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Kultur Spirale der Gewalt
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00:30 14.11.2015
Gesine Forberger gibt die Elektra im Staatstheater.
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Cottbus

Die Vorstellung beginnt, noch ehe der Dirigent zum Taktstock greift. Während die Besucher nach und nach den großen Saal des Cottbuser Staatstheaters füllen, ist auf der offenen Bühne ein halbes Dutzend Mägde dabei, den gekachelten Raum, halb Badezimmer, halb Militärwaschraum, zu wienern. Indem sie die blutigen Spuren eines Massakers tilgen, erzählen sie die Vorgeschichte von Richard Strauss‘ „Elektra“. Auch wenn es nur ein Einakter ist, in Spielfilmlänge, so hat es die Oper doch in sich – sie ist geprägt von der ganzen Wucht der großen griechischen Tragödien.

Die Bühne zeigt jenen Ort, an dem einst der aus dem Krieg heimgekehrte Agamemnon gemeuchelt wurde. Seine Gattin Klytämnestra hatte sich die langen Jahre des Wartens mit einem anderen verkürzt, da war in ihrem Herzen kein Platz mehr für den alten König. An diesen Ort des Schreckens hat sich die Königstochter Elektra zurückgezogen, und sie ersehnt den Tag, da sie Rache nehmen kann am Mord des Vaters. Ihr zur Seite die Schwester Chrysothemis, die ihr zwar in dem freiwilligen Gefängnis die Treue hält, aber von einem erfüllten Leben draußen in der Welt träumt. Doch auch der Mörderin geht es nicht eben gut, wird sie doch Nacht um Nacht von den Dämonen der eigenen Schuld gepeinigt.

Intendant Martin Schüler, der sich für diese Oper auch deshalb entschied, weil sie aus jener Zeit stammt, als Cottbus sein prächtiges Jugendstiltheater bekam, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, führt das Elend der Helden dicht an die Zuschauer heran – er lässt das Stück weit vorn spielen, über dem Orchestergraben. Den braucht er sowieso nicht, weil er die Musiker auf der Hauptbühne platziert, hinter den Akteuren. Anders hätte er den von Strauss geforderten Riesenklangkörper auch gar nicht untergebracht. Der Komponist gibt 111 Musiker vor, hat aber selbst auch für kleinere Häuser wie Cottbus eine reduzierte Fassung mitgeliefert, immerhin noch über 80 Instrumentalisten.

Und die meistern, wie das gesamte Ensemble, die schwierige Partitur mit Bravour. Gesine Forberger, die bislang in so unterschiedlichen Rollen wie Pamina, Freia und Aida zu sehen war, gibt eine stimmgewaltige Elektra, nicht als fanatischer Racheengel, sondern ganz irdisch, angesiedelt an jener schwierigen Grenze, an der sich Wahnsinn und Bauernschläue treffen. Maraike Schröter zeigt den ungebrochenen Lebenswillen der Chrysothemis, Karen van der Walt eine von ihren eigenen Ängsten malträtierte Königin.

Ihr gemeinsamer Bezugspunkt ist Orest. Elektra hat ihn als Knaben außer Hauses in Sicherheit gebracht, in der Hoffnung, dass er dereinst Vergeltung übend zurückkehrt. Und als er dann in seinem Janitscharengewand vor ihr steht, kann sie ihr Glück kaum fassen. So innig-sanft Andreas Jäpel den Orest anfangs gibt, er kann auch zulangen. Schon bald hört man die Todesschreie von Klytämnestra und ihrem Anhang.

Elektra kann sich, als das Ersehnte eintrifft, nicht recht freuen - Gewalt hat wieder nur Gewalt gezeugt. Sie ist davon eher benommen. Den finalen Triumph-Tanz erspart der Regisseur denn auch seiner Heldin, er lässt sie am Ort des Agamemnon-Mordes zusammenbrechen. Was das Philharmonische Orchester des Staatstheaters nicht hindert, unter Leitung des Chefdirigenten Evan Christ bis zum bitteren Ende großartig aufzuspielen, mit viel Gespür für die dramatischen Momente, aber auch den süffig-satten Strauss-Sound. Das Publikum dankt es allen Beteiligten mit regelrechten Ovationen.

Nächste Vorstellungen: 15. November, 19. Dezember, 23. Januar. Staatstheater Cottbus, Tel. 0355/78 24 24 24.

Von Frank Starke

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