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Kultur So war die Premiere von „Unterleuten“
Nachrichten Kultur So war die Premiere von „Unterleuten“
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17:09 21.02.2018
Das Stück Unterleuten, nach dem gleichnamigen Buch von Julie Zeh, ist am Freitag im Hans-Otto-Theater in Potsdam uraufgeführt worden. Dabei ist unter anderem Christoph Hohmann als Kron.   Quelle: HL BOEHME
Potsdam

Jule (Zora Klostermann) legt auch mit dem Baby auf dem Arm nicht die Stilettos und die Träume von der nächsten Party ab. Sie lebt mit einem rückenfreien Kleid (Kostüme: Ines Burisch) in Unterleuten, diesem Dorf, das Juli Zeh erfunden hat in ihrem dicken, 600 Seiten schweren Buch – am Freitagabend hat es Regisseur Tobias Wellemeyer auf die Bühne des Potsdamer Hans-Otto-Theaters gewuchtet. Man darf aufatmen: Die Geschichte hat kaum Schaden genommen.

   Wellemeyer setzt optische Reizpunkte, trotz eines kargen Bühnenbildes (Bühne: Alexander Wolf), das auf tote Bäume setzt und das man jüngst sehr ähnlich schon im „Prinz von Homburg“ am Potsdamer Theater sah. Er bietet sinnliche Nadelstiche, verknappt den Text rigoros, Zehs immer psychologisch motivierter Plauderton weicht einer überspitzten Konturierung. Das ist nötig bei einer Spielzeit von zwei Stunden und 50 Minuten (inklusive Pause). Und Wellemeyer weicht das Schema „Gut gegen Böse“ auf. Das ist interessant, weil die Figuren des Dorfes in der Schwebe bleiben, die sich über der Frage, wer an den neuen Windrädern verdient, schnell überwerfen. „Schwebe“, das ist in der Bewertung dieses Abends eben nicht „Beliebigkeit“, sondern eine interessierte Suche nach Hintersinn und doppeltem Boden.

   Jule hat den ersten großen Auftritt des Abends. Sie schreit den Gatten Gerhard an, früher ihr Professor und heute ein bequem gekleideter Patron, der moralisch unbeirrt auf eigene Rechnung lebt. Er schützt die Vögel und den seit Jahrzehnten festgezurrten linken Blick aufs Leben. Gerhard (Bernd Geiling) ist doppelt so alt wie Jule, doch nur in Bruchteilen so heißblütig. Ihre Ehe ist im besten Falle eine wackelige Allianz, doch das ist der Normalzustand in Unterleuten. Alte Rechnungen und neue Windräder sorgen für einen Riss im Dorf, doch Jule schiebt vor allem ihren Kinderwagen, als sei er eine Wünschelrute. Damit hält sie sich den Ehemann und überhaupt die Unterleutener vom Hals, die jetzt die Energie aus umweltschonenden Ressourcen holen wollen. Jule freilich wirkt, als wünsche sie sich ihre Energie vor allem aus Prosecco.

   Auch Linda (Katrin Hauptmann) zählt zu dieser Gattung Frau, die aus der Großstadt raus aufs Land gezogen ist und schnell am Blues des weiten, leeren Horizonts erkrankt ist. Linda steigt in knapper Unterwäsche auf die Bühne, umgarnt von Frederik, dem Freund (Johannes Heinrichs), sie gurren und sie tänzeln kichernd über das Parkett, Frederik ein alberner Galan, der sich erkennbar besser mit Computerspielen als mit Frauen auskennt.

   Tobias Wellemeyer trägt dick auf bei seinen weiblichen Figuren, er gibt ihnen eine Nervosität, fast eine Hysterie mit auf den Weg, zumindest aber eine überdeutliche Erotik, die im Roman von Juli Zeh nicht zu erkennen ist. Doch Wellemeyers Schritt ist legitim, denn gut 600 Seiten auszubuchstabieren, ist in zwei Stunden und 50 Minuten (inklusive Pause) nicht möglich. Es braucht den Mut zur inhaltlichen Pointe und zur sinnlichen Provokation, auch wenn vom kunstvollen, behutsamen Umkreisen aus dem opulenten Buch von Juli Zeh nur wenig übrig bleibt. Wellemeyer arbeitet über Bilder, die er in der Nacht ansiedelt, Zehs Menschenkenntnis wird verwässert. Oder besser: Er verbirgt sie gekonnt als Schatten hinter Kunstnebel, von dem es reichlich gibt.

   Die Temperatur des Stückes pendelt sich allmählich ein, die Figuren finden ihren Platz, es braucht nicht mehr die Furien, die auf Cholerik oder knappe Unterwäsche setzen. Auch runtergedimmte Charaktere wie Gombrowski (Jon-Kaare Koppe), der sich Reibach von den Windrädern erhofft, finden Einlass in die Story. Oder Kron (Christoph Hohmann), der hinkende, vormalige LPG-Brigadier, der mit der neuen Zeit sehr lautstark hadert. Schöne Nebenrollen gibt es für René Schwittay als Investor mit rheinischem Singsang, Arne Lenk als Spekulant und Grundbesitzer sowie Rita Feldmeier als ehemalige LPG-Buchhalterin, die sich in die Welt der Katzen flüchtet.

   Der zweite Teil des Stückes setzt auf Detektivarbeit, denn es gab vor 20 Jahren einen Toten, ein Symbol für schwelende Konflikte nach dem Mauerfall, als der Westen fasziniert auf Unterleuten stieß. Die Ermittlungen erschöpfen sich zu Teilen in Routine, das ist nicht mehr das Feuerwerk vom Anfang, doch die Kontur des Dorfes schärft sich zusehends. Die Regie hat dieses Stück im Griff, sie nimmt das Tempo aus dem Abend, sie tut es wohldosiert. Das Publikum quittiert diesen geglückten Kraftakt mit gut fünf Minuten Beifall.

Von Lars Gorte

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