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00:18 31.10.2016
Er repräsentiert nicht gern: Günter de Bruyn, zu Hause in einem entlegenen Wald in Brandenburg. Quelle: FotO: dpa
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Potsdam

Begeht ein prominenter Autor seinen 90. Geburtstag, werden gern die Gratulationsartikel zum 85., 80. oder 75. Geburtstag hervorgekramt und mehr oder weniger abgeschrieben. Denn was soll sich im Leben und im Werk eines Finalisten schon noch wesentlich bewegen? Die großen Schlachten sind geschlagen. Die ein oder andere Lorbeere, die sonst in Vergessenheit geraten wäre, lässt sich vielleicht aufpolieren. Das war’s.

Nicht so bei Günter de Bruyn. Seinem bereits erstaunlichen Alterswerk konnte der Verfasser von Romanen wie „Buridans Esel“ (1968), „Märkische Forschung“ (1978) oder „Neue Herrlichkeit“ (1984) auch im 90. Lebensjahr eine weitere frische Lorbeere hinzufügen. In diesen Wochen erscheint bei S. Fischer seine biografische Abhandlung über Zacharias Werner (1768–1823), einen höchst seltsamen Dichter, Dramatiker und Prediger der romantischen Epoche. Und kaum zu glauben: Das Buch mit dem Titel „Sünder und Heiliger“ verfügt über all jene Qualitäten, mit denen sich Günter de Bruyn bei den Lesern im vereinigten Deutschland so beliebt machte.

Wer war Zacharias Werner?

Wie Günter de Bruyn war Zacharias Werner ein großer, hagerer Mann. Sonst gibt es kaum Ähnlichkeiten.

Zacharias Werner wurde 1768 im ostpreußischen Königsberg geboren. Sein Vater war der Patenonkel von E. T. A. Hoffmann, der als Dichter der Romantik heute noch ein Begriff ist. Werner besuchte Vorlesungen von Immanuel Kant und wurde ein viel gespielter Dramatiker. Seine Werke gerieten aber bald in Vergessenheit.

Das erfolgreichste Schauspiel Werners, das 1806 am Berliner Nationaltheater aufgeführt wurde, hieß „Martin Luther oder die Weihe der Kraft“.

Nach drei gescheiterten Ehen ließ sich Werner zum katholischen Priester weihen, in Wien starb er 1823.


Info: Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner. S. Fischer. 222 Seiten, 22 Euro.

Als die Mauer fiel, war de Bruyn bereits 63 Jahre alt und bedauerte, dass die neuen Lebensverhältnisse für ihn zu spät kämen. Während andere nach 1989 ihre Wunden leckten, eine ideologische Inventur vornahmen oder sich zur Ruhe setzten, legte Günter de Bruyn noch einmal los und entfesselte eine Altersproduktivität, vielleicht vergleichbar mit der von Theodor Fontane.

Der Weg des Romanciers zum nonfiktionalen Erzähler und Aufbereiter historischer Stoffe führte bei de Bruyn über seine Autobiografie, mit der er sich auch im Westen schnell Respekt verschaffte. „Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin“ erschien 1992 und reicht bis ins erste DDR-Jahr. Ein Bericht über „Vierzig Jahre“ DDR, de Bruyns Lebensmitte, folgte 1996. Das Credo des einstigen Mitglieds des Zentralvorstands des DDR-Schriftstellerverbandes überraschte einige Leser im Osten: „Ich habe mir von Anfang an nichts von einem sozialistischen Staat auf deutschem Boden versprochen“, beteuerte de Bruyn. Deshalb hätten ihn die großen Epochenbrüche 1956, 1968 oder 1989 innerlich auch nicht erschüttert. „Ich war längst desillusioniert“, schrieb er. Dass er sich phasenweise wie ein Mitläufer verhielt, thematisierte er nun offen. Bis dahin hatte er das Problem anhand seiner fiktiven Romanfiguren abgehandelt, von denen viele unter Spießerverdacht standen.

