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Nachrichten Kultur Schloss Wiepersdorf droht kommerzielle Nutzung
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00:50 30.04.2018
Auch der zutrauliche Schlosskater Schiller auf der Terrasse des Schlosses Wiepersdorf wird das bunte Völkchen der Künstler bald vermissen.
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Wiepersdorf/Potsdam

Das traditionsreiche Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf schließt am 31. Juli 2018 seine Pforten. Niemand weiß, ob es seinen Betrieb je wieder aufnimmt.

Ratlos sitzen sechs Stipendiaten in der Frühlingssonne auf der Schlossterrasse und fragen sich, ob sie nicht Alarm schlagen müssen. Eigentlich sind sie in das verwunschene Flämingdorf gekommen, um sich ein bis vier Monate in einer fast utopischen Ungestörtheit dem eigenen Werk zu widmen. Hier lassen sich Familie, Essensbeschaffung und urbaner Krach ausblenden. Aber was, wenn sie wirklich der letzte Jahrgang aus Schriftstellern, Malern und Konzeptkünstlern sind, wenn mit ihnen eine große Tradition abbricht?

Mit Diplomatie Unheil abwenden

Mit am Tisch sitzt Norbert Baas, bis 2012 deutscher Botschafter in Indonesien, seit 2013 Vorsitzender des Freundeskreises Schloss Wiepersdorf. Als Diplomat von echtem Schrot und Korn versucht er mit Hintergrundgesprächen und Briefen das Unheil abzuwenden. Der 71-jährige möchte den Kulturpolitikern in Potsdam und Berlin verdeutlichen, dass Wiepersdorf mit einer Tradition wuchern kann, die verpflichtet. Seine Frau ist eine gebürtige von Arnim. Deren Großmutter bewirtschaftete den Grundbesitz noch bis 1945. Der Ruf von Wiepersdorf als Musenhof der Romantik geht auf das Dichter-Paar Bettina und Achim von Arnim zurück, die hier ab 1814 lebten.

Romantik und DDR-Literatur in einer Traditionslinie

Der Freundeskreis hat die Vorgeschichte in zwei Museumsräumen liebevoll dokumentiert. Anfang der 1990er Jahre verzichtete Clara von Arnim auf Rückgabe-Forderungen und setzte sich leidenschaftlich dafür ein, die Idee des Künstlerhauses aus der DDR-Zeit ins vereinte Deutschland hinüberzuretten. Mit einer Tagung und einem Buchprojekt stellte Norbert Baas in den letzten Jahren eine direkte Traditionslinien zwischen der Ära der Romantik und der DDR-Literatur heraus. Autoren wie Christa Wolf, Franz Fühmann, Sigrid Damm, Günter de Bruyn oder Christa Kozik orientierten sich an den Romantikern, weil sie sich nicht mit den Klassikern identifizieren konnten. In Wiepersdorf gingen nach 1945 viele berühmte Stipendiaten ein und aus, von Anna Seghers bis Sarah Kirsch, von Irmtraud Morgner bis zu der Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch, um einmal nur Frauen zu nennen.

Proteste waren schon einmal erfolgreich

Keiner in der Runde auf der Terrasse will den Teufel an die Wand malen. Bereits 2005 war einmal von einer möglichen Schließung des Künstlerhauses die Rede. Damals hagelte es in den überregionalen Feuilletons Proteste. Am Ende ging es dann doch irgendwie weiter, wenn auch auf Sparflamme.

Die aktuellen Stipendiaten beschließen einen Brief aufzusetzen, in dem ein Satz steht, der leider all zu wahr ist: „Ein eindeutiges Bekenntnis für den Erhalt des Hauses als Künstlerresidenz haben wir bisher nicht vernehmen können; wir ersuchen derzeit eine Stellungnahme seitens der offiziellen Akteure.“

Die offiziellen Akteure sind das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD). Vielleicht hoffen beide insgeheim, dass sich das Künstlerhaus ohne Nebengeräusche abwickeln lässt. Das Sommerfest wurde merkwürdigerweise mitten in die Sommerferien gelegt. Für den 21. Juli sollen kurzfristig auch noch einmal alle ehemaligen Stipendiaten zu einem Alumni-Treffen eingeladen werden.

