Untersuchung wird kommenden Winter vertieft.

Nicht zuletzt werden bald auch Gastwissenschaftler von außen leichteren Zugang zu den Schätzen der Schlösserstiftung erlangen und bis zu drei Monate, unter Umständen auch länger, in Potsdam forschen können. Die Ausschreibung einer internationalen „RECS Voltaire Fellowship“ ist gerade in Vorbereitung. „Damit holen wird den Namen Voltaire zurück nach Sanssouci“, sagt D’Aprile, „denn dort gehört er eigentlich auch hin.“ Auch dieses Stipendium verfolgt letztlich den Zweck, die internationale Ausstrahlung der Forschung über die Schlösserlandschaft und die friderizianische Epoche zu erhöhen.

Von Rüdiger Braun

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