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18:38 02.06.2016
Mit ihm begann die Neuzeit: Martin Luther entdeckte das Ich im Glauben, sagt der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai. Quelle: Archiv
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Zossen-Dabendorf

Der im Zossener Ortsteil Dabendorf (Teltow-Fläming) lebende Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai kann ein umfangreiches und vielseitiges Werk vorweisen. Es reicht von historischen Romanen wie „Die Kuppel des Himmels“ über Biografien zum Beispiel über die Musiker-Dynastie der Bachs und zuletzt über Albrecht Dürer bis hin zu Essays wie „Lob der Religion“. Für dieses Buch erhielt der promovierte Germanist 2015 den Holländischen Preis für das beste religiöse Buch des Jahres. Nach seiner 2014 erschienenen Luther-Biografie (MAZ berichtete) kommt in dieser Woche sein neuestes Buch, ein 200 Seiten starker Essay mit dem provozierenden Titel „Gehört Luther zu Deutschland?“ bei Herder heraus.

Will streiten: Klaus-Rüdiger Mai. Quelle: Privat

Herr Mai, Ihr Buchtitel impliziert, dass Deutschland und damit wohl auch das ganze Abendland islamisiert wird. Leisten Sie damit nicht Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD argumentative Schützenhilfe?

Klaus-Rüdiger Mai: Das ist lustig. Ich spreche von Luther und Ihnen fällt sofort der Islam ein. In der DDR hörten wir sehr oft den Satz: Das ist zwar richtig, aber das darf man nicht sagen, weil es dem Klassenfeind nützt. Der „Spiegel“, der jahrzehntelang den alljährlichen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nutzte, um auf soziale Ungerechtigkeit in Deutschland hinzuweisen, unterstellt nun dem Wohlfahrtsverband, mit seinem neuesten Armutsbericht der AfD „argumentative Schützenhilfe“ zu leisten. Mein Buchtitel ist im Sinne des vornehmsten Freiheitsrechts des Römischen Reiches: eine provocatio ad popolo, ein Aufruf an die Bürger, darüber in den Meinungsstreit zu kommen, wohin sich die Republik entwickelt, inwieweit uns die Werte der Aufklärung, die Menschenrechte, die zu einem nicht geringen Teil aus Luthers Reformation hervorgegangen sind, noch etwas für die Zukunft bedeuten.

Ist denn die evangelische Pfarrerstochter Angela Merkel Ihrer Meinung nach schon islamisiert, weil sie den weiteren Flüchtlingszustrom nur mit Hilfe des re-islamisierten Staates Türkei eindämmen kann?

Mai: Angela Merkel entdeckt die Pfarrerstochter erst seit der Flüchtlingskrise in sich. Die Eindämmung des Flüchtlingsstroms gelingt außerhalb Deutschlands ohne den türkischen Präsidenten. Die Bundesregierung und die Opposition behaupteten, dass Deutschland seine Grenze nicht schließen könne. Inzwischen demonstrieren die ost- und südosteuropäischen Staaten einschließlich Österreichs, dass es mit überschaubarem Aufwand möglich ist. Der EU-Türkei-Pakt ist vielmehr ein Türkei-Deutschland-Vertrag. Die negativen Folgen für Deutschland zeigen sich bereits: Erdogan benutzt den Fall Böhmermann, um den Deutschtürken zu demonstrieren, dass der türkische Präsident mächtiger ist als die Bundeskanzlerin. Die Alternativlos-Kanzlerin stellt die demokratischen Rechte zur politischen Disposition. Das Ende einer Regierung ist erreicht, wenn Petitessen zu Staatsaffären werden. Ich persönlich halte die Bundeskanzlerin weder für islamisiert, noch für christianisiert, sondern für eine Gelegenheitspolitikerin nach Maßgabe des politischen Occasionalismus.

Soll das etwa heißen, dass Angela Merkel nicht mehr zu Deutschland beziehungsweise in die deutsche Bundesregierung gehört?

