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„Sie kriegen ’ne verbogene Antenne“

Maler Jürgen Lutzens „Sie kriegen ’ne verbogene Antenne“

Das Lebenswerk des Brandenburger Malers Jürgen Lutzens ist derzeit im Stadtmuseum in der Ritterstraße zu sehen. Lutzens, nun 75 Jahre alt, hat sich jenseits des akademischen Betriebs einen freien Blick auf die DDR bewahrt - er wurde aus ideologischen Gründen nicht aufgenommen in den Künstlerverband, er bildete sich aus durch private Kontakte zu Malern.

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Der Maler Jürgen Lutzens im Brandenburger Stadtmuseum.

Quelle: Lars Grote

Brandenburg/Havel. Jürgen Lutzens sagt, man könne ihn nur nachts erreichen, „rufen Sie mich zwischen 20 Uhr und vier Uhr morgens an.“ Dann sei er auf der Höhe, fühle sich bereit für Kunst, zum Briefeschreiben und erteile biografische Informationen. Lutzens, 75 alt und krebskrank, spricht mit Verve über sein Leben, die Sätze klingen reflektiert und werden immer länger, denn immer gibt es eine neue Reflexion und eine Volte, die hinters Komma passt. Es gibt nur wenige Menschen, die eine so reiche Interpunktion in ihre Alltagssprache packen.

„Ich lebe von Tag zu Tag“, sagt Lutzens, die Krankheit schreite fort, er wisse nicht, wie lange seine Kraft noch reicht. Das Malen hatte er vor 27 Jahre aufgegeben. „Vielleicht“, sagt er, „weil mir die Anerkennung fehlte“. Er ist ein Maler im Ruhestand, sitzt im Stadtmuseum von Brandenburg/Havel, wo sie gerade sein Lebenswerk zeigen. „Ich hab’ doch nur noch 15 Ölgemälde, die anderen habe ich verbrannt.“ Er malt auf Hartfaser, „die geht sofort in Flammen auf, toller Brennwert, der Ofen wärmt ganz prächtig mit den Bildern.“

Wenn es nach Vorbildern roch, und er merkte, er habe sich bei anderen Malern „zu sehr angelehnt“, kam die Arbeit ins Feuer. Mal sah es stark nach Beckmann aus, dann nach Kirchner. Er wollte das nicht gelten lassen. Nur was authentisch war, ließ er bestehen.

Aber es gibt Zeichnungen. Viele, entstanden in den 80ern, meist sieht man nackte Frauen. Solche aus dem echten Leben, dann wieder einige, die er erdacht hat. Ihre Brüste, Hüften, Faltenwürfe malte er mit der Hingabe von Dürer und der Präzision eines Anatomiebuches. Gestalterische Lust und das erotische Interesse halten sich die Waage.

Meister abseits vom Mainstream

1941 wird Jürgen Lutzens in Brandenburg/Havel geboren.

1962 beginnt seine Korrespondenz mit Künstlern aus Ost und West.

1965 konsultiert er mehrmals, neben Besuchen in den Ateliers anderer Künstler in Halle (Saale) und Dresden, Willi Sitte in dessen Atelierwohnung.

1988 wird ihm die Mitgliedschaft im Künstlerverband verwehrt.

Lutzens Werkschau „Sehnsucht und Obsession“ im Stadtmuseum Brandenburg/Havel, Ritterstraße 96, bis 11. Juni. Di-So/Feiertage 13 bis 17 Uhr.

Warum so viele nackte Frauen? Jürgen Lutzens muss nicht überlegen, „in den 80ern war ich der Mann zwischen 40 und 50.“ Das reicht als Hintergrund, Lutzens zielt nicht auf die akademischen Diskurse, die den Trieb oder die pure Lust verkleistern mit viel Theorie und altgriechischen Termini. Er mag es lebensnah.

