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„,Sehnsucht’ klebt nicht an mir“

MAZ-Interview mit Purple Schulz „,Sehnsucht’ klebt nicht an mir“

„Kleine Seen“, „Verliebte Jungs“, „Herz voller Gold“, „Schöne Leute“ – und „Sehnsucht“: Das sind die großen Hits von Purple Schulz. Hängen die ihm schon zu den Ohren raus? Spielt er sie bei seinen Konzerten in Brandenburg? Im Interview spricht Schulz, frische 60, von Sehnsucht, Konzerten in der Psychiatrie, Streaming-Diensten und sagt, wie es um ein nächstes Album steht.

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Der Kölner Sänger Purple Schulz (60) hatte mit Titeln wie „Verliebte Jungs“ großen Erfolg in den achtziger Jahren.

Quelle: promo

Potsdam. „Kleine Seen“, „Verliebte Jungs“, „Herz voller Gold“, „Schöne Leute“ – und „Sehnsucht“, das sind die großen Hits von Purple Schulz. Hängen die ihm schon zu den Ohres heraus? Was macht der Künstler eigentlich aktuell? Die MAZ hat nachgefragt.

MAZ: Der Auftakt Ihrer aktuellen Tour „Der Kleine mit dem Unterschied“ fand in der Psychiatrie in Köln-Merheim statt. Wie kamen Sie darauf?

Purple Schulz: Ich kenne jemanden, der dort sehr engagiert ist, Kultur in die Psychiatrie hereinzuholen. Das waren immer ganz beeindruckende Konzerte. Die Menschen dort können unwahrscheinlich gut nachvollziehen, worum es in den Songs geht, zum Beispiel was uns in eine Krise stürzen kann. Ich bringe Kultur gerne da hin, wo man sie nicht vermutet. Ich habe auch schon ein Konzert auf einem Friedhof gegeben.

Purple Schulz im Jahr 1973 an seiner ersten Orgel und mit seiner ersten Band

Purple Schulz im Jahr 1973 an seiner ersten Orgel und mit seiner ersten Band

Quelle: Privat

Haben Sie da auch Gassenhauer gebracht?

Purple Schulz: Natürlich. Das gehört dazu. Das Leben hat immer zwei Seiten. Wir können nur lachen, wenn wir auch weinen können. Uns geht es darum, Leute in den Konzerten nicht nur zu unterhalten, sondern auch Anstöße zu geben, die Dinge mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wir singen unter anderem über den Tod, Terrorismus, das Sterben, über Psychosen zum Beispiel und über Demenz. Es gibt kaum eine Familie, die nicht davon betroffen ist. Aber keine Angst: Mal abgesehen davon, wird in meinen Konzerten auch viel gelacht. (lacht)

Sie sind bald hier in der Region in Fürstenwalde und Werder.

Purple Schulz: Fürstenwalde war immer sehr schön, da sind wir Stammgäste. Wichtig ist mir immer, dass die Locations Intimität zulassen, die zwingend notwendig ist bei den Themen, über die ich singe. Das geht schon sehr in die Tiefe und da muss ich als Künstler ein Publikum haben, das ich überschauen kann, weil ich es sehr direkt anspreche. Bei einer Masse von Tausenden Leuten ist das viel schwieriger. In Werder haben wir noch gar nicht gespielt. Aber wir fanden den Veranstalter so sympathisch, dass wir uns überlegt haben, das versuchen wir mal.

Haben Sie besondere Erinnerungen an Brandenburg, etwa Kremmen oder Eberswalde? Da sind Ihre Konzerte oft lange im Vorfeld ausverkauft.

Purple Schulz: Das sind oft einfach gut geführte Häuser, die wir da bespielen. Wir haben aber auch z.B. in Golzow ein kleines Restaurant, da passen nur 60 Leute rein, die dann einen hohen Eintritt bezahlen. Denn je weniger Leute man hat, desto höher muss der Ticketpreis sein, um so eine Veranstaltung finanzieren zu können. Aber die Stimmung und Besonderheit ist den Leuten das wert. Die „Tiefste Provinz“ in Kremmen ist auch so ein Laden, wo der Veranstalter ein richtiger Feuermacher ist. Das sind Leute, die tolle Arbeit leisten. Es kommt wirklich darauf an, dass jemand mit Leidenschaft und Liebe und Herz Veranstaltungen durchführt. Genau mit diesen drei Dingen gehen wir auch auf die Bühne.

