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Schriftsteller-Streit über Nazis in Zehdenick

Manja Präkels vs. Moritz von Uslar Schriftsteller-Streit über Nazis in Zehdenick

Manja Präkels erzählt in ihrem Roman „Wie ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von ihrer Jugend in Zehdenick (Kreis Oberhavel), wo sie von Neonazis verfolgt wurde. In einem nachgeschobenen Essay für den „Spiegel“ griff sie Moritz von Uslar an, der in seinem Buch „Deutschboden“ das Leben in der Stadt beschönige, wie Präkels meint. Die Debatte darüber läuft deutschlandweit hitzig.

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In Zehdenick trieben in den 90er-Jahren jungendliche Neonazis ihr Unwesen.

Quelle: Cindy Lüderitz

Zehdenick. Der „Spiegel“ und die „Zeit“, große deutsche Debattenblätter, schauen nun auf Zehdenick (Kreis Oberhavel). Auch die „Süddeutsche Zeitung“ aus München hat gerade eine Reporterin vorbeigeschickt. Das passiert nicht oft. Das Staunen treibt sie raus aufs Land, das Interesse des Ethnologen liegt über den Seiten – ein Blick, der schwärmend auf die restaurierten Häuser schaut, die Wälder, die Wiesen, die alten Ziegelbrüche. Die Menschen in Zehdenick aber blieben den westdeutschen Redaktionen bislang fremd. Überregionale Medien schauten aufs Habitat der märkischen Provinz halb fasziniert, halb sorgenvoll.

Den Anlass für die ausführlichen Texte bot die Zehdenicker Autorin Manja Präkels, 42 Jahre alt. Sie hat einen autobiografischen Roman über ihre Heimat geschrieben, es geht um rechtsradikalen Terror nach der Wende, unter dem sie und ihre links-liberalen Freunde gelitten haben. Das Trauma der Verfolgung wirkt nach. Ingo Ludwig, ein Bekannter der Autorin, kam 1992 bei einem Discoüberfall der Neonazis ums Leben. Manja Präkels hat während der 90er Jahre als Lokalreporterin für die „Märkische Allgemeine Zeitung“ gearbeitet, heute lebt sie in Berlin, schreibt Essays, gibt Sachbücher zur Verteidigung einer aufgeklärten Zivilgesellschaft heraus. Ihr Debüt-Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist eigentlich schon Ende Juli im Verbrecher-Verlag erschienen. Das Echo der überregionalen Presse folgt erst jetzt, dafür umso lauter, ausführlicher und streitbarer.

Präkels greift von Uslar im „Spiegel“ scharf an

In der Ausgabe des „Spiegel“ der laufenden Woche wird ein Artikel von Präkels auf drei Seiten gedruckt, dieses Format ist im Kulturteil des Magazins sonst üblich, wenn ein neues Album der Rolling Stones erscheint oder ein Beatle stirbt. Manja Präkels nutzt den Artikel kenntnisreich, um ihren Geburtsort zu porträtieren, der wirtschaftlich seit ein paar Jahren wieder auf die Beine kommt, die Arbeitslosigkeit liegt im Moment bei unter zehn Prozent. Vor allem aber geht es um eine scharfe Replik auf den Roman „Deutschboden“ von Moritz von Uslar, der 2010 erschienen ist und später verfilmt wurde. Von Uslar brach für seinen Reportage-Roman nach Zehdenick auf, um literarisch und sehr persönlich die Verfassung der vermeintlich abgehängten ostdeutschen Provinz zu skizzieren. Er tat das erklärtermaßen als Bewohner von Berlin-Mitte, einem Hotspot der Republik, der mit wachen Augen, doch bewusst ohne skrupulöse Vorbereitung in den Landkreis Oberhavel aufgebrochen ist. Er wohnte über Monate im Ort, mit Unterbrechungen. Und suchte den positivistischen Blick, beschreibt mithin durchgehend das, was er sieht, lässt sich ein auf die sichtbaren Phänomene der Stadt, ohne sie im Stile einer Enzyklopädie abzusichern. Das ist sein Ton, so arbeitet von Uslar, der sich als Pop-Literat mit seinen forschen, markant pointierten Interviews einen Namen gemacht hat.