Lutzens tritt als Mensch auf, nicht als weit gereister Performer, der seine Kunst mit weltläufigen Wohnsitzen belegt, Professoren als Lehrer angibt, um aus der eigenen Vita ein komplexes, künstlich wirkendes Werk zu bauen.

Er hat immer in Brandenburg/Havel gewohnt, bis zur Wende in einer fantastisch großen Wohnung am Altstädtischen Markt. Nach der Wende wurde sie privatisiert, er wohnt nun kleiner. Immer noch gegen die Uhr. „Wenn Sie sich nachts vitaler fühlen, und es ihr Lebensstil erlaubt, dann leben Sie in der Nacht!“, riet ihm ein Arzt. Lutzens hat ihn erhört.

1972 ist er zusammengebrochen, Angst, Depression. „Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt. Vielleicht sind es die Bombennächte gewesen, die ich in Brandenburg noch miterlebt habe.“ Er hörte auf zu malen. Fing erst in den 80ern wieder an. Die Frauen.

Immer malte Lutzens, was er sehen wollte, nicht das, war der Künstlerverband erwartete. In der Stahlstadt Brandenburg hätte er Arbeiter malen können und am 1. Mai heroische Protestzüge. Wollte er nicht. Er hat sich für die Privatmenschen interessiert, nicht für den imposanten, leeeren Gestus des sozialistischen Realismus. Der Künstlerverband hat ihn nicht genommen, mehrmals hat sich Jürgen Lutzens beworben. Immer kam die Absage, ohne Begründung. Einer, der nachts lebt, der in den 60er Jahren Landschaften malte, die nicht politisch waren, sondern expressiv und ortlos, der war verdächtig. Wo bleiben Parteilichkeit und Standpunkt, fragten die Funktionäre. Eine Welt aber, in der Kunst unter den Trümmern der abgegriffenen Wörter gedeihen soll, hat Lutzens nie interessiert.

Er arbeitete, wann er wollte – meistens nachts

Als Gebrauchsgrafiker hat er sich auf Schriftgestaltung und Werbung verlegt. Das war sein Brotberuf. Er arbeitete, wann er wollte, nachts – Hauptsache, die Arbeiten sind pünktlich fertig worden.

Ohne Abitur konnte er nicht studieren, ein Professor riet ihm ohnehin: „Studieren Sie nicht, Sie kriegen ’ne verbogene Antenne.“ Wie es Lutzens’ Art war, suchte er sich seine Lehrer selber. Er begann zu malen, „weil ich schüchtern war.“ Mit 13 nahm er Zeichenunterricht, zwei alten Damen haben unterrichtet, „das war 19. Jahrhundert.“ In der Schule „war Schluss bei van Gogh“. Wo blieb die Moderne? Jürgens Lutzens war Mitte 20, da schaute er, wer von den großen Malern noch gelebt hat: Schmidt-Rottluff, Erich Häckel. Er schrieb sie einfach an. Und sie schrieben zurück. Aus dem Westen.

Auch Willi Sitte hat er einen Brief geschickt, Lutzens zeigte ihm Bilder, er lernte Sitte als „wohlwollenden Privatmann“ kennen. Sitte korrigierte die Arbeiten, „er ließ mich Flaschen malen, um den hellsten und dunkelsten Punkt zu erkennen, das half mir bei den Aktgemälden.“

Die Briefe haben ihn genau so interessiert wie seine Malerei. Unzählige Briefkontakte erwähnt Lutzens, er vergisst bei aller Lust an der Erinnerung, aus der Wasserflasche zu trinken, die er sich mitgebracht hat ins Museum. Er hat auch einen handschriftlichen Brief der Künstlerin Meret Oppenheim. „Die Briefe sind Millionen wert“, sagte einer. „Interessiert mich nicht“, gab Lutzens zurück. Es ging ihm um Anerkennung. Der Glanz des Geldes ist zu matt.

Von Lars Grote

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