Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Schülertheater aus Königs Wusterhausen spielt im Haus der Berliner Festspiele

Theatertreffen der Jugend Schülertheater aus Königs Wusterhausen spielt im Haus der Berliner Festspiele

„Wo ist die Zukunft?“ nennt sich eine Theatergruppe an der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen. Die vier Darsteller greifen zu brachialen, grotesken Mitteln. Ihr Stück „Die Unberührbaren“ ist eine Abrechnung mit dem Thema „Inklusion“. Die Zusammenlegung von Sonder- und Regelschule erleben sie als Bevormundung und Fremdbestimmung.

Voriger Artikel
Tanzen bis zum Umfallen
Nächster Artikel
EL James schreibt "Fifty Shades" aus Christians Sicht

Das Bühnenbild der Aufführung „Die Unberührbaren“ besteht lediglich aus vier Toilettenbecken.

Quelle: PR

Königs Wusterhausen / Berlin. Zynismus setzt Energien frei. Manchmal hilft beißender Spott sogar, um unerträgliche, übermächtige Missstände nicht nur zu runterschlucken. An der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen hat sich eine Theatergruppe formiert, die schon mit ihrem Namen „Wo ist die Zukunft?“ einen verzweifeltes Lebensgefühl zum Ausdruck bringt. Ihr Stück „Die Unberührbaren“ reiht mehrere groteske Szenen aneinander, die von Galgenhumor und Possenhaftigkeit nur so bersten. Da liegt im Bühnenvordergrund eine Problemschülerin am Boden, die gerade in der Schule gestorben ist, wie der Zuschauer vom Schuldirektor erfährt. Mit einer genervten Lehrerin verständigt sich der Direktor schnell, nicht die Polizei zu rufen. Als dann auch noch die Mutter hinzukommt, beschuldigen sich die drei Erwachsenen zwar kurz gegenseitig, am Tod des Mädchens Schuld zu sein. Am Ende machen sie sich dann aber gemeinsam ans Werk, um den lästigen Leichnam heimlich zu entsorgen.

Die überdurchschnittliche Qualität dieser Schüler-Aufführung teilt sich nicht jedem gleich auf den ersten Blick mit, denn die vier Darsteller brillieren kaum durch starkes Minenspiel. Auch die Dialoge ratten sie manchmal mit scheinbar wenig innerer Anteilnahme runter. Einer neunköpfigen Experten-Jury aus dem ganzen Bundesgebiet ist aber nicht entgangen, wie authentisch, ausdrucksstark und ästhetisch gekonnt hier beklemmende Probleme zur Sprache gebracht werden. „Die Unberührbaren“ wurde zu einer der wichtigsten acht Jugendtheaterproduktionen 2014/15 erklärt, die sich noch bis zum 6. Juni auf dem 36. Theatertreffen der Jugend in Berlin präsentieren. Am 2. Juni, 20 Uhr, ist es so weit: Die Schüler aus Königs Wusterhausen gastieren im Haus der Berliner Festspiele in Berlin-Charlottenburg. Seit der Wende ist nur vier brandenburgischen Laientheatern dieser Ritterschlag zuteil geworden. Zuletzt erhielt 2009 der Jugendclub des Hans-Otto-Theaters Potsdam unter Manuela Gerlach (die wenig später vom neuen Intendanten abberufen wurde) gleich eine Doppeleinladung zum Theatertreffen.

Der Erfolg der Theatergruppe „Wo ist die Zukunft?“ beruht auf der Arbeit der Theaterpädagogin Natalia Maas. „Wir wollten Gleichaltrigen zeigen, wie Schüler mit einer Behinderung leben und wie sie sich fühlen.“ Die studierte Theaterwissenschaftlerin beschönigt nichts. „Zu erblinden, das ist eine Katastrophe. Schüler mit Behinderungen leben isoliert, wie in einer Blase.“ Das Konzept, Regelschulen und Förderschulen miteinander zu verbinden (Inklusion), erlebe sie bisher nur als einen Trick des Staates, der Personalkosten sparen möchte. Ungezählte individuelle Katastrophen musste sie schon registrieren. Und den wenigen Förderschulen, die der Staat bisher nicht aufgelöst hat (darunter die Blindenschule in KW), gelänge es wiederum nicht, die Schüler fit zu machen für das Leben, lautet ihre Generalkritik. Gegen die Misere kämpft die zweifache Muter mit Theater-Workshops an. Dabei macht sie die Erfahrungen, dass gerade Kinder mit Behinderungen ein stark angeknackstes Selbstbewusstsein haben und psychisch oft äußerst labil sind. Wenn sie mit ihnen improvisiert („Spiel das mal freundlich, aggressiv, schüchtern oder auftrumpfend“) offenbare sich „die emotionale Verwahrlosung dieser Jugendlichen, das hohe Maß an angestauter Aggression und an Suizidgefahr“. Aus den Figuren sprechen Mobbing-Erfahrungen, Gewaltfantasien und tiefe Lebensängste.

Gründete einen Förderverein

1982 in Russland geboren, kam Natalia Maas mit ihren jüdischen Eltern 2001 nach Deutschland. Sie lernte deutsch und studierte in Leipzig Theaterwissenschaften.

Seit fünf Jahren arbeitet sie an Förderschulen in Brandenburg und gründete einen Verein zur Förderung des Theaters als Mittel des sozialen Lernens. Siehe: www.all-inclusive-ev.de

Natalia Maas setzt auf den therapeutischen Aspekt des Theaterspielens. Trotzdem verklärt sie die Probenarbeit nicht zum Ziel. Das Ergebnis, die Aufführung am Schluss, sei ihr sehr wichtig. Für das Stück „Die Unberührbaren“ schrieb sie selbst die Texte. Zwischenstücke, Hörtexte, die aus dem off ins Bühnendunkel gesprochen werden, nehmen immer wieder Bezug auf das indische Kastenwesen, das sie auf das deutsche Schulsystem überträgt. „Die unterste und die unreinste Kaste sind die Sonderschulen“, heißt es einmal. „Sie stehen unter jeglichem denkbaren Niveau. Sie sind eigentlich nur eklig und abstoßend. Deshalb heißen sie im Volksmund die Unberührbaren.“

Von Karim Saab

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?