Welche Stücke spielen Sie im aktuellen Programm?

Purple Schulz: Viele aktuelle Stücke und abgesehen von den unvermeidlichen Hits auch solche, die Jahrzehnte nicht mehr angerührt wurden und heute in einem ganz neuen Kontext stehen. Wir fangen das Programm an mit „Viel zu wenig Zeit“ aus dem Jahr 1987. Das ist damals entstanden nach dem Attentat in Paris und es geht darum, wie Terror unseren Alltag verändert. Der Song ist schon sehr alt, aber im Grunde hat sich nichts verändert – außer unserer Wahrnehmung.

Ende 2015 erschien Ihr Buch „Sehnsucht bleibt“. Worum geht es darin?

Purple Schulz: „Sehnsucht“ war damals mein größter Hit und vor dem Hintergrund meines 60. Geburtstags habe ich mich näher mit dem Begriff befasst. Ich habe den Song als junger Mann geschrieben: sehr intuitiv, assoziativ. Mit dem Thema Sehnsucht hatte ich mich gar nicht befasst, sondern nur so ein Grundgefühl verbalisiert. Das Wort „Sehnsucht“ habe ich damals gar nicht gemocht, weil es mich immer an den Nachkriegsschlager erinnert hat. Dann habe ich mir Gedanken gemacht: Was waren meine Sehnsüchte damals: als junger Mann, als Jugendlicher, als Kind und wie verändern sich solche Sehnsüchte im Laufe eines Lebens? Wie hat sich auch die Gesellschaft verändert in diesen 60 Jahren? Daraus wurde nicht nur etwas Autobiografisches, sondern auch ein Buch, das den Wandel Deutschlands beschreibt.

Sein Buch-Debüt „Sehnsucht bleibt“ ist autobiografisch und erschien Ende 2015

Sein Buch-Debüt „Sehnsucht bleibt“ ist autobiografisch und erschien Ende 2015. Auch damit ist Schulz zurzeit auf Tour.

Quelle: Promo

Der Titel „Sehnsucht“ begeisterte die Menschen in Ost und West, aber auf unterschiedliche Weise. Spüren Sie das heute noch?

Purple Schulz: „Sehnsucht“ ist für mich immer noch ein Highlight, weil es an Aktualität nichts eingebüßt hat. Es ist ein Song, der sich nie abgenutzt hat in all den Jahren. „Sehnsucht“ hat immer noch Wucht. Ich habe beim Singen auf der Bühne nie das Gefühl, dass ich das singen muss, weil es ein Hit war und ich das dem Publikum schuldig bin. „Verliebte Jungs“ ist hingegen eher ein Tribut, den ich gerne bezahle.

Ist das vergleichbar mit einem Tattoo, das man nicht mehr los wird?

Purple Schulz: Es gibt Tattoos, die sehen nach ein paar Jahrzehnten fürchterlich aus, und dann ist es grausam, die mit sich herumzuschleppen. Aber „Sehnsucht“ klebt in diesem Sinne nicht an mir. Es ist ein Stück, das ich wahrscheinlich bis an mein Lebensende brüllen kann – wahrscheinlich schreie ich sogar noch auf dem Sterbebett „Ich will raus“, weil ich vorher schnell noch eine rauchen will. (lacht)

Ihre alten Alben sind im Internet bei Musik-Streaming-Diensten wie Spotify verfügbar. Was bedeuten solche Portale für Ihre Arbeit?

