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07:39 09.07.2015
FKK-Freunde am Motzener See in den 1920er-Jahren. Quelle: Gerhard Riebicke
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Potsdam

Aus Begriffen wie „Ökodorf“, „vegane Ernährung“ oder „Yoga-Festival“ spricht unverkennbar der Ehrgeiz von Aussteigern, die hier und heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, leben. Die Idee aber, sich von der Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft abzusetzen, ist alles andere als neu. Auch die Hippies, die Kommunarden und die Grünen, die im Zuge der 1968er Kulturrevolution das Establishment in Frage stellten, haben das Ausprobieren von Gegenentwürfen nicht erfunden. Die ersten bleibenden Pflöcke gegen das Realitätsprinzip des modernen Industriekapitalismus wurden von einer Reformbewegung eingeschlagen, die in der ausgehenden Gründerzeit um 1890 einsetzte.

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Foto-Happening am Motzener See.

Die Industrialisierung verlief damals so rasant, dass sich die Einwohnerzahl Berlin innerhalb von nur drei Jahrzehnten verdoppelte. Die Zuwanderer vom Lande lebten plötzlich in Mietshäusern und mussten oft den lieben langen Tag in dunklen, lauten Fabriken schuften. Urbanität und Materialismus wurden nicht nur als Vorzug, sondern auch als Zwang und Einengung erlebt. Viele Menschen fühlten sich krank. Die Wälder, Wiesen- und Seenlandschaften um die deutsche Reichshauptstadt verhießen dagegen Licht und saubere Luft, Freiheit und Schönheit.

In den Weiten des Landes entstanden menschliche Gegenwelten, denen das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte ab 10. Juli eine große Ausstellung widmet. Ihr Titel „Einfach. Natürlich. Leben“ hebt auf die Motivation der Lebensreformer ab, egal ob die Aktivisten ihr Handeln  religiös oder politisch-moralisch, völkisch oder anarcho-sozialistisch motivierten. Die Zivilisations-, Kultur-und Gesellschaftskritik der Aktivisten war so leidenschaftlich, dass sie in beinah allen Lebensbereichen Gegenmodelle schufen. Es entstand ein apartes Geflecht von genossenschaftlich organisierten Betrieben, biologisch wirtschaftenden Höfen, Gartenstädten, Reformschulen, naturheilkundlichen Krankenhäusern, Sekten,  Künstlerkolonien und Nackt-Luftbädern.

„Der praktische Weg zur Lebenserneuerung führte über den Körper“, schreibt die Kuratorin Christiane Barz im Katalog zur Ausstellung. Ein Dutzend Wissenschaftler trugen viele hochinteressante Beispiele zusammen. Die Zusammenschau ist leider nicht ganz frei von Überschneidungen und kleineren Widersprüchen. Da es viele der Alternativprojekte nicht mehr gibt, werden sie anhand von Dokumenten rekonstruiert. 1920 entstand zum Beispiel am Motzener See (Teltow-Fläming) die Nacktsport-Ferienkolonie Freisonnland. Der exklusive Clubcharakter dieser Einrichtung wurde dann 1924 durch ein weiteres FKK-Gelände in der Nachbarschaft überwunden. Die „Birkenheide“ verstand sich als „überbündisch“, hier hatten auch Nichtmitglieder Zutritt. Das Nuthetal südlich von Potsdam zählte als unberührte Kulturlandschaft zu den Lieblingsgebieten der aufkommenden „Wandervogel-Bewegung“. Die Freiland-Siedlung Gildenhall am Ruppiner See war ein genossenschaftlicher Zusammenschluss von mehr als 100 Kunsthandwerkern.  Sie produzierten und vermarkteten über acht Jahre handgewebte Teppiche, Kleider und Korbwaren, ehe sie 1929  aus wirtschaftlichen Gründen aufgaben.   Die „Vegetarische Obstbausiedlung Eden“ (bei Oranienburg) ging 1893 auf eine Initiative von 18 Vegetariern zurück, die gemeinsam einen Kredit aufnahmen und bis 1914 etwa 90 Einfamilienhäuser errichteten. Bereits 1895 hatten sie die Satzung allerdings dahingehend geändert, dass sich auch Nichtvegetarier ansiedeln konnten.

