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Sinnsuche und Sinnlichkeit bei den Tanztagen

Potsdamer Tanztheaterfestival Sinnsuche und Sinnlichkeit bei den Tanztagen

Die Potsdamer Tanztage haben sich seit 1991 als herausragendes internationales Festival in Potsdam etabliert und bleiben weiterhin das wichtigste Festival für Darstellende Kunst im Land Brandenburg. Zwölf Tage lang wird die Landeshauptstadt Brandenburgs zur Bühne der internationalen Tanzszene.

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Szene aus „Maout Leila“: Leila (Mitte) vor dem Tänzer und Choreograf Ali Chahrour, flankiert von den Musikern Ali Hout (l.) und Abed Kobeissi.

Potsdam. Manchmal ist der Tanz das letzte Mittel, um mit Mythen aufzuräumen und zu spüren, wo die eigene Mitte liegt. Man sollte dann nicht unbedingt den „Schwanensee“ erwarten, der die Anmut und die engen, weichen Schuhe einer Ballerina auf die Spitze treibt. In Beirut haben sie andere Sorgen, als die Tänzerin ins weiße Röckchen zu hüllen und sie mit Tüll zu dekorieren. Der Libanon ist ein Land, das vom Bürgerkrieg geprägt ist, der Tod gehört zum Ton der Gegenwart, entsprechend dunkel fällt das Stück „Maout Leila“ (Leilas Abschied) aus, das bei den Potsdamer Tanztagen am Montag Premiere feierte. Der junge Ali Chahrour aus Beirut hat es minimal und ohne falsche Gefühle choreografiert.

Leila ist Klagesängerin, 50 Jahre alt, eine Frau mit dunklem Kopftuch, ihr Ehemann kam dreimal zu den Eltern, er bat um Leilas Hand und wurde hingehalten. Denn ihm fehlt ein Bein. Irgendwann haben sich Leila und ihr Mann hinweggesetzt über die elterliche Ablehnung. Sie haben geheiratet, doch Leila ist keine glückliche Frau geworden. Ihr Bruder starb, ihre Schwester, ihr Mann, dann einer ihrer drei Söhne. Sie bittet Gott um Seelenfrieden für die Toten. Nur langsam entpuppt sich aus der Klage eine Bewegung, die monoton bleibt – als suche sich der Schmerz hier einen Ausweg, ohne großen Aufwand, einfach ein Wiegen der Arme und Beine, das dem Wimmern die Last nimmt. Unprätentiös bewegt sich der Choreograf Ali Chahrour, körperlich übersetzt er die Klagen von Leila – begleitet von zwei Musikern an einer Bouzouki, die er gegen die Tradition mit einem Bogen spielt, und an Trommelinstrumenten.

Auch dieser schwere, konzentrierte, ohne wendige Pointen inszenierte Abend wird in Potsdam vor vollem Haus im ­T-Werk gespielt. Das Publikum weiß diese Kost zu   würdigen, niemand scharrt mit den Füßen, wenn der Tanz sich hinter einem Schicksal tarnt, das nicht zum Hüpfen, Schwelgen, Lachen einlädt. Im Potsdamer Kulturviertel in der Schiffbauergasse, wo das Tanzfestival traditionell daheim ist, war bereits am Donnerstag ein Stück aus Beirut zu sehen: „Mahalli“ von der Tänzerin und Choreografin Danya Hammoud, die solo die weibliche Selbstbehauptung predigte, ohne Klimbim und jeden Hang zur Kleinlichkeit, die sich in den Details verliert. Die weibliche Selbstbehauptung war auch hier das Thema, Beirut also hat mit zwei Stücken beigetragen zur Stärkung der Frau, deren Position gerade im Nahen Osten nicht gesichert ist.

Doch auch die Poesie kam zum Zuge. Im Stück „For The Sky Not To Fall“ aus Rio de Janeiro zogen sich die zehn Tänzer aus und rieben sich mit Kaffee ein. Der Rhythmus wie ein Herzschlag. Gewürze schwebten durch die Luft, halb Duft, halb Staub. Herrlich ausgeleuchtet. Die andere Seite des Tanzes: Keine Sinnsuche, sondern Sinnlichkeit.

Info: Die Potsdamer Tanztage haben am 25. Mai begonnen und enden am 5. Juni. Sie zeigen 19 Choreografien von weltweit eingeladenen Gästen. Tänzer mit Downsyndrom aus Antwerpen (Belgien) zeigen am 1. Juni (19.30 Uhr) und am 3. Juni (20 Uhr) das Stück „To Belong“ in der Potsdamer „Fabrik“. Tickets unter 0331/240923 (14-19 Uhr).

Von Lars Grote

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