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Freies Internet-Lexikon zwischen ehrenamtlichem Anspruch und Lobbyinteressen Spielball Wikipedia

Wikipedia-Einträge erscheinen bei den Suchergebnissen an prominentester Stelle, die Anzahl der Artikel der Online-Enzyklopädie steigt. Das weckt Begehrlichkeiten: Prominente und Unternehmen wollen die Kontrolle über die Inhalte ihrer Einträge übernehmen.

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Quelle: Fotolia/Montage: Jacqueline Bleinagel

Potsdam. Franz-Peter Tebartz-van Elst, der Limburger Bischof mit dem zu groß geratenen neuen Anwesen, könnte einen fähigen Imagepolierer, Spezialgebiet Internet, gut gebrauchen. Auf Wikipedia finden sich wenig wohlwollende Worte über den geistlichen Würdeträger: Die freie Internet-Enzyklopädie kennt Tebartz-van Elst bei aller Sachlichkeit als konservativen Hardliner mit autoritärem Führungsstil und Hang zur Prunksucht. Mehr als 500.000 Zugriffe zählte der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag des Bischofs mit den Negativschlagzeilen im vergangenen Monat – so viel wie kein zweiter.

Tebartz-van Elst mag andere Probleme haben als eine miese Online-Reputation. Tatsächlich aber interessieren sich Prominente und Interessengruppen immer mehr für ihren Eintrag bei Wikipedia, die den analogen Pendants längst den Rang abgelaufen hat. Die 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie, die fortan nur noch digital erscheint, kommt auf 300.000 Einträge und 33 Millionen Wörter in 30 Bänden. Die deutsche Wikipedia bringt es online auf 1,65 Millionen Artikel und fast 500 Millionen Wörter. Mehr noch: Wer Franz-Peter Tebartz-van Elst in die Google-Suchmaske eingibt, den verweist der Algorithmus an erster Stelle nicht auf einschlägige Nachrichtenseiten, sondern auf Wikipedia.

Das ist keine Ausnahme. Der digitale Wissensspeicher wird immer größer und relevanter. Täglich wächst der deutschsprachige Bestand um 460 Artikel, mitschreiben und nachprüfen kann jeder. Die Schwarmintelligenz der Online-Community macht die profunde Expertise der Redaktionen von Brockhaus & Co. entbehrlich. Sogar die Wissenschaft akzeptiert das Internet-Lexikon zunehmend als zitierfähige Quelle. Das weckt Begehrlichkeiten. Mitte Oktober verbannte die englischsprachige Wikipedia 250 Autoren von der Plattform. Hinter den offenbar gefälschten Nutzerprofilen vermutete die Wikimedia Foundation von Unternehmen bezahlte Schreiber. Der Auftraggeber: eine Agentur mit dem bezeichnenden Namen Wiki PR.

Bezahlte Beiträge in der vom Selbstverständnis her unabhängigen Online-Enzyklopädie – ist das auch in Deutschland denkbar?

Ja. Die Nachfrage zumindest steigt. Ob Bischof Tebartz-van Elst schon bei Markus Franz vorstellig wurde, ist ungewiss. Der Chef der Firma Sucomo in Jena geht diskret mit seiner Kundenkartei um. Das Startup erhält immer wieder Anfragen prominenter Personen und Unternehmen mit dem Wunsch, den eigenen Wikipedia-Artikel aufhübschen zu lassen. Sucomo lehnt solche Aufträge ab. „Wir sind keine PR-Agentur“, sagt Franz. „Wir verstehen uns als Agentur für freies Wissen.“

Sucomo bietet seinen Kunden an, Wikipedia-Einträge um mangelnde Fakten zu ergänzen und inhaltliche Fehler zu korrigieren. Davon hätten beide Seiten etwas, erklärt Sucomo-Chef Franz: Einerseits könnten die Auftraggeber sichergehen, „dass ihre Artikel korrekt, ausgewogen und auf dem aktuellen Stand sind“. Andererseits handle Sucomo auch im Interesse der „Community, die aus gutem Grund keine Artikel mit PR-Sprech oder Werbung haben möchte“.

