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14:36 05.07.2018
Der französische Regisseur Claude Lanzmann freute sich 2013 bei der Berlinale über die Auszeichnung mit dem Goldenen Ehrenbär. Quelle: dpa
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Paris

Der eindringlichste Film, der je über den Millionenmord der Nazis an Europas Juden gedreht wurde, ist eine Dokumentation: Claude Lanzmanns „Shoah“. 540 Minuten Interviews – geführt zwischen 1974 und 1985: mit Tätern, die leutselig die Details des Holocausts erklären, mit Widerstandskämpfern die von ihrer Erfolglosigkeit erschüttert sind, mit den ganz normalen Leuten von nebenan, die sich an ihre deportierten Nachbarn erinnern. Und mit den Überlebenden der Vernichtungslager, für immer gequält von ihrem Erleben damals, als sie in den Tod gehen sollten. Die Kamera zeigt nur ihre sprechenden Gesichter, dazwischen die verfallenden Stätten des Völkermords, stumme Ruinen, über die Gras wächst. Und im Zuschauer steigt dabei ein Grauen hoch, wie es kein Spielfilm zum Thema je vermochte.

Lanzmann ist gestern im Alter von 92 Jahren in einem Pariser Krankenhaus gestorben. In seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ erwähnt der französische Regisseur, Sohn jüdischer Eltern, sein Meisterwerk erst nach 500 Seiten. Dafür blickt der Sartre-Freund und Beauvoir-Liebhaber weidlich zurück auf ein 20. Jahrhundert, dem er mehr als einmal in den tödlichen Schlund geschaut hat, ohne je seine unbändige Neugier aufs Leben zu verlieren.

Sein Vater brachte ihm bei, wie man sich unauffällig macht. Dann kämpfte der Sohn in der Résistance - erst als Waffenschmuggler im Internat, schließlich als Partisan an der Seite seines Vaters. Politisch engagiert war er zeitlebens, stritt für die Unabhängigkeit Algeriens und gegen die Todesstrafe. Und obgleich es allen Grund dafür gäbe, sind seine Erinnerungen alles andere als düster. Geradezu heiter lesen sich seine Romanzen. Die Beinahe-Eroberung einer nordkoreanischen Krankenschwester – Lanzmann gehörte der ersten westlichen Delegation an, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg bereiste – ist große Komödie und zugleich intimer Enthüllungsbericht über eine Diktatur.

Sein Leben, so sagte Lanzmann, sei stets von der Frage nach Mut und Feigheit durchzogen gewesen. Hätte er es gewagt, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, wie es Weggefährten von ihm taten, die von den Nazis gefasst worden waren? Sein „Shoah“ wurde von der Weltöffentlichkeit als Sensation aufgenommen. Ein Ganzes ergibt das monumentale Werk aber erst in der Zusammenschau mit mindestens zwei anderen Filmen Lanzmanns, mit „Warum Israel“ (1972) und „Tsahal“ (1994). In beiden Fällen geht es ihm um das Selbstverständnis eines Staates, der in der Nachfolge der Shoah entstand und dessen Bürger darum ringen, sich als Subjekte und nicht als Opfer der Geschichte zu begreifen

Zuletzt erschienen auf DVD Lanzmanns „Shoah Fortschreibungen“ – Filme die nicht in das „Shoah“-Konzept des Regisseurs passten oder den eh weitgefassten zeitlichen Rahmen vollends gesprengt hätten. Eindrücklichstes Outtake ist „Der Letzte der Ungerechten“, Lanzmanns Porträt von Benjamin Murmelstein, des einzigen Mitglieds des „Judenrats“ von Theresienstadt, der den Holocaust überlebte. Beklommen lauscht man den Bekenntnissen dieses Mannes, der seinem Volk als „Bindeglied“ zu den Nazis helfen wollte, zu oft aber nur als Privilegierter unter den Todgeweihten begriffen wurde. Lanzmann sah in Murmelstein einen Aufrechten, großspurig in seiner Art, doch nie in der Gefahr, seine Seele zu verkaufen.

Diese Filme sind Lanzmanns großes Vermächtnis. Erinnerungskultur, die nötiger ist denn je, jetzt, da die letzten Zeitzeugen der zwölf Jahre des Dritten Reichs aufs Ende ihres Lebens zugehen und Stimmen laut werden, die diese Zeit der Menschenverachtung als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte verspotten.

Von Matthias Halbig und Stefan Stosch / RND

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