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Kultur Sein Werk ist fast vergessen, aber die Person bleibt interessant
Nachrichten Kultur Sein Werk ist fast vergessen, aber die Person bleibt interessant
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00:17 10.11.2016
Peter Weiss setzte sich in seinen Collagen kritisch mit der bürgerlichen Welt auseinander. Quelle: Zeutschel Omniscan 11
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Potsdam

„In Gegensätzen denken – Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in diesem Haus geboren“. Nur wer gezielt sucht, wird die Tafel im Eingangsbereich der Gründerzeitvilla in der Rudolf-Breitscheid-Straße 232 in Babelsberg entdecken. Die Stadt Potsdam hat sich aber ihres Sprösslings, der ein bemerkenswerter Künstler wurde, durch Ausstellungen, Lesungen und mit einer Tagung in den letzten Wochen engagiert erinnert (siehe MAZ vom 12. September).

Die Ehrungen machten aber auch deutlich, dass gerade das schriftstellerische Werk von Peter Weiss unzugänglich bleibt, wenn man sich nicht mit seinem Leben und den Wirren des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Für den bekennenden Kommunisten, der sich im Kalten Krieg heimatlos fühlte, bedeutete „Politik und Schreiben eins“. In linken Lesezirkeln in West wie Ost war es Anfang der 1980er Mode, „Die Ästhetik des Widerstands“, einen erzählerisch wie ideologisch ausgefeilten Tausendseiter, gemeinsam zu studieren.

Der heimatlose Weltbürger

Der Dramatiker Peter Weiss galt als neuer Brecht. Sein Revolutionsdrama „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats ...“ wird 1965 zum Welterfolg. Auch „Die Ermittlung“, eine Aufarbeitung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, wird mit 15 gleichzeitigen Uraufführungen zu einem Ausnahmeereignis. Dramen wie „Viet Nam Diskurs“ und „Trotzki im Exil“ folgen.

Er ist KP-Mitglied, sieht aber in der DDR die künstlerische Freiheit bedroht, in der BRD verstört ihn der hemmungslose Wirtschaftswunderkapitalismus.

Die beiden Biografien: Birgit Lahann: Peter Weiss der heimatlose Weltbürger. Dietz, 336 Seiten, 24,90 Euro.
Werner Schmidt: Peter Weiss. Biografie. Suhrkamp Verlag, 462 Seiten, 34 Euro.

Obwohl Peter Weiss seinen Ruhm zu Lebzeiten vor allem als Dramatiker einfuhr (das Dokumentartheaterstück „Die Ermittlung“ machte ihn sogar weltberühmt), wollte das Potsdamer Hans-Otto-Theater keines seiner Stücke in den aktuellen Spielplan aufnehmen. Die meisten Gemälde des Malers Peter Weiss gelten als verschollen. Warum ist er trotz der Abwesenheit seines Werkes nicht vergessen?

Dass der Intellektuelle, der 1982 im Alter von 65 Jahren in seiner Behelfsheimat Stockholm starb, ein lohnendes Thema geblieben ist, zeigen zwei neue Biografien. Die Journalistin Birgit Lahann hat die Witwe von Peter Weiss, Gunilla Palmstierna-Weiss, interviewt, um anhand vieler interessanter Details den Lebensweg des widersprüchlichen Menschen besser zu verstehen. Und Werner Schmidt, ein Professor aus Stockholm, rückt die gesellschaftspolitischen Debatten in den Mittelpunkt, um die Positionen von Peter Weiss deutlicher herauszuarbeiten. Zwei Bücher also, die sich gut ergänzen.

Was ist mit den „Gegensätzen“ gemeint, in denen er gedacht hat? Zunächst einmal hat Peter Weiss seine bourgeoise Herkunft abgelehnt. Das Thema spricht nicht nur aus vielen autobiografischen Texten, sondern auch aus seinen Bildern. Weiss ging so weit, sich als „Sohn der unterdrückten Klasse“ zu stilisieren. Da seine Mutter Schauspielerin war, distanzierte er sich zum Beispiel von der verlogenen Welt des bürgerlichen Theaters und der Bildwelt des 19. Jahrhunderts, die ihn geprägt hat (siehe die oben abgebildete Collage).

Es gibt viele persönliche Dramen, die Peter Weiss ein Leben lang mit sich austrug. Seine Mutter war mit Persönlichkeiten wie Wilhelm Murnau („Nosferatu“) befreundet. Als sie in der Zeitung las, dass der ehemalige Kollege und Filmregisseur 1931 bei einem Autounfall in Kalifornien (USA) ums Leben kam und auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf beigesetzt wurde, erlebte der Sohn ihre Erschütterung. 1934 kam dann auch Peters Schwester Margis Beyatrice bei einem Autounfall zu Tode und wurde ebenfalls in Stahnsdorf begraben. Eine junge, zarte, unvollendete Mädchengestalt geistert immer wieder durch das Werk von Peter Weiss. Seit den 1940er Jahren bezieht sich dieser Figur auch auf Lucie Weisberger, ein 15-jähriges begabtes Mädchen, das er als Student in Prag kennengelernt hatte. Er war schon im schwedischen Exil, als er erfuhr, dass Lucie nach Theresienstadt deportiert worden war. Vergeblich versuchte Weiss, sie durch Heirat dort rauszuholen.

Als 17-Jährige hatte Peter Weiss einen andern Schock zu verdauen. Bis dahin wusste der evangelisch Getaufte nicht, dass er als Jude gilt. „Sogar sein Vater habe sich oft herablassend über Juden geäußert“, schreibt Birgit Lahann. „Diese ganze Hinters-Licht-Führerei habe ihn ziemlich erschüttert.“

Nach dem Krieg trieb Peter Weiss „die Scham, dem Inferno entkommen zu sein, aber auch die Unsicherheit, ob aus ihm hätte ein Täter hätte werden können“. Initialzündung für seine Politisierung wurden die Auschwitz-Prozesse, die auf Betreiben von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer möglich wurden. Im Gegensatz zu Weiss war Bauer 1949 aus dem schwedischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt.

Von Karim Saab

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