Die Wikipedia-Gemeinde ist sensibilisiert. Im Februar 2012 verschwand aus dem Artikel „Daimler AG“ vorübergehend der Absatz mit der Überschrift „Lobbying“. Eine Passage, mit der man sich in dem Konzern offenkundig nicht schmücken wollte: Der Nutzer, der den Absatz herausstrich, saß an einem Rechner im Daimler-Netzwerk. Auch Politiker des Bundestages standen wiederholt im Verdacht, selbst oder über Mitarbeiter an den eigenen Biografien herumzudoktern. Beispiel Christian Lindner: Die Diskussion über Leben und Wirken des früheren Generalsekretärs und Noch-immer-Hoffnungsträgers der FDP füllt mehr Raum als der benachbarte eigentliche Eintrag. Lindner ließ die Anwälte sprechen und unliebsame Quellen löschen. Doch die Vorwürfe der politisch motivierten inhaltlichen Einflussnahme sind noch immer nachzulesen – bei Wikipedia.

Daimler und Lindner sind nur die prominentesten Fälle. „Ich gehe davon aus, dass Vieles nie an die Öffentlichkeit kommt“, sagt Kilian Froitzhuber, Redakteur des Blogs netzpolitik.org und seit 2007 Administrator bei Wikipedia. Froitzhuber begleitet das Gemeinschaftsprojekt kritisch. „Am Anfang war Wikipedia frei und unverfasst“, sagt er. Seitdem aber hat sich die deutschsprachige Community immer neue Regeln auferlegt, die Form wie Inhalte beschränken. Das würde Neunutzer davon abhalten, sich zu engagieren, argumentiert Froitzhuber. Obwohl Wikipedia weiter wächst, sinkt die Anzahl der Autoren.

Startup-Gründer Markus Franz hingegen kennt die strengen Nutzungsbedingungen genau und weiß sie für das eigene Geschäft zu nutzen. Sucomo hat gemeinsam mit der Agentur Aufgesang aus Hannover einen Leitfaden herausgegeben, wie weit PR im Rahmen der Wikipedia-Regeln gehen darf. Franz’ fünfköpfiges Team unterbreitet den anderen Nutzern zunächst Änderungsvorschläge, bevor es selbst an den Artikeln seiner Auftraggeber Hand anlegt. Sucomo schreibt laut Franz ausschließlich unter verifizierten Benutzerkonten, die den Auftraggeber offenbaren. Das ist eine Besonderheit der deutschsprachigen Wikipedia.

Transparenz und Glaubwürdigkeit, das ist die Idee hinter Wikipedia, der sich auch Sucomo-Chef Franz verschrieben hat. Er sagt: „Ein Viertel unserer Kunden äußert das Interesse, einen Artikel zu beschönigen.“ Vergeblich, beteuert Franz. Die Inhalte, die seine Beschäftigten aufwändig recherchieren, sollen nichts verzerren. Franz, selbst bekennender Wikipedianer, kann sich seinen Idealismus leisten. „Der Markt ist jung und sehr groß.“ Noch. Schon bald könnte der Druck auf Sucomo steigen, sollten Konkurrenten wie Wiki PR sich auch in Deutschland durchsetzen.
Wie die Wikipedia zu professionellen Autoren steht, war zuletzt Gegenstand einer mehrmonatigen Kontroverse. In der Frage kollidieren zwei Glaubenssätze der Wikipedianer: Das Projekt ist ehrenamtlich, aber jeder kann mitmachen – auch PR-Leute. Engagierte wie Kilian Froitzhuber sehen bezahlte Autoren grundsätzlich skeptisch. Das hat weniger mit den Regeln zu tun, als vielmehr mit einem konstitutiven Gefühl: Womöglich verhält sich kommerzielles Interesse zu der Idee des frei verfügbaren Wissens wie das abwegige Verhalten eines weltfremden Bischofs zu den Grundsätzen seines Glaubens.

Von Bastian Pauly

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