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Kultur „Störenfriede“ im Havelberger Dom
Nachrichten Kultur „Störenfriede“ im Havelberger Dom
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02:17 30.08.2015
Eine der Ketzer-Figuren von Lutz Friedel, die im Havelberger Dom zu sehen sind. Quelle: Foto: PR
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Havelberg

Alle drei Herren sind in den 1940er Jahren geboren, tragen eine Brille und nehmen vor etwa 130 Besuchern im Havelberger Dom Platz. Aus ihren Gesichtern lässt es sich nicht herauslesen, wer von ihnen zu DDR-Zeit ein Ketzer war, wer ein Mitläufer und wer ein Inquisitor.

Als das geben sie sich aber freimütig während der Podiumsdiskussion zu erkennen, die aus Anlass der Ausstellung „Ketzer und Köpfe“ am Mittwochabend im Dom St. Marien angesetzt ist. In der Mitte sitzt der Künstler Lutz Friedel, der die überlebensgroßen Holzbüsten geschaffen hat, die auf der Empore und in den Gängen herumstehen. Nachdem die „Köpfe“ schon im Brandenburger Landtag zu sehen waren und im Mauermahnmal des Bundestags reihen sie sich nun unter die Besucher der Bundesgartenschau, die den Dom in der Hansestadt betreten. Die Holzköpfe sind abstrahierte Individuen und können alles darstellen: Wähler oder Parlamentarier, Schaulustige oder Maueropfer, Christen oder Ungläubige. Friedel nennt die Ratlosigkeit mancher Betrachter einen „Motor“.

Aber zwölf weitere Skulpturen von ihm tragen riesige, sich nach oben verjüngende Mützen. Es sollen keine zu groß geratenen Bischofshüte sein, sondern „Ketzer-Tüten“. Und Friedel betitelt die Figuren, deren Gesichtszüge ebenfalls unbestimmt sind, ausdrücklich als „Ketzer“.

Das Thema „Störenfriede“ lag also in der Luft. Ein sattsam bekannter, nämlich Friedrich Schorlemmer, war deshalb aus Werben (der anderen noch kleineren Hansestadt) gekommen. Der Bürgerrechtler („Ich wollte den Herrschenden ein verlässlicher Feind sein“) attackiert Friedel („Ich habe die DDR nicht als Diktatur empfunden“). Der sozialistisch-realistische Meisterschüler Friedel war 1984 verzagt nach Westdeutschland ausgereist, um Verboten zu entgehen. „Die Freiheit zu sagen, was ist, kann man sich doch nur nehmen, nicht geben lassen“, hielt Schorlemmer ihm entgegen. Er habe immer durch Widerstand zur Wahrheit gefunden.

Nun ergreift Hans-Dieter Schütt das Wort, der sich eingangs als ehemaliger „SED-Journalist“ vorgestellt hat. Als Vize-Chefredakteur der Jungen Welt hat er einst wirklich wie ein bösartiger Inquisitor gewütet. Wer Schütts Autobiografie „Glücklich beschädigt“ gelesen hat, weiß, dass dieser Mann ein neuer Mensch geworden ist. „Ist es nicht auch ketzerisch, in schlimmen Zeiten das Schöne zu zeigen?“, fragt Schütt nun. Leider versäumen es Schorlemmer und Friedel, ihren Moderator in den Diskurs einzubeziehen.

Von Karim Saab

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