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Kultur Schriftsteller André Kubiczek erinnert sich an sein Potsdam
Nachrichten Kultur Schriftsteller André Kubiczek erinnert sich an sein Potsdam
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01:16 08.07.2018
Der Schriftsteller André Kubiczek („Skizze eines Sommers“) wurde 1969 in Potsdam geboren. Heute lebt er in Berlin. Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger
Potsdam

1.An einem sonnigen Spätsommertag des Jahres 1985 schnallte ich meinen Jägerrucksack auf, schwang mich auf mein Mifa-Fahrrad und verließ Potsdam, die Stadt, in der ich geboren wurde und sechzehn Jahre gelebt hatte. Anfangs trat ich noch ohne groß nachzudenken in die Pedale, fuhr an fünfgeschossigen Neubaublocks vorbei, zwischen denen die Stadtplaner hin und wieder ein Rudel Kiefern verschont hatten, damit der immer weiter in den Forst expandierende Ortsteil seinem Namen gerecht blieb.

Ich passierte die Gleise am Bahnhof Rehbrücke und kam durch Drewitz, das damals nicht mehr war als eine ländliche Siedlung an der Grenze zum Neubaugebiet „Am Stern“. In Drewitz hatten wir in der vierten Klasse gegen Gleichaltrige aus der Dorfschule Fußball gespielt und gewonnen. Nein, halt: verloren hatten wir. Oder waren gar keine Tore gefallen? Doch, Tore hatte es eigentlich immer gegeben, ich konnte mich bloß nicht mehr erinnern. Acht zu Sieben hatten wir gewonnen, beschloss ich, denn eines wusste ich noch: Bei diesen Schulturnieren waren massenhaft Tore gefallen, denn die abkommandierten Torwarte fürchteten sich vor dem Ball und wichen ihm aus.

Ich ließ den „Stern“ links liegen, rumpelte über Waldwege durch die Güterfelder Heide und stieß kurz vor Stahnsdorf auf die Landstraße nach Teltow, die weiterführte bis Schönefeld, wo es den Flughafen gab und den Fernbahnhof.

Der Verkehr auf der Landstraße hielt sich in Grenzen, und wie aus dem Nichts war es plötzlich da, dieses Gefühl, die Heimat zu verlieren. Wegzufahren, fortzugehen, was seltsamerweise das Nicht-Zurückkommen einschloss. All das hinter sich zu lassen, was einen bis dahin nicht nur definiert, sondern einem auch Sicherheit gegeben hatte: die Stadt mit ihrer vertrauten Topographie, darin die Freunde und die Autoritäten, die Cafés und Diskotheken. Nur die Erinnerungen ließen sich mit in die Ferne nehmen, aber wie schnell sie blass werden würden, um alsbald komplett zu verschwinden, sah ich ja selber: Nicht mal das Fußballergebnis wusste ich noch, dabei lag das Spiel nur sechs Jahre zurück.

An diesem Tag allerdings war das Verlust-Pathos überzogen, denn ich radelte nicht in die weite Welt hinaus, sondern lediglich dem Möbeltransporter hinterher, in dem für mich kein Platz mehr gewesen war, und der unsere Schrankwände und Sessel von Waldstadt nach Kleinmachnow brachte, wohin die Eltern beschlossen hatten umzuziehen. Und möglicherweise gerieten mir all diese müßigen Gedanken auch nur in den Kopf, weil ich irgendwann zu trödeln begonnen hatte auf meiner unfreiwilligen Radtour, denn je später ich den Möbelwagen erreichte, desto mehr Mobiliar und Hausrat wären von den Packern schon in die neue Wohnung getragen worden und desto weniger müsste ich schleppen.

2.Ein paar Tage später musste ich wirklich los. Das Schuljahr 85/86 begann, und auf der Zug-Fahrt nach Halle, wo ein Internatsplatz auf mich wartete, wuchsen sich die Ahnungen von Verlust zu finsterer Melancholie aus, zumal meine neue Stadt nur wenig Tröstendes bereit hielt. Sie war nicht nur größer als Potsdam, sie war grauer, verfallener, sie war rau, unübersichtlich und proletarisch. Zog man sich zur Erholung an die Saale-Auen zurück, sah man Schaumberge auf dem Wasser dahinziehen, die wuchsen, je mehr es gen Winter ging.