Deutsche Stiftung Denkmalschutz war Hoffnungsträger

Erik Stohn, direkt gewählter Abgeordnete für den Wahlkreis Teltow-Fläming und neuer Generalsekretär der SPD Brandenburg, hat erst vor vier Wochen erfahren, dass das Künstlerhaus am 31. Juli seinen Betrieb einstellt. „Wenn wir bis zur Schließung kein Nachfolgekonzept haben, sehe ich schwarz“, sagt er. Allen Mitarbeitern wurde betriebsbedingt gekündigt. Die langjährige Leiterin, Anne Frechen, ist eigentlich schon pensioniert und bereits nach Berlin gezogen. Nur gelegentlich schaut sie noch vorbei.

Das Ministerium weiß schon seit 2016, dass die DSD mit Ablauf der zehnjährigen Bindungsfrist einer kulturellen Nutzung den Betrieb des Künstlerhauses einstellen möchte. Grundlage der Kooperation ist ein 2005 geschlossener „Vertrag über die Erhaltung und kulturelle Nutzung des Schlosses Wiepersdorf“, der die Unterschrift von Johanna Wanka (CDU) trägt. Stolz verkündete die damalige Kulturministerin folgende Lösung: Das Land überlässt der DSD die ganze Liegenschaft Schloss Wiepersdorf inklusive Park, Anlagen und einem Wohnhaus im Ort – wahrscheinlich für einen symbolischen Euro. Die Stiftung erhält eine Anschubfinanzierung des Bundes über 1,3 Millionen Euro. Und das Land Brandenburg übereignet treuhänderisch der Stiftung einen Kapitalstock von 7,5 Millionen Euro. Die Zinserlöse sollten finanziell ausreichen, das Künstlerhaus zu betreiben, so lautete die Übereinkunft.

In der Orangerie gab es nicht einmal mehr Kaffee und Kuchen

Doch die Niedrigzinspolitik machte einen Strich durch diese Rechnung. „Die Zinserträge reichen nicht für den Stipendiatenbetrieb“, sagt Ursula Schirmer, Sprecherin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie sollen sich derzeit auf etwa 200 000 Euro statt 300 000 Euro belaufen. Ihre Stiftung, deren Geschäftsführer in den letzten zwei Jahren mehrfach gewechselt haben, habe bisher 900 000 Euro in Wiepersdorf investiert, was Insider bezweifeln. „Ab Sommer wollen wir das Schloss aufwendig sanieren, um es einem künftigen Nutzer im optimalen Zustand zu übergeben“, sagt sie. Sie erklärt, dass die Finanzaufsicht die Rahmenbedingungen für gemeinnützige Stiftungen seit einigen Jahren sehr eng auslege. Das habe zur Folge gehabt, dass die Stiftung keine Verluste aus wirtschaftlicher Tätigkeit verbuchen durfte. Folglich wurde nicht einmal mehr Kaffee und Kuchen in der Orangerie angeboten, und auch für Gäste-Übernachtungen im Schloss durfte kein Geld mehr genommen werden.

Das Land Brandenburg soll auch für die Sanierung zahlen

Das MWFK und die DSD verhandeln nun schon viele Monate über die Rückabwicklung ihres Vertrages. Dabei gibt es für das Land offenbar ein böses Erwachen, denn Paragraf zwei regelt, dass besagter Kapitalstock nicht allein für die „kulturelle Nutzung des Schlosses“ zur Verfügung gestellt wird, sondern auch für dessen denkmalgerechte Erhaltung. Sprich: Die DSD greift beim Unterhalt nicht auf ihr eigenes Spendenaufkommen zurück, um die Anlage in Schuss zu halten, sondern lässt dafür auch das Land Brandenburg finanziell bluten. In diesem Punkt hat das MWFK bisher einen anderen Eindruck erweckt. Offenbar ist nun strittig, ob und in welchem Umfang das Land seinen Kapitalstock, der eigentlich nicht geschmälert werden sollte, zurückerhält.

