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Stefan Raab – Mettbrötchen für Millionen

Abgang des TV-Entertainers Stefan Raab – Mettbrötchen für Millionen

Er hat polarisiert, fasziniert und triumphiert: Stefan Raab verabschiedet sich vom Fernsehen – weil ihm die Herausforderung fehlt. Mittwochabend lief zum letzten Mal „TV Total“, am Sonnabend tritt er zum letzten Mal bei „Schlag den Raab“ an. Ein Porträt über einen Sturkopf, einen Selbermacher und einen Rüpel.

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Stefan Raab tritt am Wochenende von der Fernsehbühne ab.

Quelle: dpa

Köln. Da steht der Raab nachts um 1.40 Uhr neben einer türkischen Mehrzweckhalle, umwuselt von Pro7-Hipstern, und trinkt Cola aus der Dose. Übernächtigt sieht er aus, abgekämpft, die Augen winzig klein. Im Hintergrund herzt Komikerin Annette Frier Max Mutzke. Der ist gerade mit Stefan Raabs Ballade „Can’t Wait Until Tonight“ beim Eurovision Song Contest in Istanbul Achter geworden.

„Ich hab den ganzen Sender“

Achter? Das kann einem nicht genügen, der das Siegenwollen zur Maxime seiner Karriere gemacht hat. Raab beißt die Zähne zusammen. Mund abputzen, weitermachen. „Ralph Siegel hat nur ein Klavier“, feixt er, „ich habe einen ganzen Sender!“ Und noch bevor die Sonne am Bosporus aufgeht, wird bei der After-Show-Party des Teams der Plan für den Bundesvision Song Contest geboren: 16 Bundesländer, 16 Kandidaten, Abstimmung wie gewohnt. Elf Jahre ist das her. Ein typischer Raab-Reflex: Dann machen wir’s eben selbst.

Der Sturkopf. Der Berserker. Der Metzger. Der Rüpel. Der Beißer. Der Besessene. 20 Jahre lang haben die deutschen Medien im Kopf nach der präzisen Formel für diesen Raab gekramt. Sie kamen selten weiter als bis zum „ausgekochten Schlitzohr“ („Süddeutsche“), zum „durchgeknallten ADHS-Teenager“ („Spiegel Online“) oder zum „postmodernen Schlingel“ („Berliner Zeitung“). Dabei ist die Sache im Kern ganz einfach: Hier war ein Köln-Sülzer Metzgerssohn am Werk, der das Fernsehen liebte und dem Menschen ohne Ehrgeiz schlicht sus­pekt sind. Sein Hauptantrieb war die diabolische Freude des Quereinsteigers an der Entzauberung des TV-Establishments. Früher mit seinen „Raabigrammen“, den kurzen Ständchen mit der Ukulele. Später mit der besseren Showidee. Das unterschied ihn von Weltumarmern wie Thomas Gottschalk. Darum erntete er Respekt, aber keine Liebe.

Das Ende einer Ära

Wenn man seinem trauernden Sender Pro7 glaubt, dann steht sein Ableben unmittelbar bevor. „Das letzte Mal Raab“, dröhnt es unablässig in düsteren Trailern. Gestern Abend stand nach knapp 16 Jahren die 2243. und letzte Ausgabe von „TV total“ auf dem Programm. „Schlag den Raab“ am Sonnabend, seine letzte Show, wird dann zum Raab-Requiem.

Tatsächlich ist es das Ende einer Ära. Was Joschka Fischer bei den Grünen und Steve Jobs bei Apple war, das war Raab bei seinem Heimat­kanal: Markenkern, Kreativzelle, Talisman. „Pro7 und ich – das ist eine Liebe, wie es sie kein zweites Mal im rauen Fernsehgeschäft gibt“, hat er mal gegluckst. Klang gefährlich. Als spreche Angela Merkel einem wackelnden Minister das Vertrauen aus.

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Er hat über die Maus und Berti Vogts gesungen, auch der einstige Kanzler Gerhard Schröder war vor Stefan Raab nicht sicher. Ganz nebenbei hat Raab dutzende Fernsehformate erfunden und etlichen Musikern zum Durchbruch verholfen. Und er brachte Deutschland einen lang ersehnten Titel. Ein Karriererückblick in Bildern.

