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Skandal: Zu viel nackte Haut

Brandenburger interpretiert Manet-Gemälde Skandal: Zu viel nackte Haut

Wir schreiben das Jahr 1863: Frankreich empört sich über Manets „Frühstück im Grünen“. Eine nackte Frau und zwei Männer – das war ein Schock. Vom Eberswalder Maler Paul Wunderlich stammen neue Varianten des Gemäldes. In seiner Geburtsstadt interpretieren Bürger und Studenten an diesem Wochenende das umstrittene Manet-Bild malerisch neu.

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Vom Eberswalder Maler Paul Wunderlich stammt diese Annäherung an das originale „Frühstück im Grünen“ von Édouard Manet (l.).

Quelle: WWW.FotoMichaWinkler.de

Eberswalde. Das Gemälde war ein Schock, und es war nicht mal klar, warum. Die Bürger jener Zeit kriegten sich in die Haare, was an dem Bild beklagenswerter sei: Sicher, die Frau war nackt, das hat sich 1863 auf Gemälden derart ungezwungen, fern griechischer Klassik, nicht gehört. Doch auch der Pinselstrich sei „schlampig“. Lotterleben samt nachlässiger Technik, das war zu viel für damalige Konventionen. Die Kritik hat nicht verhindern können, dass „Le Déjeuner sur l’herbe“ – zu Deutsch „Frühstück im Grünen“ – von Édouard Manet wohl sein berühmtestes geworden ist. Der Wiedererkennungswert ist enorm: Zwei gleichgültige, leger liegende Herren im Wald, zur Linken eine nachdenkliche, unbefangene Frau, nackt, nicht aufreizend. Doch ihre helle Haut hebt sie hervor aus dem Ensemble, unwillkürlich rückt die Dame in den Mittelpunkt.

Die Ausgangsvorlage von Manet

Die Ausgangsvorlage von Manet.

Quelle: WWW.FotoMichaWunkler.de

Auch in Eberswalde steht sie nun im Zentrum, auch deshalb, weil der Maler Paul Wunderlich (1927– 2010), der in der Stadt geboren wurde, das Bild paraphrasiert hat, es in neuen Varianten malte. Technische Ungenauigkeiten sind verschwunden, Wunderlich ist ein Ästhet, der allenfalls ein wenig Ironie in seine Bilder kippte, die oft auf Meisterwerke anspielen, Leonardos „Mona Lisa“ etwa hat er 1964 in „Die Grüne Lisa“ verwandelt. Handwerklich wirken die Bilder makellos, Hochglanz liegt über den Motiven. So auch bei einer seiner Fassungen von „Frühstück im Grünen“, die im Paul-Wunderlich-Haus von Eberswalde hängt, als Teil der aktuellen Ausstellung „Annäherung und Distanz“, die Wunderlichs Interpretationen Alter Meister und der Franzosen des 19. Jahrhunderts zeigt. Die Variante des großen, kreativen Sohnes der Stadt hält sich beim „Frühstück“ sehr ans Original in seinem Aufbau, stülpt den Männern einen schwarzen Priesterkittel über, die Gesichter ähneln den von Tieren. Die Frau ist eine Grazie, schlank, ihr Teint ist hell, es geht in Richtung Alabaster.

Da die Neufassung des überkommenen Skandals im Herzen Eberswaldes hängt, möchten sie im Paul-Wunderlich-Haus der Geschichte nun die krönende Pointe geben. Die Bürger der Stadt wurden eingeladen, das Bild von Manet selbst zu interpretieren. Auf die Idee kam Henning Wagenbreth, auch er ein Sohn der Stadt, der als Professor an der Universität der Künste in Berlin lehrt. 21 seiner Studenten kommen an diesem Samstag aus Berlin, um in Eberswalde mitzumalen, 14 weitere Eberswalder – Hobbymaler oder Kunstlehrer – erhöhen die Teilnehmerzahl auf 35. Antje Uhlig, angestellt beim Landrat und die Koordinatorin des Projekts, erläutert: „Wir möchten mit unserer Aktion auch jüngere Besucher in die Ausstellung locken. Jeder Maler bekommt eine Holzplatte im Maß 1,20 mal 3,90 Meter, die haben wir aus dem Baumarkt. Das Holz wird grundiert, damit man darauf malen kann.“ Dazu gibt es Acrylfarben, doch nicht in unbegrenzter Auswahl: „Neben Schwarz und Weiß dürfen sich die Maler eine weitere Farbe nehmen, Gelb, Rot oder Blau.“ Sie malen von 15 bis 22 Uhr. Das Aktionstheater Kamaduka entwickelt derweil pantomimische Spiegelungen von Manets Motiv.

Erotik und Mythen

„Frühstück im Grünen“ („Le Déjeuner sur l’herbe“), ursprünglich „Das Bad“ („Le Bain“), ist ein Gemälde des französischen Malers Édouard Manet. Das 208 mal 264,5 Zentimeter große Bild entstand 1863. Es ist heute im Musée d’Orsay in Paris zu sehen.

Paul Wunderlich kam am 10. März 1927 in Eberswalde zur Welt und starb am 6. Juni 2010 in Saint-Pierre-de-Vassols in der französischen Provence. Er war ein Maler, Zeichner, Bildhauer und Grafiker. Wunderlich gestaltete in seinen neusurrealistischen Bildern und Skulpturen oft erotische Themen. Dabei bezog er sich häufig auf mythologische Sagen.

Die Ausstellung „Annäherung und Distanz“, in der Wunderlichs Interpretationen Alter Meister und der Franzosen des 19. Jahrhunderts gezeigt werden, ist mindestens bis Ende dieses Jahres im Paul-Wunderlich-Haus, Am Markt 1, in Eberswalde zu sehen. Eine Verlängerung wird erwogen. Öffnungszeiten: Mo. bis Do. 8 bis 18 Uhr, Frei. 8 bis 16 Uhr, Sa. 11 bis 16 Uhr.

Die Werke werden am Sonntag ab 11.30 Uhr im Rahmen einer kleinen Vernissage im Paul-Wunderlich-Haus gezeigt. Um sich für die Kunst zu stärken, gibt es für alle interessierten Gäste im Plenarsaal ab 10.30 Uhr ein französisches Frühstück. Immerhin also, ein französisches. Wenn auch nicht im Grünen. Damen werden gebeten, sich etwas anzuziehen. Sonst geht der Skandal von vorne los.

Von Lars Grote

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