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Kultur Strittmattes Schulzenhof war ein Ort der Qualen
Nachrichten Kultur Strittmattes Schulzenhof war ein Ort der Qualen
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02:16 14.03.2016
Erwin Berner im Alter von 8 Jahren auf dem Schulzenhof. Quelle: FOTO: privat
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Potsdam

Der achtjährige Junge auf dem Foto führt ein Pony am Halfter. Er heißt wie sein Vater: Erwin Strittmatter. So ziemlich alle Kinder in der DDR hätten diesen Jungen beneidet, denn er ist dort zu Hause, wo Pedro im Stall steht: auf dem Schulzenhof. Mit dem 1959 erschienenen Kinderbuch „Pony Pedro“ lernten mehrere Generationen die rätselhafte Natur eines Tieres lieben und sich wegzuträumen aus der garstigen Moderne.

Wie kreuzunglücklich der Junge auf dem Foto aber gewesen ist, erfährt die Leserschaft nun fast 60 Jahre später. Am Montag erscheint sein Buch „Erinnerungen an Schulzenhof“.

Der 1994 gestorbene Schriftsteller-Vater hat seine Sicht der Dinge in den postum herausgegebenen Tagebüchern festgehalten. Am Ostermontag 1958 notierte er: „Am letzten Teil des Pony-Buches korrigiert. Dazu in das Dachstübchen gezogen. Unten stört mich der Lärm der Kerlchen. Ich bin der Vater mit dem zwiegespaltenen Herzen.“

Ein kleines Eingeständnis, gewiss. Dass der hartherzige Egomane und Familientyrann mit dem unbedingten Ehrgeiz, ein literarisches Werk hervorzubringen, seine Mitmenschen folgenschwer drangsalierte, dazu fehlte dem Kriegsheimkehrer die Empathie.

Dabei galt der Schulzenhof viele Jahrzehnte als Eldorado des Glücks. Seit Mitte der 50er-Jahre pilgerten Generationen von Journalisten auf das entlegene Vorwerk im Norden Brandenburgs und schrieben salbungsvolle Reportagen über das Landleben des gefeierten Nationalpreisträgers. Der Schulzenhof schien alles auf sich zu vereinen: DDR-Identität und Geselligkeit, Poesie und Erfolg, Weisheit und SED-Politik, Kreativität und Liebe, Kultur und Natur, Familie und eine einträgliche Ponyzucht. Zu dieser Verklärung trug nicht zuletzt die dreibändige Ausgabe „Briefe aus Schulzenhof“ bei, die Eva Strittmatter zwischen 1977 und 1995 herausbrachte. Die vierfache Mutter, Lektorin ihres Mannes und Aktivistin des Schriftstellerverbandes hatte es geschafft, mit ihrer Lyrik und auch als Lebensratgeberin für viele Menschen ebenfalls zur Mittelpunktfigur zu werden. Dass ihre Ehe in vielen Phasen absolut unerfreulich verlief, daraus machte sie nach dem Tod ihres Mannes 1994 keinen Hehl mehr. Für eine weitere Entzauberung des Schulzenhofs sorgte dann 2008 die Nachricht, dass Erwin Strittmatter als privilegierter Angehöriger eines berüchtigten Regiments im Zweiten Weltkrieg grausamste Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung gutgeheißen haben musste. Darüber hatte er nie konkret Zeugnis abgelegt.

Und jetzt, 2016, meldet sich der älteste Sohn des Schriftsteller-Ehepaars zu Wort und macht die Pein öffentlich, die er bis 1971 auf dem Schulzenhof erlitten hat. Seine Erinnerungen widmet er „all denen, die auch eine leicht verquere Kindheit hatten“. Das Wörtchen „leicht“ meint er ironisch. Er spricht zugespitzt vom „System Schulzenhof“, unter dem er litt.

