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Nachrichten Kultur Fotos von Berghain-Ikone in Potsdam
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18:32 17.09.2015
Gesamtkunstwerk: Sven Marquardt, Türsteher des Berliner Technoclubs Berghain, kann auch fotografieren. Quelle: Detlev Scheerbarth
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Potsdam

Nachts fallen die Masken des Tages. Dämonen zersetzen das Bewusstsein. Ängste vor Einsamkeit und Tod treten wie Schatten hervor und die Gier nach Sex und Liebe wuchert. Sven Marquardt kennt sich aus mit Menschen, die es durch die Nacht treibt. Seit den 1990er Jahren steht er ab Mitternacht wie eine Kafka-Figur vor dem Eingang des angesagtesten Technoclubs in Berlin. Bis 2004 bewachte er das Ostgut, seit 2004 das Berghain.

Auf den ersten Blick gibt Marquardt eine seltsame und furchteinflößende Gestalt ab. Das Tattoo eines großen Spinnennetzes ragt ihm ins bärtige Gesicht. Eine Sonnenbrille verbarrikadiert die Augen. Um den Hals und an den Armgelenken hängen grobgliedrige, silberne Ketten. Und auch die beiden gepiercten Metallringe in den Lippen, die dicken Ringe um die Finger und das Gehänge an den Ohren gehören zu seiner schweren Silberrüstung.

Sven Marquardt liebt den Begriff Türsteher nicht. Er möchte lieber Einlasser genannt werden. Und wer mit ihm ins Gespräch kommt, wird merken, dass hinter seiner martialisch-durchgestylten Rocker-Fassade ein offenherziger Beobachter steckt. Einer, der weiß, dass Kraft und Schönheit immer auch Verletzbarkeit und Sterblichkeit bedeuten.

Bereits Anfang der 1980er Jahre machte sich Sven Marquardt im Ostberliner Underground als künstlerischer Fotograf einen Namen. Es war die Zeit von Punk und New Wave, von Düsternis und Apokalypse. Die banalen Selbstinszenierungen der Herrschenden mit ihren Aufmärschen und Terminen vom Tage strafte er ab, indem er mit seinen Freunden durchästhetisierte Gegenwelten schuf. Sie erzählen seine Faszination für Aussteiger und für dekadente und auch morbide Motive. Jens und Esther, Robert und Nadine heißen die Darsteller. Es sind Weggefährten, in deren Gesichter und Posen der Fotograf sein Lebensgefühl spiegelt.

Zur Person und zur Ausstellung

Sven Marquardt wurde 1962 in Berlin geboren. 1982 lernte er Fotograf und Kameramann bei der Defa. Er arbeitete als Modefotograf für die Zeitschrift Sibylle und wurde 1988 in den Verband Bildender Künstler aufgenommen.

2014 veröffentlichte Marquardt seine Autobiografie „Die Nacht ist Leben“, die mit Judka Strittmatter entstanden ist (Ullstein, 220 Seiten, 14,99 Euro).

In dem Buch schildert er seinen Werdegang vom schwulen Punk, der von seiner Oma einen Fotoapparat geschenkt bekam, hin zum Fotografen.

Nach der Wende arbeitete Marquardt als Türsteher in der Berliner Techno-Szene. Seit 2004 fotografiert er wieder. Im Frühjahr 2015 kam der Fotoband „Wild verschlossen“ heraus, der 100 aktuelle Porträts und Inszenierungen enthält (Mitteldeutsche Verlag, 144 Seiten, 29,95 Euro).

Die Ausstellung mit Fotografien von Sven Marquardt wird am Donnerstag, 20 Uhr, in Potsdam eröffnet. Sie kann bis zum 18. Oktober – Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr – besichtigt werden. Der Kunstraum befindet sich zwischen T-Werk und Waschhaus in der Schiffbauergasse 4d.

Am Puls der Zeit

Heute, im Zeitalter der Selfies, weiß jedes Kind, dass Porträts keine Zufallsprodukte sind. Kleidung und Blick, Gestik und Mimik, Licht und Moment sind bewusst gewählte Parameter. Und sie sind Ausdruck einer Glückssuche, einer Sehnsucht nach Erfüllung. Als 1989 die Mauer fiel, hörte Marquardt auf zu fotografieren. Er entdeckte für sich das Feiern und die Angebote der Tattoostudios. Sein Job in der Szene war für ihn der beste Beweis, weiterhin am Puls der Zeit zu sein.

Bis er 2004 als Nachtarbeiter zwangspausierte, weil sein Technoclub umzog. Marquardt stürzte sich mit seinen Freunden durch die Berliner Nächte und sah sie plötzlich mit neuen Augen und besann sich auf seine alte Kamera.

Nachtgestalten im Tageslicht

Allerdings irrt, wer nun denkt, Marquardt reportiere das Nachtleben. Keines seiner Porträts ist mit Hilfe von Kunstlicht entstanden und er arbeitet auch nicht mit Aufhellern. Seine eigentliche Arbeit besteht darin, die Nachtgestalten ans Tageslicht zu zerren. Die Schwärze der Nacht im Hintergrund ist nur gestellt. Von den Selfies unterscheiden sich seine Darstellungen aber hinlänglich, denn Marquardt dichtet niemals Emotionen hinzu, die nicht da sind. Ihm gelingen klare, durchdringende Blicke auf extravagante Menschen. Im Kunstraum des Potsdamer Waschhauses sind zwei Zyklen zu sehen, die er mit dem Begriff „Rudel“ bezeichnet. Das eine Rudel zeigt Türsteher-Kollegen, das andere DJs.

Neigung zu dunklem Symbolismus

Die Potsdamer Schau zeigt aber auch Werke aus den DDR-Jahren. Zu ihnen verspürt Marquardt heute eine leichte Distanz. Er habe damals „überinszeniert“, sagt er. Dabei mischen sich in die Ausstellung auch einige aktuelle Auftragsarbeiten, denen ebenfalls ein ausgeprägter Gestaltungsvorsatz zugrunde liegt. Er fertigte sie für eine große Modemarke an und auch für ein kleines Fetischlabel. Die Modelle buchte er gegen Geld.

Eine Neigung zu dunklem Symbolismus lässt sich aus einigen freien Arbeiten genauso herauslesen. Da ist zum Beispiel ein Mann, der vor zwei brennenden Bücherstapeln steht. „Sein Wissen, sein Intellekt stand ihm im Wege“, verrät Marquardt über seine Intention.

Von Karim Saab

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