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TV Total startete bereits 1999 – zuletzt agierte Raab sehr bocklos

Der Ausstieg des 49-Jährigen geht einher mit einem fundamentalen Systemwandel im Entertainment. Wohl nie wieder wird das von Bedenkenträgern regierte Konsensfernsehen einem kreativen Anarchisten derart viele Freiheiten einräumen. Das gesamte deutsche Unterhaltungsfernsehen ist inzwischen eher darauf angelegt, einen zweiten Raab um jeden Preis zu verhindern. Das ist ein kapitaler Fehler, denn individuelle Klasse wird die einzige Legitimation für das analoge Fernsehen sein, dem links mit Netflix und rechts mit Youtube starke Konkurrenz erwächst.

Fernsehjahre zählen siebenfach – wie Hundejahre. Insofern war der Mann mit den drei Dutzend Schneidezähnen umgerechnet mehr als ein Jahrhundert lang am Werk. „TV total“ startete 1999 als Müllverbrennungsanlage für TV-Fundstücke – und wurde zur Keimzelle für Raabs Fernsehkosmos. Sein Rohstoff waren die Fremdschämmomente der Spaßindustrie. Das strahlte zuletzt eine routinierte Bocklosigkeit aus. Aber Raab war der unkaputtbare Gute-Nacht-Onkel einer ganzen Zuschauergeneration. Und die letzte Rampensau, die noch ins Risiko ging – bis hin zur gebrochenen Nase im Kampf gegen die Boxerin Regina Halmich. Nicht dem Gemeinwohl galt sein Interesse, sondern seinem persönlichen Vergnügen. Sein Glück, dass beides so oft deckungsgleich war.

Pulleralarm statt Politik. Mettbrötchen für Millionen

Während Harald Schmidt beim Schwestersender Sat.1 zur obersten Entkrampfungsinstanz für fernsehskeptische Akademiker wurde, verstand sich Raab immer als Beömmelungsbeauftragter für den Normalverbraucher. „Pulleralarm!“ statt Politik. Mettbrötchen für Millionen. „Hat’s den Papst gestört, dass Luther kam?“, ätzte Schmidt 2001. Schmidt ist lange weg. Raab blieb. Den „letzten großen TV-Schaffenden“ nannte ihn Jürgen von der Lippe im Juli.

Das Mutterschiff freilich klapperte und krachte. „TV total“ wurde schleichend zu „TV egal“. Schon lange hat Raab seine Guerillaeinsätze an seinen Außendienstler ­Elton abgegeben, sich im Studio in Köln-Mülheim verschanzt, dessen patinöses Mobiliar bei Neonlicht einer Jugendherbergskaffeeküche von 1986 gleicht. Immer wieder musste er die Stille nach dem Gag aushalten, wenn die 20-Jährigen im Publikum mal wieder eine Marky-Mark-Anspielung nicht verstanden hatten.

Raab konnte auch große Fernsehmomente schaffen

Aber dann kam eben wieder so eine Show wie vergangene Woche. Helge Schneider war da. Er improvisierte ein Abschiedslied für Raab am Flügel: „Lange, lange, lange warst du an unserer Seite“, sang er. „Jahrelang im selben Hemd / Ich sehe uns beide auf einer grünen Wiese / Die Schwester kommt und gibt uns Apfeltee.“ Großes Fernsehen. Wie zuletzt im Januar 2013, als Raab eine Woche lang aus Manhattan sendete, noch einmal in bestechender Form.