Mai: In diese Bundesregierung gehört sie schon – und verdient auch an ihre Spitze. Die Frage lautet, ob diese Bundesregierung in der Lage ist, dieses Land fit für die Zukunft zu machen. Jedenfalls schaffen wir das nicht, wenn sich ein Finanzminister über Mehreinnahmen freut, die entstanden sind, weil viel zu wenig in Infrastruktur und Bildung investiert wurde und gleichzeitig der Hartz IV-Satz bei Alleinerziehenden gekürzt werden soll.

Ihre politische Argumentation wirkt auf den ersten Blick rechts, wirtschaftlich stellen Sie linke Forderungen. Pendeln Sie gern zwischen den politischen Polen?

Mai: Ist die Unterscheidung zwischen rechts und links, die aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert stammt, noch sinnvoll? Werden nicht Schaukämpfe unter diesen Labels zelebriert, um die notwendigen Diskussionen zu vermeiden? Es ist eine schlechte Angewohnheit, Menschen in eine Ecke zu stellen, um sich nicht mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen – und besonders hilfreich ist sie erst recht nicht. Ich denke – das habe ich von Martin Luther gelernt – konsequent von der Freiheit eines Christenmenschen aus.

Sie werfen der evangelischen Kirchenführung vor, die Kirche zum Instrument politischer Auseinandersetzungen zu machen. Hat Luther nicht selbst Politik betrieben und sich überall eingemischt?

Mai: Martin Luthers „politisches“ Eingreifen führte zur Trennung von Staat und Kirche. Er wollte die Trennung des „weltlichen“ vom „geistlichen“ Bereich. Wenn der praktizierte Linksprotestantismus die Kirche politisiert, geht er im Grunde in die Zeit vor Martin Luther zurück.

Ist es nicht Ihre Mission, aus Ihren Glaubensgrundsätzen heraus Stellung zu politischen Entwicklungen zu nehmen?

Mai: Martin Luther hat die große Kraft des Gebetes sehr geschätzt. Ich wüsste nicht, was an einer Gemeinschaft von Betschwestern und Betbrüdern schlecht sein soll. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Christen, in der Jesus Christus anwesend ist, der klar sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Jeder Christ ist zugleich Bürger – und als Bürger kann er sich politisch engagieren. Er selbst – nicht eine Kirchenführung für ihn. Für das politische Engagement existieren in der Demokratie nicht Kirchen, sondern Parteien und Vereine. Nicht als Christ wird man zur Wahl aufgerufen, sondern als Bürger. Unter Christen bestehen unterschiedliche politische Anschauungen. Die politischen Vorstellungen von Frau Käsmann, von Ihnen und von mir unterscheiden sich, wer soll da jetzt für wen sprechen? Wer sein Amt in der Kirche missbraucht, um eine bestimmte politische Richtung zu unterstützen, spaltet die Kirche und erniedrigt den Gottesdienst zur Parteiversammlung.

Sie erkennen einen sich gegenwärtig vollziehenden Epochenwandel. Wozu braucht man denn in der neuen Epoche noch den alten Luther?

Mai: Die Geschichte besteht aus großen Paradigmenwechseln, so zum Beispiel von der Spätantike zum Mittelalter, so vom Spätmittelalter zur Neuzeit. Mit Martin Luther setzte die Neuzeit ein, die sich heute ihrem Ende zuneigt. Martin Luther hat, indem er das Ich im Glauben entdeckte, sowohl das Individuum etabliert, als auch mit der Freiheit eines Christenmenschen den modernsten Freiheitsbegriff geschaffen, der in dem engen Zusammenhang von Freiheit, Verantwortung und Gewissen besteht. Damit hat er die Grundlage für die Aufklärung, für unsere den universellen Menschenrechten verpflichtete Gesellschaft und für den hohen wissenschaftlich-technischen Standard begründet. Das von Luther entdeckte Ich droht in der Digitalisierung verloren zu gehen, der Mensch zum Konsumsklaven und zur Humanschnittstelle zu verkommen. Wir benötigen eine zweite Reformation in Kirche und Gesellschaft. Seien wir mutig, seien wir freie Menschen, gestalten wir in Demut vor der Schöpfung unsere Welt – dahin wies Luther den Weg.

Info: Klaus Rüdiger Mai: Gehört Luther zu Deutschland? Herder, 208 Seiten, 19,99 Euro.

Von Hartmut F. Reck

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