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Statt Rammstein gibt’s jetzt Lindemann

Interview mit Rammstein-Frontmann Till Lindemann Statt Rammstein gibt’s jetzt Lindemann

Till Lindemann und Metaller Peter Tägtgren stehen gemeinsam auf der Bühne. Lindemann heißt das neue Projekt. Hat dem Rammstein-Sänger das Rampenlicht gefehlt? Wir haben mit der Band gesprochen und erfahren, warum Till Lindemann scheinbar kurz vor der Alkoholsucht steht, seine Texte auf Englisch sind und wie es mit der Kultband Rammstein weiter geht.

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Betreiben nun ein gemeinsames Unternehmen: Till Lindemann (l.) und Peter Tägtgren.

Quelle: Tomaso Baldessarini

Potsdam. Eigentlich müssten Till Lindemann und Peter Tägtgren tief in den Seilen hängen. Seit Tagen klingelt der Wecker um vier Uhr morgens, erst in London, dann in Paris, dann in München. Die beiden Metal-Maniker geben Interviews für eine neue Band, die schlicht „Lindemann“ heißt. Der Rammstein-Frontmann hat sich vom Stress mit seiner Hauptband in Schweden erholt. Während Rammstein weiter pausiert, gibt es nun plötzlich und unerwartet einen anderen Lindemann zu erleben. Einen, der Englisch singt und auch auf Englisch Interviews gibt, damit sein Freund Tägtgren alles versteht. Das ist zunächst ungewohnt, schließlich war Lindemanns Markenzeichen über 20 Jahre das rollende Rammstein-R. Rammstein aber ist weit weg. Und Lindemann sehr entspannt.

MAZ: Peter Tägtgren, Till Lindemann, Sie kennen sich schon eine ganze Weile. Wie haben Sie sich getroffen?

Lindemann: Wir waren mit Rammstein 1999/2000 viele Wochen in Schweden, um das „Mutter“-Album zu mischen. Stockholm ist zwar eine große Stadt, aber es gibt nur zwei, drei gute Metal-Kneipen. In denen hingen wir immer rum. Die Jungs von Clawfinger haben uns dann mit Peter bekannt gemacht. Und eines Abends bekamen wir Probleme in einer Biker-Bar. Ein Typ wollte unseren Keyboarder Flake wegen eines Mädchens verprügeln. Ich bin dazwischen gegangen und habe versucht zu schlichten. Dann stand plötzlich Peter da und sagte: die Jungs sind cool, lasst sie in Ruhe. Damit war es aber nicht vorbei. Dann kam Peters Bruder…

Tägtgren: Ziemlich viele Leute waren an diesem Abend involviert. Nun, wir freundeten uns an, haben einige Nächte mit sehr viel Jägermeister verbracht, und irgendwann sagte Till: Ich würde gerne mal mit einer deiner Bands Hypocrisy und Pain arbeiten, ich mag eure derben Gitarrenwände. Klar, habe ich gesagt, mach mal. Dann kam immer irgendwas dazwischen, wir haben es vertagt und vertagt…

Lindemann: … bis wir es so weit vertagt hatten, dass nun ein ganzes Album draus geworden ist. Am Tag nach dem Wacken-Konzert von Rammstein im August 2013 habe ich Peter angerufen und gesagt: Jetzt machen wir‘s.

Als Erholung?

Lindemann: Erholung ist Golf spielen, nicht Songs schreiben. Aber ja, es war eine Art Erleichterung, Ferien von dem großen Projekt voll Diplomatie und Selbstkontrolle. Rammstein hat zu diesem Zeitpunkt eine Pause eingelegt, und die Zusammenarbeit mit Peter sollte so weit davon entfernt sein wie nur möglich.

Also Kreativferien in Schweden?

Lindemann: Schweden ist übrigens ein schlimmes Land. Ich bin jetzt süchtig nach Kautabak und auf dem Weg zum Alkoholiker.

Tägtgren: Dieser Zug, mein Freund, ist bei dir doch schon vor Jahrzehnten abgefahren.

Lindemann: Wieso nur bei mir?

(Beide lachen und rufen nach draußen: „Bring uns unseren Morgenwodka!“ Keiner kommt.)