Nur noch alle paar Wochen kam ich für ein Wochenende zurück. Ich stellte meine Tasche in Kleinmachnow ab, fuhr mit dem Bus zum Bassinplatz und lief rüber zum Café Heider, wo immer jemand saß, den man kannte. Meine Freunde und Freundinnen gingen noch immer gemeinsam zur Schule, sie verliebten sich untereinander, trennten sich, sie gründeten Bands und hatten Beleuchter und Bühnenarbeiter kennengelernt, mit denen sie neuerdings nachts in der Kantine des Hans-Otto-Theaters zusammen saßen, Bier tranken und über Kunst und Revolution diskutierten. Sie schwärmten von ihren neuen Eindrücken, und ich war neidisch. Ich merkte, ich gehörte nicht mehr dazu.

Ich beschloss, das Ganze weniger emotional zu sehen: Potsdam war zwar meine Geburtsstadt, aber auf absehbare Zeit würde ich sowieso nicht zurückkommen können. Noch anderthalb Jahre im Internat, dann hätte ich mein Abitur, anschließend fünf Jahre Moskau, wo ich irgendwas mit Ökonomie studieren würde, was mich für eine sogenannte Planstelle qualifizieren würde bei einer Institution, deren Räumlichkeiten sich „Unter den Linden“ befanden, in der Hauptstadt Berlin. So hatte der Staat es für mich geplant. Man konnte schlecht zwei Lebensmittelpunkte haben, dachte ich, und blieb fortan in Halle.

3.Dieser Plan ging nicht auf, zusammen mit dem Konzept „DDR“ wurde er obsolet. Im Februar 1990 kehrte ich zurück in die alte Heimat. Ich übernachtete jetzt meist bei Freunden, die Wohnungen besetzt hatten oder gleich komplette, marode Häuser. Vormittags arbeitete ich als Postbote, nachmittags trafen wir uns in den alten Cafés, wo wir bis tief in die Nacht über Politik redeten. Wir malten uns ein neues, frisches Land aus, jenseits des despotischen Sozialismus‘ und ohne die Profitgier des Kapitalismus, von der wir gehört hatten. Die ganze Stadt war wie elektrisiert: Untergrund-Galerien eröffneten, Zeitungen wurden gegründet, und nie spielte Geld eine Rolle. Im Kabarett am Obelisk traten Hardcorebands aus den USA auf.

Dann kam die erste freie Volkskammerwahl im März, dann die Währungsunion zum Julibeginn. Am 30. Juni saßen wir im Café Heider und gaben die verbliebene DDR-Barschaft für Muskateller aus. Niemand glaubte mehr an den dritten Weg. Wir hoben unser neues Westgeld ab und fuhren ins Ausland: Italien, Griechenland, Frankreich. Im Herbst begann ich in Leipzig zu studieren, zwei Jahre später ging ich nach Bonn. Potsdam, die Stadt der Kindheit, der frühen Jugend und dieses halben Jahres hoffnungsvoller Anarchie wurde immer kleiner. Nachrichten über sie erreichten mich im Rheinland nicht mehr, und als ich Ende der 90er nach Berlin zog, bewog mich das, was ich jetzt wieder von ihr hörte, schnell die Ohren auf Durchzug zu stellen. Es ging um alte Seilschaften, um den undankbaren Jammer-Ossi, der es in Brandenburg angeblich zu besonderer Meisterschaft im Klagen gebracht hätte. Später war die Rede von Journalisten, Moderatoren und Milliardären, die die Stadt gleichzeitig aufkauften und mit Spenden beglückten. Das klang trotzdem nach Aufschwung. Ich freute mich ein bisschen für die Potsdamer und war andererseits froh, selbst keiner mehr zu sein. Das dachte ich zumindest, bis ich in das Alter kam, in dem man sich fragte: Wie kam es dazu, dass ich wurde, wie ich bin?

Klar, die Familie ist schuld. Aber gleich danach rangierte schon die Stadt, in der man groß wurde, wo man sich zum ersten Mal verliebte, die man kannte wie seine Hosentasche.

Eine Stadt, die sich nicht mehr betreten lässt, selbst wenn ihre Umrisse noch existieren. Eine Stadt, zu der der Schlüssel das Gedächtnis ist. Und dass diese ewige Stadt ausgerechnet Potsdam ist, mit seinen Neubaugebieten und Schlössern und Parks und Seen, muss wohl als kleines Glück bezeichnet werden.

Der Autor (49), in Potsdam aufgewachsen, lebt als Schriftsteller in Berlin. Sein 2016 erschienener Roman „Skizzen eines Sommers“ schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Komm in den totgesagten Park und schau“ (Rowohlt 2018).

Von André Kubiczek

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