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Selbstironisch und redegewandt

Zum Tode der Schriftstellerin Ruth Kraft Selbstironisch und redegewandt

Ihren literarischen Ehrgeiz musste die sächsische Kaufmannstochter lange hintanstellen und auf Vaters Geheiß Buchhalterin lernen. Erst in der zweiten Lebenshälfte konnte sie vom Schreiben leben. Ruth Kraft ist am Mittwoch im Alter von 95 Jahren in Berlin verstorben. Ihr Roman „Insel ohne Leuchtfeuer“ hatte ein Millionenpublikum gefunden.

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Ruth Kraft, wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag.

Quelle: Tanja Kasischke

Zeuthen. Der jüngste Besuch der alten Dame war ihr letzter. Als der Fontanekreis Zeuthen im Frühjahr 30-jähriges Bestehen feierte, war Ruth Kraft als Ehrenvorsitzende dabei. Gefreut habe sich die Schriftstellerin, Mitglieder der ersten Stunde wiederzusehen, und rüstig habe die Grande Dame der ostdeutschen Literatur gewirkt, erinnert sich Zeuthens Bibliothekarin Christel Vogler. Am Mittwoch ist Ruth Kraft im Alter von 95 Jahren in Berlin gestorben.

Man trifft sich immer zweimal im Leben. Das galt auch für Ruth Krafts Begegnung mit Theodor Fontane, dessen Roman Effi Briest sie als Backfisch verschlungen hatte. „Ich habe mitgelebt und die Handlung für mich weitergesponnen“, erzählte die Autorin anlässlich ihres 90. Geburtstags. Und: „Ich habe immer geschrieben. Oder gelesen.“

Doch ihren literarischen Ehrgeiz musste die sächsische Kaufmannstochter lange hintanstellen und auf Vaters Geheiß Buchhalterin lernen. Erst in der zweiten Lebenshälfte konnte sie vom Schreiben leben. Vier Jahrzehnte verbrachte Ruth Kraft in Zeuthen (Dahme-Spreewald), wo sie Fontane wiederentdeckte, dem Fontanekreis beitrat und das regionale Netzwerk literarisch Interessierter durch Lesungen mitgestaltete. „Dass es ihr im hohen Alter gelungen ist, ihren Roman ,Insel ohne Leuchtfeuer’ als Hörbuch einzusprechen, hat sie stolz gemacht“, sagt Christel Vogler. In der autobiografischen Erzählung reflektiert Ruth Kraft ihre dreijährige Tätigkeit als mathematische Hilfskraft in der Heeresversuchsstelle Peenemünde. Dort begegnete sie den Wissenschaftlern um Wernher von Braun und erlebte, wie Raketen für Kriegszwecke entwickelt wurden. Als Dokumentation wollte Kraft ihr Buch nicht verstanden wissen, sorgfältig entwarf sie ihre Figuren und schilderte das Leben auf der Insel. Eine verdichtete Welt.

Der Legendenbildung öffnete das erfolgreiche Buch dennoch Tür und Tor, die Autorin musste den Vorwurf hören, von der Bedeutung Peenemündes im Krieg abzulenken. Jenseits davon ist „Insel ohne Leuchtfeuer“ ein Entwicklungsroman, dessen Protagonistin ins Leben drängt – in politisch schwierigen Zeiten. Das 1959 veröffentlichte Buch wurde in der DDR eine halbe Million Mal verkauft.

Weil sie redegewandt, fleißig und selbstironisch war, schrieb Ruth Kraft weiterhin Bücher für Jugendliche und Erwachsene. Das half ihr, jung zu bleiben. Parallel arbeitete sie beim Rundfunk in Leipzig, ehe sie ihrem Ehemann, Defa-Rundfunkregisseur Hans Bussenius, nach Potsdam folgte. Später bezog die Familie ein Haus in Zeuthen. 80-jährig veröffentlichte Ruth Kraft ihre Autobiografie „Leben von der Pike auf“.

Zuletzt lebte sie in Berlin, in der Nähe ihrer Tochter, fuhr aber „sobald sich“, wie sie sagte, „ein Chauffeur fand”, zu Veranstaltungen des Zeuthener Fontanekreises. Gründungsmitglied Gisela Tosch nahm die Nachricht vom Tod der Autorin erschüttert auf: „Beim Jubiläum war sie da und ich dachte noch, du hättest fotografieren sollen. So ein Moment kommt nicht wieder.

Von Tanja Kasischke

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