Lindemann: Nein, Schweden war natürlich toll. Peters Abyss Studio, gelegen in einer ehemaligen Irrenanstalt, ist toll. Ich konnte aus dem Studiofenster meine Angel in den See halten. Peter werkelte im Nebenraum an Songs herum. Er ist ein Workaholic, der zwölf Stunden bei einer Sache bleibt. Irgendwann rief er: Ich bin fertig! Kommst du?

Tägtgren: Und Till so: Moment, ich muss noch die Leine einziehen.

Und? Was gefangen?

Tägtgren: Natürlich hat er was gefangen. Es gibt riesige Hechte in dem See. Und Nixen. Und meine Ex-Frauen. Alles schwimmt da herum.

Warum schreibt ein erfahrener Songdichter und Lyriker wie Till Lindemann plötzlich Songs auf Englisch?

Lindemann: Das war von Anfang an klar. Es sollte so viel Abstand wie möglich zu Rammstein haben. Und Peter sollte verstehen, was ich da mache. Ich fühlte mich am Anfang aber ziemlich verloren. Plötzlich auf Englisch zu schreiben ist so, als wenn man sein ganzes Leben Häuser aus Stein gebaut hat und nun plötzlich ein schwedisches Holzhaus errichten soll.

Tägtgren: Ich musste dein Selbstbewusstsein erst einmal aufbauen.

Lindemann: Das brauche ich immer, wenn ich etwas Neues beginne. Peter war ein ziemlicher Ja-Sager. Ich habe in der ganzen Zeit kein einziges Nein von ihm gehört. Peter, kann ich das so schreiben? Ja. Klingt das richtig? Ja. (lacht)

Sind die Texte anders geworden, witziger vielleicht?

Lindemann: Ich mag es, wenn jemand sagt, die Texte hätten Humor. Für mich war es wie ein unbeschriebenes Blatt, auf Englisch zu texten. Auf Deutsch habe ich manchmal das Gefühl, dass ich alles schon mal gesagt habe.

König an den Reglern

Für Peter Tägtgren (45) waren zum Anfang seiner Karriere Einflüsse des Trash Metals oder die us-amerikanische Band Kiss wichtig.

Schon als Neunjähriger begann der gebürtige Stockholmer Schlagzeug zu spielen. Später kamen noch Stromgitarre, Bass und Tasteninstrumente hinzu. Seine erste Band hieß Conquest.

Bekanntheit erlangte Tägtdren als Sänger der beiden Gruppen Hypocrisy und Pain. Zu den weiteren Projekten des Schweden gehörten Bands wie Bloodbath, The Abyss und War.

Als Produzent hat sich der Mittvierziger im äußerst weitläufigen und daher in zahlreiche stilistische Sub-Genres unterteilten Metal-Genre längst einen guten Namen gemacht: Er stand bereits für bekannte Bands wie Dimmu Borgir, Amon Amarth, Sabaton, Children of Bodom oder Celtic Frost an den Reglern.

Metal-Acts kommen gern in das Studio, das Tägtgren im zentralschwedischen Pärlby unterhält.

In dem Thriller „Exit“ mit Mads Mikkelsen spielte der Musiker 2006 eine kleine Rolle.

In den meisten der neuen Songs geht es um Sexpraktiken - unter Schwulen, mit fetten Frauen, um Natursekt, die ganze Lindemann-Schocker-Bandbreite. Im Titelsong „Skills in Pills“ geht es ausnahmsweise um Drogen. Es sei ein „Soundtrack zu der Fernsehserie Breaking Bad“. Warum?

Lindemann: Ich war einfach fasziniert von dieser Serie und von dem Zusammengekoche synthetischer Drogen. Für mich waren Drogen immer etwas, was mit der Natur zu tun hat. Die Serie ist übrigens großartig – und sehr böse. Ich meine, die erschießen da einfach wahllos Leute, und keiner regt sich auf. Nicht so wie bei uns. Wenn wir einmal „cunt“ sagen, werden wir gleich indiziert.

Wird es denn überhaupt noch ein Rammstein-Album geben?

Lindemann: Es ist alles offen. Wir haben uns einen Rahmen gesetzt. Die Band kommt im September wieder zusammen, wir reden, gehen in die Pre-Production, planen das nächste Jahr. Aber es wird auf jeden Fall genug Raum bleiben für „Lindemann“.

 

Von Jan Sternberg

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