Eden hat die NS-Zeit und die DDR überdauert. Das lässt sich auch von zwei weiteren Projekten sagen. Das Gut Marienhöhe in Bad Saarow (Landkreis Oder-Spree) wurde von der antroposophischen Idee einer bio-dynamischen Landwirtschaft inspiriert. Hier entstand auch das bis heute gültige Markensiegel Demeter. Und eine  so genannte „Friedensstadt“ im Ortsteil Glau in Trebbin (Teltow-Fläming) ging zurück auf den Religionsgründer Joseph Weißenberg. Neben Wohn- und Arbeitsplätzen  errichtete die christliche Siedlungsgenossenschaft der Johannischen Kirche auch ein Altersheim, eine Schule und ein „Heilinstitut“. Anfang der 1930er Jahre stieg die Anhängerzahl auf etwa 50 000 in Berlin und Brandenburg. 1934 schränkte die Geheime Staatspolizei die Arbeit der Kirche ein. 1935 wurde Weißenberg mehrmals verhaftet und die Johannische Kirche wurde verboten und die Waffen-SS zog in die Friedensstadt.

Alternative Lebensweise in Brandenburg

Christiane Barz promovierte zum Thema „Weltflucht und Lebensglaube in der Literatur der Moderne um 1900“. Als freie Kuratorin verantwortet sie die Sonderausstellung „Einfach. Natürlich. Leben. Lebensreform in Brandenburg 1890- 1939.“ In 15 Stationen werden Orte und Pioniere der alternativen Lebensweise vorgestellt.

Die Sonderausstellung ist bis zum 22. November im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu sehen (Kutschstall, Am Neuen Markt 9). Öffnungszeiten: Di-Do 10–17 Uhr, Fr-So 10–18 Uhr. Der gleichnamige Katalog (vbb, 184 Seiten) ist im Museum für 19 Euro, im Buchhandel für 24,99 Euro zu erwerben.

Die Reformbewegung brachte Gurus wie den Kirchengründer Joseph Weißenberg, den selbst ernannten Messias Gustav Nagel und den nazifreundlichen Künstler Fidus hervor. Aber die NSDAP konnte mit diesen Eigenbrötlern nicht viel anfangen. Deshalb verwundert es, warum die Ausstellung das Zeitfenster bis 1939 öffnet. Kuratorin Christiane Barz begründet ihre Entscheidung mit dem Werk des Reformpädagogen Adolf Reichwein, der nach Hitlers Machtergreifung als Volksschullehrer in Tiefensee (heute ein Teil von Werneuchen im Landkreis Barnim) wirkte und in diesen Jahren wichtige Erfahrungen sammelte, ehe er 1944 als Widerständler hingerichtet wurde. Über das jähe Ende der Lebensreformer schreibt Barz: „Aus der Körperfreudigkeit der Nacktkulturbewegung wird eine Disziplinierung auf Rasseidal und Wehrhaftigkeit, aus der Natur- und Landsehnsucht die Ideologie von Scholle, Blut und Boden.“ Obwohl Hitler bekennender Vegetarier war, erschien jedoch der Vegetarismus zu pazifistisch und „die gesamte Szene zu individualistisch“.

Die Johannische Kirche konnte sich nach 1945 wieder neu gründen, zählt heute angeblich 3000 Mitglieder und wird heute von der Enkelin des Sektengründers Weißenberg geleitet. Sie ist ein Überbleibsel der Reformbewegung wie auch die Reformhäuser, die um 1900 entstanden und gegenwärtig Schwierigkeiten haben, neben den großen Biomärkten zu bestehen. Im Ausstellungskatalog steht der treffende Satz: „Rezepte, die Natur zu schützen, die Welt zu retten und dabei selber immer gesünder und schöner zu werden, haben gerade wieder Hochkonjunktur.“

Von Karim Saab

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