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Sterne über Senftenberg in der Neuen Bühne

Theater Sterne über Senftenberg in der Neuen Bühne

Strukturwandel nennen es die Politiker. Was das für die Menschen einer Region bedeutet, darum dreht sich das Stück „Sterne über Senftenberg“ von Erfolgsautor Fritz Kater. Eine bemerkenswerte Premiere an der Neuen Bühne Senftenberg.

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Quelle: Steffen Rasche

Senftenberg. Zunächst ist da Irritation. Die Neue Bühne Senftenberg lädt zu einer Uraufführung ein, zu einem Stück des prominenten Dramatikers Fritz Kater. Aber man spielt nicht im großen Theater, sondern im Studio. Doch schon beim Betreten des Saales ahnt man, dass hier etwas Ungewöhnliches passieren wird. Es ist nicht die normale Bühnensituation, vielmehr findet sich in der Mitte des Raumes ein Riesenkasten, davor ein Tisch, an dem schon die Schauspieler sitzen, an den Wänden die Stühle für die Zuschauer. Dichter dran geht es kaum. Theater, das den Zuschauer im Wortsinne ergreifen will. Und auch von den Akteuren einiges fordert. Wie sie selbst das Leben auf Trab hält, ihnen immer wieder Unerwartetes abverlangt, sie zuweilen auch ins Schleudern bringt, so müssen sie auch diese Spielkiste in der Raummitte mit ihrer Körperkraft in Bewegung halten – mitunter ganz schön turbulent.

„Sterne über Senftenberg“ handelt vom Wandel einer Region, von Umbrüchen, die an den Bewohnern nicht spurlos vorübergehen. Der Bergbau ist passé, die Industriebrache auf dem Weg zu einer Kulturlandschaft mit künstlichen Seen. Fremde neue Heimat. Können die Menschen da mithalten? Der Autor spielt das am Beispiel von acht Personen durch, erzählt ihre Geschichten aber nicht biografisch, sondern in Versatzstücken. Es braucht den wachen Zuschauer, um aus den Puzzleteilen der poetisch außerordentlich dichten Textstücke nach und nach selbst Bilder und Geschichten zusammenzufügen.

Musikalisch verbunden werden die einzelnen Szenen dieser Collage von einem Mann mit E-Gitarre. Er ist selbst Teil des Tableaus, spielt den Rockmusiker Thomas, der wie die anderen auf der Suche ist nach einem Platz in diesem Gefüge und nebenher mit seinem Riffs zusätzliche Akzente setzt. Nach dem Motto: Es gibt keine Wahrheit und es gibt keine Lüge, es gibt nur noch Action. Thomas‘ Bemühungen, sich in das Geschäftsleben zu stürzen, ersticken schon im Versuch. Seine Frau Betty, einstige Kindergärtnerin in einer Welt, in der es kaum noch Nachwuchs gibt, weiß nicht, wie sie die Raten für das Reihenhaus bezahlen soll. Die Tochter versucht sich mit Graffiti. Der Bruder, Ex-Polizist, hat früher nebenher auch nach den Sternen geschaut. Selbst der Himmel ist ihm nun fremd geworden. Wir sehen außerdem einen Funktionär, den keiner mehr braucht, der sich noch ein letztes Mal an einen seiner einstigen Götzen klammert, einen zugezogenen Pfarrer mit missionarischem Anspruch, aber ohne Gemeinde. Es geht im Wortsinne um Gott und die Welt. Allesamt sind die Akteure scheinbar Verlorene, denen der Autor aber doch auch Hoffnung lässt. Figuren eigentlich ohne Anfang, aber mit einer großen inneren Tiefe.

In der Regie von Dominic Friedel und im Bühnenbau von Peter Schickart fügt sich das eigentlich Sperrige des Textes zu einem bemerkenswert vitalen Ganzen. Es ist dies keiner jener Theaterabende, wo von vornherein alles offen liegt, vielmehr bewegt er sich an der Grenze zur Malerei, wo der Betrachter selbst einen Standpunkt zum Gezeigten finden muss. Es bleiben Rätsel. Es bleibt ein Staunen. Ein Staunen auch über die Energie und die Spiellust, die der Regisseur bei dieser vornehmlich jungen Truppe freigesetzt hat.

Das Stück „Sterne über Senftenberg“ ist auch ein Geschenk. Ein Geschenk zum 70. Geburtstag eines Theaters, das scheinbar irgendwo an der märkischen Peripherie liegt und doch immer wieder zu einem dramatischen Zentrum wurde, zu einem Ort der Innovation. Die Anfänge 1946 sind bescheiden, man beginnt in einer Turnhalle. Als „Theater der Bergarbeiter“ zieht es in den 1950ern den Dramatiker Armin Stolper in seinen Bann, der gar eine Kooperation mit dem Deutschen Theater in Berlin einfädelt. Größen des ostdeutschen Theaterlebens wie Horst Schönemann sowie Peter Schroth und Peter Kleinert machen das Haus über die Region hinaus zu einem Begriff. Unter Sewan Latchinians Leitung wird es, nunmehr Neue Bühne geheißen, 2005 von den Kritikern zum deutschen Theater des Jahres benannt. Aber auch mit dem derzeitigen Intendanten Manuel Soubeyrand ist es auf einem guten Weg.

Von Frank Starke

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