Purple Schulz: Das letzte Album werden Sie da nicht finden. Ich habe leider nicht die Hoheitsgewalt über die Verbreitung meiner alten Songs. Ich und mein neuer Herausgeber sind uns aber einig, dass wir dieses ganze Spotify-Theater nicht mitmachen. Ich bin der Ansicht, dass Musik eben dadurch, dass sie überall jederzeit verfügbar ist total an Wert verloren hat. Das ist eine ganz schlimme Entwicklung. Musik wird nur noch wie eine Dienstleistung wahrgenommen und dem muss man etwas entgegensetzen. Das ist etwas, was wir Künstler, Texter, Komponisten erschaffen und das bedarf eines gewissen Schutzes, ohne den wir eines Tages erwerbslos sind. Indem wir unser Werk jederzeit kostenlos verfügbar machen, nehmen wir ihm seine Wertigkeit. Dadurch schaufeln wir uns am Ende unser eigenes Grab. Es ist auch so, dass wir von den Einsätzen bei Spotify nichts verdienen.

Deep-Purple-Phase mit 13

Geboren wurde „Purple“ Rüdiger Schulz am 25. September 1956 in Köln. Seinen Spitznamen „Purple“ erhält er mit 13 wegen einer Deep-Purple-Phase. Er nervt die Verkäufer des einzigen Kölner Orgelgeschäfts mit zahlreichen Interpretationen des Rock-Klassikers „Child in time“ an einer für ihn unerschwinglichen Hammondorgel.

„Kleine Seen“ , „Verliebte Jungs“ und „Sehnsucht“ waren seine größten Hits in den 1980er-Jahren und in den frühen Neunzigern.

Seitdem spielte Schulz fast ununterbrochen Konzerte, bis zu 70 pro Jahr, und wirkte mit bei vielen Projekten wie einem Kindermusical, einer Ausstellung und verschiedenen Fernsehshows. Es gab auch Konzertreihen mit anderen Künstlern wie Heinz Rudolf Kunze, Klaus Lage und Pe Werner.

2011 beenden Schulz und sein langjähriger Gitarrist Josef Piek ihre Zusammenarbeit.

2012 erscheint nach 15-jähriger Pause das Studio-Album „So und nicht anders“. Das Album schrieb Schulz zusammen mit seiner Frau Eri.

Purple Schulz in Brandenburg: 7.10. Fürstenwalde, Kulturfabrik; 8.10. Werder, Scala Kulturpalast; zwei Konzerte im November in Eberswalde sind bereits ausverkauft.

Ihre älteren Stücke laufen noch immer oft im Radio. Würden die Tantiemen allein zum Überleben reichen?

Purple Schulz: Zum Überleben reicht das nicht. Früher in den Achtzigern war es so, dass man von den Rundfunksätzen allein gut leben konnte. Aber wenn heute ein Purple-Schulz-Titel im Radio läuft, ist das auf jeden Fall einer, der vor 1992 geschrieben wurde. Alles, was danach kam, findet im Radio leider nicht statt, was beim Hörer den Eindruck erweckt, Purple Schutz hätte 1992 aufgehört. Das, womit ich heute unterwegs bin, ist etwas wesentlich anderes als das von damals. Auch, weil ich wesentlich mehr Raum habe, die Geschichten hinter den Geschichten zu erzählen und Dinge einfließen zu lassen wie Comedy und Kabarett. Früher hatte ich eine Band im Rücken. Da ging es darum, Gas zu geben und einen Song nach dem anderen zu spielen.


Wann wird es ein neues Album geben?

Purple Schulz: Es ist für Frühjahr geplant und es wird eine Zusatz-CD mit Liveversionen geben, die wir jetzt in der zweiten Jahreshälfte aufnehmen.


Gibt es schon einen Titel?

Purple Schulz: Die Tour im nächsten Jahr heißt „Der Sing des Lebens“ und so wird wahrscheinlich das Album heißen. Der rote Faden ist unser Leben. Jeder Song muss auch über das Jahr, in dem er erscheint, hinaus eine Bedeutung haben und Sinn ergeben. Es geht nicht darum, acht Wochen in den Charts zu sein, sondern einen Titel zu machen, der einem in vier und in vierzehn Jahren noch helfen kann. Denn Musik hat ja etwas Tröstliches. Darum schreibe ich Songs. Sie müssen der Soundtrack des Lebens sein.

Interview: Michaela Grimm

Von Michaela Grimm

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