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Spiegel-Reporter erklärt das Wesen des IS

Heftige Diskussionen in Potsdam Spiegel-Reporter erklärt das Wesen des IS

Der Spiegel-Korrespondent Christoph Reuter ist einer der wenigen Journalisten, die bis vor Kurzem noch vor Ort in Syrien und Irak recherchierten. Aus unzähligen Interviews entstand sein 2015 veröffentlichtes Buch „Die schwarze Macht: Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors“. In Potsdam lösen seine Thesen über den kalkulierten Aufstieg des IS heftige Diskussionen aus.

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Diskussion in der Ausstellung „Kunduz“ im Kunstraum in der Schffbauergasse. Von links: Stefan Aust, Verleger Jakob Augstein und Journalist Christoph Reuter. am 17.05.010 Foto: MAZ/Joachim Liebe

Quelle: Joachim Liebe

Potsdam. „Ich habe lange versucht, den Islamischen Staat auf einen Begriff zu bringen“, sagt der Spiegel-Redakteur Christoph Reuter vor seinem Vortrag im Potsdamer Bildungsforum. Am Ende schien ihm der Begriff der Täuschung am besten. Getäuscht würden nicht nur die vom IS unterworfenen Menschen oder die in den Dschihad gelockten Kämpfer, getäuscht würden vor allem wir im Westen. Denn wer meine, der IS sei vor allem eine durchgedrehte Form des islamischen Gottesstaates, der Allahs strengste Gebote im Herzen trage und sie in die ganze Welt verbreiten wolle, liegt laut Reuter meilenweit daneben.

Der fließend Arabisch sprechende Reuter und seine Kollegen konnten vor Ort in Syrien unzählige Quellen wie ausgestiegene Dschihadisten oder den 2014 getöteten Al-Qaida Kommandanten Abu Khaled al-Sur anzapfen, um die Puzzlestücke zu einem übrigens hervorragend geschriebenem Buch zusammenzuführen, aus dem er an diesem Dienstagabend aus dem ersten Kapitel vorliest. Der Titel von „Die schwarze Macht: Der islamische Staat und die Strategen des Terrors“ deutet schon an, was Reuter herausgefunden hat: Im Herzen birgt der IS keine fanatischen Mullahs, sondern kühle Technokraten des ehemaligen Geheimdienstes von Saddam Hussein.

Ein Bösewicht wie aus einem James-Bond-Film

Wie die Figur eines Erzbösewichtes aus einem James-Bond-Film tritt der zentrale Akteur des Beginns auf: Distinguiert, höflich, ruhig und unheimlich klug erscheint Samir Abed al-Mohammed al-Khleifawi, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Haji Bakr. Er ist kein Frömmler, sondern ein nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 entmachteter Oberst der irakischen Armee. Einen „Ingenieur des Terrors“, der bei Anschlägen nicht auf Gottvertrauen, sondern auf solide Vorbereitung setzt, nennt ihn Reuter.

Mit verstreuten ehemaligen Bundesgenossen aus Saddams Geheimdienst wie Abu Muslim al-Turkmani, mit denen er zusammen im amerikanischen Gefangenencamp Bucca einsitzt, entwickelt er den „aberwitzigen Plan“ einen eigenen Staat zu schaffen. Die Stunde des vielleicht 25 Mann zählenden „Militärrates“ des IS ist gekommen, als 2011 die Arabellion beginnt und in Syrien alsbald das Chaos ausbricht. Akribisch beschreibt Reuter, wie der IS zunächst im irakischen Mossul als Schutzgeldmafia herrschte und sich eine dicke Kriegskasse anfraß, um später mittels sogenannter muslimischer Missionszentren die Finger immer weiter über die Region auszustrecken. Die vermeintliche Missionen waren nichts weiter als Spionagezentren, mittels derer die Machtstrukturen einzelner Regionen ausgekundschaftet und unterwandert wurden.

Kommandostrukturen der bodenlosen Angst

„Die Keimzelle des islamischen Staats ist eine Kommandostruktur, die bodenlose Angst erzeugte“, sagt Reuter. Mit den Kriegern des Glaubens und Leute wie dem Fundamentalisten Abu Musab az-Zarqawi oder später dem Prediger Abu Bakr al-Baghdadi, seit Juni 2014 „Khalif“ des IS, umgab sich dieser Militärrat, weil der Islam in der Region einen Resonanzboden bildete, mit dem sich siegen ließ. Wer das für Fantasie hält, kann die Strategiepapiere lesen, die Haji Bakr nach seinem gewaltsamen Tod durch schiitische Rebellen im Januar 2014 hinterließ und die Reuter zugänglich waren. Was solche Menschen antreibe? „Macht“, sagt Reuter der MAZ. „Stellen Sie sich vor, Sie haben absolute Macht und sind niemandem rechenschaftspflichtig. Das ist für manche Menschen sehr verlockend.“

Der Terror ist lange nicht am Ende

Welche Rolle die Konkurrenten Saudi Arabien und Iran spielen, will die Hörerschaft im Bildungsforum anschließend wissen. Eine schlimme, antwortet Reuter, denn der IS bietet sich zum Beispiel der saudi-arabischen Bevölkerung als Alternative zum Königshaus an. Was wollte Russland eigentlich in Syrien? Beweisen, dass es Sieger wie al-Assad kreieren kann. Hat der Westen Alleinschuld am Desaster? Nein, aber dass der US-Diplomat Paul Bremer ab 2003 im Irak das Militär und die ganze Verwaltung abservierte, habe schon fatale Folgen gehabt.

Reuter warnt vor allem davor, über aktuelle Gebietsverluste des IS zu schnell zu jubeln. Der Trumpf des IS sei seine Begabung, sich ständig zu wandeln, Mächte wie Syriens Herrscher Baschar al-Assad und die Rebellengruppen gegeneinander auszuspielen und Gegner dann plötzlich niederzuschlagen, wenn diese schwach seien. Schon im Januar 2014 hatte der IS nach kurzfristiger Vertreibung an die Wände der Stadt al-Bab „baquiya“ – „bleibend“ – gesprüht. Jetzt seien sie wieder da. Reuters pessimistische Einschätzung auf MAZ-Nachfrage: „Der Terror verschwindet nie ganz.“ Die optimistische Seite: Als ganzes Staatengebilde werde sich der IS auf Dauer nicht halten.

Von Rüdiger Braun

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