Für die kommunistischen Heilsversprechen war de Bruyn – anders als Generationskollegen wie Christa Wolf oder Stefan Heym – nicht anfällig. Warum? Weil er sich dem bürgerlichen Milieu zugehörig fühlte und im protestantischen Berlin in einer katholischen Familie aufgewachsen war, die ihn auch gegen die Nazis immunisierte, so seine Antwort. 2014 erschien „Landgang“, ein Briefwechsel, den de Bruyn Anfang der 1980er Jahre mit dem Gymnasiasten Stefan Berg geführt hat. Damals bestärkte er den 17-Jährigen, als „Spatensoldat” einzurücken, also den Waffendienst zu verweigern und sich einem kirchlichen Friedenkreis anzuschließen. Aber er warnte den Jugendlichen auch: „Bitte seien Sie vorsichtig in Ihren Diskussionen. Was ich ungestraft sagen kann, kann Ihnen schlecht bekommen!“

Statt auf hochfahrende Utopie setzte der gelernte Bibliothekar de Bruyn auf Bodenständigkeit und seine eigenen literarischen Mittel, die ihm so bescheiden vorkamen, dass er gar nicht auf die Idee kam, mit Büchern die Welt verbessern zu wollen.

Seine bürgerliche Existenz nahm der Nachkomme hugenottischer Einwanderer aber beherzt in eigene Hände. 1968 entschloss er sich, ein ehemaliges Mühlengehöft mitten in einer feuchten, schattenreichen Waldsenke in Märkisch-Oderland für seine Zwecke herzurichten. Lange verfügte der Berliner hier nicht einmal über Strom und Telefon. In den 1990er Jahren bauten de Bruyn und seine Frau den entlegenen Rückzugsort bei Görsdorf (Storkow) aus. Hier lebt und wirkt de Bruyn noch heute – geschichtsversunken.

Denn sein Alterswerk, das etwa 1999 mit „Die Finckensteins. Eine Familie im Dienste Preußens“ einsetzte, widmete sich ganz der Darstellung von Lebensgeschichten, die sich in der Mark Brandenburg und in Berlin zumeist im 19. Jahrhundert zugetragen haben. Vorläufige Höhepunkte waren die beiden opulenten Bände „Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807“ (2006) und „Die Zeit der schweren Not. Schicksale aus dem Kulturleben Berlins 1807 bis 1815“ (2010). Dabei handelt es sich aber nicht um monumentale Geschichtsbücher, sondern um eine Zusammenstellung von Miniaturen, die den Charakter und die Individualität bekannter und vergessener historischer Persönlichkeiten herausstellen. Günter de Bruyn erzählt die Lebensgeschichten lakonisch und hart an den Quellen, immer auf das Wesentliche konzentriert. Sie ergeben ein farbiges Mosaik der brandenburgisch-preußischen Kulturgeschichte.

Der ehemalige Belletrist, der am Dienstag 90 Jahre alt wird, ist kein Autor, der sich in seinen Figuren spiegeln möchte oder sich mit ihnen identifiziert. Das scheint de Bruyns Erfolgsrezept zu sein. Er hält immer Distanz, dramatisiert nicht unnötig und lässt Zitate auch gern für sich sprechen.

„Die Achtung des Eigenen scheint mir Voraussetzung für die Achtung auch des Anderen zu sein“, bekannte de Bruyn einmal. Nach Büchern über die Gräfin Elisa (2012), das Schloss Kossenblatt (2014) und Staatskanzler Karl August von Hardenberg (2015) entdeckt der Jubilar nun mehr unsympathische als sympathische Seiten des schrulligen, gescheiten, lüsternen und frommen Ostpreußen Zacharias Werner. Das ist lesenswert.

Gesundheit und Schaffenskraft für Günter de Bruyn!

Von Karim Saab

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