Manja Präkels

Manja Präkels

Quelle: Nane Diehl

Das kann Manja Präkels, Zeugin und Opfer der Zehdenicker Historie, weder gefallen noch genügen – denn wer, wie sie, verfolgt wurde, der möchte ernst genommen werden. Sie wendet sich gegen die Kumpelhaftigkeit, mit der von Uslar Freundschaft schloss mit jenen jungen Männern, die er kritisch betrachtet, doch denen er letztlich ihre Wandlung von Rechtsradikalen zu redlichen, geläuterten, in ihrer Jugend überhitzten Jungs abnimmt. Präkels schreibt im „Spiegel“: Moritz von Uslar „betreibt, fasziniert von diesen edlen Wilden und mit dem verklärenden Blick des Berliner Szenegängers, ihre Wiedergutwerdung. Das sind nämlich gar keine echten Nazis, wie alle immer behaupten würden. Nur kernige Prolls.“

Die Vorwürfe sitzen tief: Von Uslar verteidigt sich in der „Zeit“

Es geschieht, was sonst im Grunde nie passiert in dieser Belle Etage des Feuilletons. Von Uslar schreibt in der „Zeit“, dem Konkurrenzblatt, wo er mittlerweile als Reporter arbeitet, eine ausführliche Rechtfertigung in eigener Sache. Präkels‘ Vorwürfe sitzen tief. Er verweist auf die zeitliche Distanz seines Romans „Deutschboden“ aus dem Jahr 2010 zu jener Nachwende-Ära, die Manja Präkels im „Spiegel“ und ihrem Roman beleuchtet: „Die Schriftstellerin Manja Präkels hat in ihrer Jugend in der Kleinstadt Zehdenick zweifellos schreckliche Dinge erlebt. Ihr Versuch allerdings, ,Deutschboden‘ im Nachhinein zu einem Teil ihrer Geschichte zu machen, ist nicht plausibel“, so beschließt er seinen Text.

Fontanefestspiele Neuruppin, Fontanepreisträger Moritz von Uslar

Fontanefestspiele Neuruppin, Fontanepreisträger Moritz von Uslar

Quelle: Peter Geisler

Manja Präkels indessen betont im Gespräch mit der MAZ, dass die zwei älteren Freunde des Erzähler-Ichs in von Uslars Roman zu jenen Neonazis zählten, unter denen sie und ihre Freunde nach der Wende massiv gelitten haben. „Mein Essay ist keine Abrechnung, vielmehr Einspruch und Widerrede gegen den Artikel von Moritz von Uslar“, sagt sie, „dabei vermische ich weder Zeiten noch konstruiere ich Zusammenhänge.“ Seit Jahren, betont sie, arbeite, recherchiere und publiziere sie intensiv zum Thema. „Meine Kritik gilt unter anderem der Einseitigkeit der hergestellten Zeugenschaft.“ Von Uslar stelle sich in seiner Entgegnung in der „Zeit“ schützend vor nur zwei der Interviewpartner, „über die beiden anderen, auf die ich mich in dem Essay beziehe, schweigt er.“ Für Manja Präkels geht es in Buch und „Spiegel“-Text um die Frage, „ob und wie über Rechtsradikalismus berichtet wird, wer reden darf, wer schweigt“. Zehdenick, so viel steht fest, ist überregional nun deutlich zu Wort gekommen.

INFO Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß (Verbrecher-Verlag, 232 Seiten, 20 Euro). Moritz von Uslar: Deutschboden (Fischer, 384 Seiten, 9,99 Euro).

Von Lars Grote

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