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Schräg und schrill: Nina Hagen in Potsdam

Konzert im Nikolaisaal Schräg und schrill: Nina Hagen in Potsdam

Mit immer noch beeindruckender Vier-Oktaven-Röhre gab die Diva ihre „Lieder zur Klampfe“ zum besten. Das einstige Punk-Girl bläst mit Lust den Staub weg, der so lange auf so manchem Songs lag, und gibt ihnen eine rockige Frische. Kleinere Ausrutscher verzieh das Publikum dabei gerne.

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Nina Hagen singt im Potsdamer Nikolaisaal.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Die Deutschen haben ja wirklich nicht so viele Stars von Weltrang. Nina Hagen ist gewiss einer davon, gefeiert zwischen Berlin-Mitte und New York. Aber aus dem Stand einen ihrer Hits zu nennen, fällt schwer - außer jener unfreiwilligen Orwo-Werbung, die die Sängerin allerdings bei ihrem heute weltumspannenden Anspruch gerne vergessen macht. Und genügend Farbe bringt die Diva ja selbst mit, Rot und Pink und Grün rund ums Haar, dazu ein Kostüm, das etwas Squaw-mäßiges hat.

Immerhin geht am Sonnabend ein Raunen durch den Nikolaisaal, als sie auf jenen leicht sächsisch angehauchten Christian kommt, der auf der Autobahn starb, zwischen Erfurt und Gera. Aber irgendwie klappt es mit dem Textablesen nicht so richtig, die Musiker sind schon weiter, die Sängerin hinkt hinterher. „Ich bin doch keine Karaoke-Maschine“, motzt sie die Band an. Und so stirbt Christian ein zweites Mal, statt des Superhits gibt es die Kurzfassung des politischen Hintergrunds. Mit einer Eloge auf die Freiheit, wie man das sonst nur vom Bundespräsidenten kennt.

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Nina Hagen hat am Samstag im Potsdamer Nikolaisaal gastiert. Zusammen mit ihrem Akustik-Quartett leitete sie am ersten Septemberwochenende die Saison ein – mit „Liedern zur Klampfe“ von Bert Brecht bis zu Zarah Leander. Unser Fotograf Friedrich Bungert war vor Ort und hat Bilder der „Godmother of Punk“ mitgebracht.

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Aber Nina Hagen hat Glück, das Publikum schaut mit einem Lächeln auch über weitere Ausrutscher hinweg. Es ist wie beim Klassentreffen, Jahrgang 1955, manche haben die Eltern, manche jüngere Geschwister mitgebracht. Man nickt sich wissend zu: So war sie doch schon immer. Dazu passend auch ihr Entree. Nachzügler suchen noch ihre Plätze, als sie mit dem Satz: „Es ist doch jetzt 19 Uhr“ recht unvermittelt auf die Bühne kommt, als wolle sie fragen, ob dies der richtige Raum sei. Und sie nimmt auch gleich das Altersthema auf, schließlich sei sie ja selbst Botschafterin eines indianischen Konzils der Weltältesten.

Nach längeren Vorreden startet die Gesamtkunstwerkerin irgendwann doch - „ich bin ja nicht zum Lamentieren hier“ - ihren christlich-friedensbewegten Gemischtwarenladen. Mit immer noch beeindruckender Vier-Oktaven-Röhre, schrill und sanft, hart und schmiegsam, gibt sie ihre „Lieder zur Klampfe“, von Janis Martin, die mit dem Etikett „weiblicher Elvis“ in die Musikgeschichte einging, über Joan Baez‘ „We shall overcame“ bis zum großen Bertolt Brecht. Dem ist sie tatsächlich aufs Engste verbunden, und sie hat das Staunen ihrer amerikanischen Freunde stets genossen, wenn sie erzählte, dass sie in jungen Jahren in der Nachbarschaft des legendären Berliner Ensembles wohnte und in dem Theater quasi ein- und ausging. Und gerade diese Brecht-Begegnung ist auch für uns heute erfrischend. Das einstige Punk-Girl bläst mit Lust den Staub weg, der so lange auf den Songs lag, und gibt ihnen eine rockige Frische. Noch nie hat man das „Lob des Lernens“ wohl so lustvoll gehört. Wobei es ihr die nicht eben brüderlich-demokratisch angehauchte Zeile „Du musst die Führung übernehmen“ besonders angetan hat.

Klar, sie lässt sich das Heft nicht aus der Hand nehmen. Zu jedem der Titel gibt es einen mal offenbarungsgrundierten, mal antikapitalistisch angehauchten Kurzvortrag. Und auch bei Brecht ist sie auf neue Weise fündig geworden. Von ihm, dem einstigen Bürgerschreck, sei letztens erst sein frühestes Stück, betitelt „Die Bibel“, aufgetaucht. Nina Hagen entdeckt Matthias Claudius als Verbündeten im Kampf gegen die Kriegstreiber wie auch Theodor Fontane mit seinem bisher nur bei Historikern bekannten Afghanistan-Gedicht. Als Zugaben hat sie sich noch zwei Mal Brecht aufgehoben, das „Lied von der Moldau“ sowie jenes „Und was bekam des Soldaten Weib“, das Stationen des Kriegsverlaufs zwischen 1939 und 1945 skizziert. Es ist wirklich meisterlich, wie sie mit wenigen Strichen und stimmlichen Nuancen „das seidene Kleid“ aus Paris wehen und die Prager „Stöckelschuh“ über die Bühne wackeln lässt. An die letzte Strophe vom weiten Russland und dem Witwenschleier hängt sie so schräg wie passend die Wolgaschlepper-Persiflage „Zieht euch warm an“, dazu einen Kalinka-Fetzen. Bei früheren Auftritten folgte als eigentliche Pointierung eine Zeile aus dem russischen Kinderlied „Immer lebe die Sonne“. Die lässt sie nun weg, zugunsten eines Russland-Polit-Kommentars. Und da sie nun mal so überschäumend und nicht zu bremsen ist, gibt es quasi im Hinausgehen unvermittelt auch noch ein Stück Familiengeschichte, die bis zur Potsdamer Villa Hagen führt. Oder sagte sie Carlshagen? Die Details gehen im Schlussbeifall unter.

Von Frank Starke

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