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Kultur Superstar bringt „Liquid Spirit“ in die Kirche
Nachrichten Kultur Superstar bringt „Liquid Spirit“ in die Kirche
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18:35 20.07.2015
Gregory Porter am Sonntag in Neuhardenberg. Quelle: imago stock&people
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Neuhardenberg,

Gregory Porter hat das Elend der Erde auf dem Radar. „Griechenland hat kein Geld, überall gibt es Explosionen, der Hass macht die Schlagzeilen“, sagt er. Doch der Hass der Welt hat an diesem Sonntagabend Hausverbot in der Schinkelkirche Neuhardenberg. Alleine schon die beseelten Blicke, die der Jazzbariton und seine Musiker untereinander austauschen, wenn ein Solo mal wieder besonders gut gelingt, predigen, dass Wertschätzung nicht zum ökonomischen Begriff verkommen darf. Im nächsten Song „No Love Dying“ singt Porter, dass dort, wo er sich bewegt, die Liebe nicht sterben wird. Er trägt ein schwarzes Tuch über Hals und Ohren, dazu eine Ballonmütze. Das Gesicht liegt frei, es sieht aus wie das eines Jungen, der gerade einen riesigen Eisbecher alleine verdrückt hat. Bei so viel Freude, vor und auf der Bühne, ist ja wohl klar, dass die Liebe heute nicht stirbt.

Weltstar singt, 300 Menschen hören zu

Das umjubelte Konzert von Gregory Porter in dem kleinen Örtchen wäre schon eine Sensation, wenn er einfach nur ein Musiker ohne großen Namen wäre. Er singt begnadet, variiert nach Belieben, lässt den Talenten seiner Band Raum sich zu entfalten. Der New Yorker ist aber nicht einfach nur ein Musiker, sondern der wohl weltbeste Jazzsänger. Er steht ganz oben auf den Plakaten renommierter Festivals, hat vor wenigen Wochen noch Tausende bei einem Freiluftkonzert mit Orchester in Berlin verzückt. Ein Musiker der Kategorie Weltstar vor 300 Zuschauern in einer brandenburgischen Kirche, damit hat die Stiftung Schloss Neuhardenberg einen echten Coup gelandet.

Meister Porter in Weste und Jackett mit blauem Einstecktuch genießt die Atmosphäre des Ortes, hinter ihm stehen weiße Blumen in einer Vase, eine Kerze brennt. „Das erinnert mich an die Zeit, als ich sieben Jahre alt war und mit meiner Mutter Gospels in der Kirche sang“, sagt der in Kalifornien aufgewachsene 44-Jährige und kündigt an, seine Musik an diesem Abend von diesem Stil beeinflussen zu lassen. Seinen größten Hit „Liquid Spirit“ beginnt er, nur vom Piano begleitet, langsam und tragend, dann klatscht er einen schnellen Rhythmus. Alle machen mit wie beim Gesangsgottesdienst einer Südstaatengemeinde, und das in einem kleinen Ort am Rande der Märkischen Schweiz.

Songs aus preisgekröntem Album performt

Mehr als eineinhalb Stunden zelebrieren Porter und seine Band mit großer Improvisationsfreude Songs, die vorwiegend aus seinem ebenfalls „Liquid Spirit“ benannten Album stammen, mit dem er 2014 einen Grammy gewann. Pianist Chip Crawford hat mal gesagt, er habe das Gefühl, geboren zu sein, um einen großen Sänger zu begleiten. Für „Wolfcry“ verlassen Schlagzeuger, Saxophonist und Kontrabassist die Bühne. Crawford frönt seiner Berufung, hängt dem Meister an den Lippen, improvisiert, greift sorgsam zu den Tasten wie ein Kletterer, der seinen Freund abseilt. Für alle Musiker aus Gregory Porters Band gilt, mit ihrer Kunst machen sie die Kunst des anderen noch größer. Stehen sie im Fokus, so wie Saxophonist Yosuke Sato bei seinen sphärischen, melancholieverliebten Soli, lehnt der 1,90 Meter große Gregory Porter sich leicht ans Klavier, nickt und schaut der Musik hinterher wie dem Rauch einer teuren Zigarre.

Gregory Porters Freude am Genuss und diese greifbare Liebe zur Musik sind eine faustlos vorgetragene Kampfansage. Sollen sie doch vor sich hin frusten, all die Kassenzettel-Nachrechner und Knöllchen-Verteiler, die jeden frischen Wind für einen krankmachenden Durchzug halten. Der Sänger hält sich an die alte Regel, Musik – genau wie Sex und gutes Essen - am besten mit geschlossenen Augen zu genießen. Öffnet er sie nach einer Strophe wieder, sieht er in 300 beseelte Gesichter. Das Konzert entwickelt eine heilende Wirkung, Atheisten erwischen sich beim „Oh my Lord“-Mitsingen, am Ende applaudieren die Neuhardenberger im Stehen.

Von Maurice Wojach

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