Erwin Strittmatter jr. schreibt unter dem Namen Erwin Berner. Sein Manuskript entstand bereits 2001. Im Alter von 47 Jahren resümierte er das Verhältnis zu seinen Eltern und Geschwistern und erzählt auch über seine Berliner Gegenwart. Es ist ihm wichtig, nicht selbstgerecht wie sein Vater zu erscheinen. Wenn seine Bilanz ans Eingemachte geht, wird er so konkret wie möglich. „Nein, ich will mich nicht rächen“, versichert er. „Ich will notieren, wie es war. Wie es für mich war.“ Dass dabei auch einige Familiengeheimnisse zur Sprache kommen, werden Literaturfreunde möglicherweise als Klatsch und Tratsch abtun.

Was erfahren die Leser Neues über das Leben auf dem Schulzenhof?



Erwin ist ein ungewolltes Kind. Der Vater hatte bereits vier Söhne aus zwei missglückten Ehen und droht sich umzubringen, wenn die 17 Jahre jüngere Eva das Kind bekommt. Legale Abtreibungen gibt es noch nicht. Gegen die Schwangerschaft schluckt sie bis in den fünften Monat vergeblich ein amerikanisches Hormonpräparat. Später meinen Wissenschaftler, dass dieses Präparat eine homosexuelle Veranlagung fördert.


Erwin jr. wird mit seinem zwei Jahre älteren Halbbruder Ilja (aus der ersten Ehe der Mutter) gegen Bezahlung in den chaotischen Haushalt der Großmutter nach Neuruppin gegeben. Seit der Zeit in der Wochenkrippe stottert Ilja. Die Großmutter hat ihn dort rausgeholt. Ihre Sehnsucht nach Schulzenhof ist groß. An Wochenenden radelt Erwin jr. oft die 25 Kilometer zum Gehöft der Eltern. Dort hört er immer den Spruch: „Neuruppiner Sitten sind hier nicht gelitten.“

 Von 1967 bis 1971 wohnt Erwin jr. dann in Schulzenhof. Die Atmosphäre ist bedrückend. Jähe Wutausbrüche des Vaters, Züchtigungen, Erniedrigungen, wochenlanges Schweigen, Demütigungen vor Besuchern bestimmen den Alltag. Der Vater schlägt Erwin jr. auch noch, als er 16 ist.


 Die Eltern leben nach der Devise: Erst kommt die Arbeit, dann die Freunde, dann die Familie. Die Mutter sorgt dafür, dass dem Vater stets „das Besondere“ zusteht. Es wird in großer Runde nie miteinander gesprochen, sondern meist über Abwesende hergezogen.

 Der Familientyrann kennt die Geburtstage seiner Pferde, die seiner Söhne sind ihm egal. Aber auch den geliebten Tieren gegenüber geht es dem Vater immer darum, ihnen seinen Willen aufzuzwingen.

 Auch die Hausangestellten genießen es, die Kinder rumzukommandieren, spionieren sie aus und schwärzen sie bei den Eltern an.

 Der Vater hasst selbst körperliche Arbeit, verlangte aber von seinen Söhnen harte Dienste und Putzarbeiten in Haus, Landwirtschaft und Stall. Die Kinder sollen Holzpantinen tragen und ständig bei der Bewirtung und Unterhaltung der vielen Gäste helfen.

 Erwin wünscht seinem Vater oft ein jähes Ende. Er selbst unternimmt später mehrere Selbstmordversuche.

 Die jüngeren Brüder Matthes und Jakob werden von den Eltern bevorzugt, auf Reisen mitgenommen usw.

 Anfang der 1980er-Jahre machen die Eltern eine schwere Ehekrise durch. 1983 brennt der Vater mit einer Grafikerin durch. Der über 70-Jährige hat sich ein West-Präparat besorgt und lässt sich gegen die Impotenz das Testosteron spritzen. Das machte ihn „abwechselnd liebessüchtig und lebensmüde“.

 Die Mutter schluckte in den letzten Jahren immer wieder Beruhigungs- und Aufputschmittel, nach denen sie süchtig wird. „Gram, Einsamkeit und Selbstvorwürfe betäubt sie durch Tabletten.“

Von Karim Saab

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