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Schutzheiliger der Friedhöfe und Videospiele

Golem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin Schutzheiliger der Friedhöfe und Videospiele

Der Golem ist ein weites Feld, er schützt seinen Besitzer vor Unheil und Angriff - so geht der jüdische Glaube, der zwischen Legende und Mystik laviert. Das Jüdische Museum in Berlin hat dieses abstrakte und doch sehr greifbare Thema illustriert. Selbst die Nazis hatten sich zeitweilig vor dem Golem gefürchtet.

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Joshua Abarbanel hat diesen Golem 2013 aus Holz, Metall und Keramik geformt.

Quelle: Jüdisches Museum

Berlin. Der Golem ist ein guter Geist, er schützt, doch ist nicht zwingend schön: Mitunter wirkt er wie ein liebevoll montiertes Monster aus der Lego-Kiste. Das Jüdische Museum in Berlin hat die Geschichte des Golems, einem Fabelwesen der jüdischen Legende, aufbereitet – sie nahm im frühen Mittelalter ihren Lauf. Die Geschichte des Golems ist eine Vermessung auf den Feldern der Psychologie und der Religion. Vor allem steckt sie das Mentale ab, den Wechsel aus Aufklärung und Sehnsucht nach dem Kuscheltier.

Das Jüdische Museum ist ein Haus, das ja für sich genommen, unbespielt und leer, bereits begeistern kann, da die Zickzack-Architektur, die an ein zerschlagenes Hakenkreuz erinnert, Raffinesse und auch Stolz verkörpert. Rein baulich zeigt sich dieses Haus von einer Würde, die freilich die Gefahr birgt, dass die Ausstellungen das Niveau nicht halten können. Nie allerdings werden die inhaltlichen Erwartungen enttäuscht. Auch der „Golem“, dieses schwer zu fassende Phänomen, wird sinnlich und fundiert erläutert. Am Ende mutmaßt man: So ein Golem täte auch dem eigenen Leben gut.

Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums, erklärt: „Der Golem hat eine lange Karriere hinter sich, im Judentum und weit über das Judentum hinaus. Der uralte Traum, künstliche Geschöpfe zu erschaffen, hat Bezüge bis in die heutige Zeit: Gentechnologie, Computer und Robotik. All dies sind Bestrebungen, eine Art Golem zu kreieren.“

Golem: Ungeschlachter Mensch, Embryo

Der Golem bezeichnet eine Figur der jüdischen Kunstgattungen und der Mystik, sie wurde im frühen Mittelalter eingeführt. Ursprünglich handelte es sich um ein menschenähnliches Wesen aus Lehm, das enorme Größe erlangen kann und Kraft besitzt, die Aufträge seines Besitzers auszuführen.

Im Hebräischen steht das Wort „Golem“ für „formlose Masse, ungeschlachter Mensch“, aber auch für „Embryo“.

Jüdisches Museum: „Golem“ bis 29. Januar, Mo 10-22 Uhr, Di-So 10-20 Uhr. Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin. Schließtage: 3., 4., 12. Oktober.

1915 kam „Der Golem“ in die Kinos, in den damals vor Potsdam liegenden Bioscop-Ateliers von Neubabelsberg wurde er gedreht, die Außenaufnahmen stammen aus Hildesheim. Er ist nur noch in Fragmenten erhalten. Paul Wegener spielte den Golem in dramatischem, drohendem Gestus, er nahm die Interpretation von Boris Karloffs „Frankenstein“-Monster vorweg. Im Jüdischen Museum wiederum wird der Folgefilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ gezeigt, grünstichig, als liege auf den Bildern Patina. Auch dieser expressionistische Stummfilm stammt von Wegener, der abermals die Hauptrolle übernahm und Regie führte. Fertiggestellt wurde er 1920 in Berlin, doch die legendären Kulissen stammen vom Potsdamer Hans Poelzig.

Die Filme zeigen das Dilemma des Golems: Das künstliche Wesen, als Schutzheiliger der Juden geschaffen, wird sich seiner nicht-menschlichen Herkunft bewusst und mutiert vom Helfer zum Zerstörer.

Der Spanier Jorge Gil, 1981 geboren, hat den Golem in seiner mannshohen Installation als Schmetterlingspuppe interpretiert, die kopfüber in ihrem Kokon hängt und darauf wartet, ihre Farbpracht zu entfalten. Anselm Kiefer indes deutet den Golem in der Tradition der jüdischen Mystiker des Mittelalters, die versuchten, sich mit der Erschaffung des Golems Gott anzunähern und göttliche Vervollkommnung zu erlangen. Ihr Golem ist aus Staub und Erde erschaffen – eben so, wie ihn Kiefer darstellt: als grob behauenen Stein, groß wie eine Kanonenkugel, als Sinnbild fürs Lebendigmachen der unbelebten Materie und fürs Ringen um die Form, wo es im Grunde keine Form zu ernten gibt.

Der Legende nach glaubten die Nazis, der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee werde von einem Golem geschützt, das habe ihn vor der Zerstörung bewahrt. Heute schützen die Jugendlichen ihre Spielekonsole mit dem Golem. Die Fallhöhe variiert also dramatisch, doch der Kern bleibt letztlich gleich, wie im Jüdischen Museum präzise und doch unterhaltsam zu erkennen ist: Der Golem gilt als vereinfachtes Abbild des Menschen, der verborgenen Sehnsüchten eine Gestalt gibt.

Von Lars Grote

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