Es gibt zu wenig Stipendiengeber

„Die vorgesehene Nutzung als Künstlerhaus muss das Land ermöglichen“, so Ursula Schirmer. Das Land sucht fieberhaft nach einem neuen Betreiber und einer zündenden Idee. Es beauftragte die Metrum Managementberatung GmbH München, eine Potenzialanalyse für Wiepersdorf durchzuführen. Darin wird erwogen, durch einen Neubau mit 15 oder 30 Betten den Stipendiatenbetrieb größer zu dimensionieren. Solche Wirtschaftlichkeits-Überlegungen treffen aber nicht den Kern des Problems. Schon heute zeigt sich, dass es zu wenige Stipendiengeber gibt. In den 90er Jahren kamen pro Jahr etwa 70 Stipendiaten nach Wiepersdorf, heute sind es kaum noch 40. Das Künstlerhaus steht und fällt mit der Qualität seiner Stipendiaten. Wenn ein Aufenthalt attraktiv ausgestattet wird, gewinnt auch der Ort sein nationales und internationales Renommee zurück. Es müsste also weniger in Steine und Parkanlagen investiert werden, sondern mehr in die Menschen, wenn Wiepersdorf wieder über Brandenburg hinaus an Strahlkraft gewinnen soll. Und nun vergrault man durch die „vorübergehende Schließung“ auch noch treue Stipendiengeber wie die Länder Thüringen und das Saarland, die bisher noch nicht einmal offiziell unterrichtet worden sind.

Das Kulturministerium wurde zu spät aktiv

„Das Metrum-Gutachten soll im Mai oder Juni öffentlich diskutiert werden“, sagt Ulrike Liedtke, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Ob im Anschluss durch ein „Interessenbekundungsverfahren“ ein neuer Betreiber gefunden wird, darf bezweifelt werden, wenn das Land sein Bekenntnis zum Erhalt des Künstlerhauses nicht mit einer Summe untersetzt, die im hohen sechsstelligen Bereich liegen müsste. „Wir sind sehr spät dran“, kritisiert Liedtke das Ministerium und betont: „Wir müssen Geld in die Hand nehmen, sonst besteht die Gefahr, dass Wiepersdorf künftig kommerziell genutzt wird.“ Derzeit verhandeln Kultur- und Finanzministerium den Haushalt 2019/20.

Stephan Breiding, Sprecher des Potsdamer Kulturministeriums, räumt ein, dass Wiepersdorf ein „dickes Brett ist und nicht einfach zu bohren“. Die Gründung einer landeseigenen Stiftung oder GmbH halte er für unwahrscheinlich. Im Vorgriff auf die gescheiterte Kreisgebietsreform sei dem MWFK zwar die Gründung von Stiftungen im Hinblick auf Kultureinrichtungen in Cottbus und Frankfurt (Oder) gelungen. Aber leider liege Wiepersdorf nicht in einer kreisfreien Stadt.

Das Land steht wie ein armer Tor da

Ausgerechnet im Fontane-Jahr 2019 steht das Land Brandenburg in Sachen Literaturförderung wie ein armer Tor da. Im Abgleich mit anderen Bundesländern hat es gar nichts mehr aufzuweisen. Nachdem bereits im Jahr 2000 der Brandenburgische Literaturpreis handstreichartig abgeschafft wurde, gibt es in Brandenburg nun erstmals auch keine Aufenthaltsstipendien für Schriftsteller mehr. Dabei gab es schon Zeiten, da wurde das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf in einem Atemzug mit der Villa Massimo und der Akademie Schloss Solitude genannt. Doch um in dieser Liga mitzuspielen, hätte das Land Brandenburg mehr für das Künstlerhaus und die Künstler tun müssen. Eine Einrichtung mit überregionaler Strahlkraft täte gerade dem strukturschwachen Fläming gut. Künstler sind Multiplikatoren. Mit ihren Werken können sich auch ihre Förderer schmücken.

Die Bedeutung von Wiepersdorf kann nicht in Zahlen von Besuchern ausgedrückt werden, die eine weite Anfahrt auf sich nehmen, um hier eine Lesung oder das Museum zu erleben. Das Alleinstellungsmerkmal von Wiepersdorf ist seine Abgeschiedenheit. Ohne Ablenkungen von außen konnten sich Autoren und Maler an diesem Ort mit romantischer Tradition in ihr Werk vertiefen. Doch das erscheint Politikern offenbar fragwürdig.

Von Karim Saab

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