Wenn der Anarchist ins Esta­blishment wechselt, droht zwangsläufig eine Identitätskrise. Der Hofnarr kann nicht König sein. Raab schien das zu spüren. Schon 1999 schrieben die Zeitungen, der Typ sei „früher mal ein verwegener Kerl“ gewesen. So ist das Geschäft. Die „Ö La Palöma Boys“ sind Geschichte, Lisa Loch trägt jetzt Businesskostüm, der „Maschendrahtzaun“ ist lange geflickt. Als heimlicher Sieger des Fernseh-Kanzlerduells vor der Bundestagswahl 2013 („King of Kotelett“) hat der domestizierte Bürgerschreck Raab noch einmal aufblitzen lassen, dass er auch seriös gekonnt hätte. Dass ihm auch Anzug stünde, sogar besser als die olle Beuteljeans. Auch mit der Polittalkshow „Absolute Mehrheit“ hat er an der Tür zum erwachsenen Fach gekratzt. Was haben sich alle aufgeregt! Raab und Politik? Ist das nicht wie Gangsta-Rap und Gänseblümchen? Wie Mettbrötchen mit Marmelade? Na und? Millionen junge Zuschauer guckten Politik. Wer schafft das sonst?

Ehemalige Mitarbeiter klagen gegen die Entlassung

Er hat genug von diesem ganzen Getöse. Dieser Erregungsblase. Das Ende freilich geriet unfein: 80 der 230 Mitarbeiter von Raabs Mutterkonzern Brainpool – an dem er 12,5 Prozent hält – sollen zum Jahresende gehen. 49 klagten dagegen. Die Firma argumentiert, sie hätten ausschließlich für Raab-Produktionen gearbeitet, die jetzt wegfallen. Es ist ein unwürdiges Gezerre. Der Zorn richtet sich freilich kaum gegen Raab, sondern gegen die Brainpool-Führung, einst Paten einer eingeschworenen „Familie“.

Privat sucht Raab die Ruhe, verteidigt den Backstagebereich seines Lebens mit fast paranoider Akribie. Ein Familienmensch, Vater dreier Kinder, der mit seiner Frau in einer Kölner Villa lebt. Gewohnheitstier, Tüftler, Lokalpatriot, FC-Köln-Fan. Kein Partylöwe. Er kämpft nur dienstlich. „Erfolgreiche Formate sind immer auch eine Art Wettkampf“, sagte Raab mal. Vielleicht ist das genau sein Problem: dass ihm die Gegner fehlen. Dass er nicht mehr besser sein muss als irgendjemand anderes. „Ich bin immer ehrgeizig. Ich will immer gewinnen“, sagt er. Aber gegen wen denn bitte? Joko und Klaas? Ernsthaft? Weitermachen, bis ihn jemand herausdrängt? Will er nicht. Weitermachen des Geldes wegen? Muss er nicht. Blamieren oder kassieren? Raab entschied sich für: weder noch. Er hat allen alles gezeigt. Der Einzige, der ihn am Ende geschlagen hat, ist er selbst.

Umfeld von Raab glaubt nicht an ein Comeback

Das Fernsehen ist voll von alternden Süchtigen, die die Tür nicht finden. Frank Elstner moderiert mit 73 Jahren eisern weiter, Hans-Joachim Kulenkampff kam dreimal zurück. Raab hingegen klammert sich nicht verzweifelt ans Rotlicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache“, hat er in den Neunzigerjahren „Spiegel TV“ gesagt. Am Sonnabend wird er exakt 49 Jahre und 57 Tage alt sein. Kommt er wieder? Sein Umfeld glaubt nicht daran. Er braucht’s nicht mehr. Halbherzige Versuche, Komiker Luke Mockridge – Sohn von „Lindenstraßen“-Star Bill Mockridge – als Nachfolger aufzubauen, schlugen fehl. Pro7 glaubte nicht an ihn.

„Fernsehleute sind alle Aufmerksamkeits-Junkies“, sagt Raabs Kollege Oliver Welke. „Alle diese Zirkuspferde bekommen irgendetwas zwischen Burn-out und Depression, wenn sie nicht mehr im Fernsehen auftreten.“ Im Fall Raab ist das Gegenteil zu erwarten. Nicht ihm droht die Depression. Sondern dem deutschen Fernsehen.

Von Imre Grimm

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Medien
Stefan Raab verabschiedete sich vom Bildschirm.

Man kann zu Stefan Raab stehen, wie man will. Klar ist aber, dass er mit seinem Abgang eine Riesenlücke im deutschen Fernsehen hinterlassen wird. Das hat auch die letzte "Schlag den Raab"-Sendung bewiesen. Raab hat sein Publikum überrascht und so einen würdigen Abtritt gefeiert.

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