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Tamara Danz und Rio Reiser: 20 Jahre im Paradies

20. Todesjahr Tamara Danz und Rio Reiser: 20 Jahre im Paradies

Asyl im Paradies: Vor zwanzig Jahren starben Tamara Danz und Rio Reiser. Beide Musiker sind bis heute Galionsfiguren deutsch-deutscher Rock- und Popgeschichte. Beide waren Identifikationsfiguren, die Aufmüpfigkeit, Haltung und Poesie miteinander verbanden.

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Kaum jemand hatte so eine Bühnenpräsenz wie Tamara Danz.

Quelle: Imago

Potsdam. Sommer ’96: Am 22. Juli erliegt Tamara Danz ihrem Krebsleiden, am 20. August stirbt Rio Reiser an Kreislaufversagen. Damit verabschiedeten sich in kurzer Zeit zwei Musiker, die zu Galionsfiguren der deutsch-deutschen Popgeschichte geworden waren. Beide hatten mit ihrem Wirken Spuren hinterlassen, Tamara Danz im Osten und Rio Reiser im Westen. Für viel Weiteres im geeinten Deutschland blieb nicht viel Zeit.

Unterschiedliches aus einer Stadt

Danz (Jahrgang 1952) und Reiser (Jahrgang 1950) waren zwei Musiker einer Generation, sie hatten allerdings sehr unterschiedliche Biografien – bedingt durch das (Musiker-)Leben in Ost und West. Denn im geteilten Deutschland entwickelte sich die Rockmusik recht unterschiedlich. Eine gemeinsame Sprache war zwar die Musik, aber die Themen waren einfach zu verschieden. Und der Osten hatte es mit der staatlich geförderten deutschsprachigen Musik sogar ein bisschen einfacher, während sich die Musiker im Westen gegen die englischsprachige Konkurrenz behaupten mussten.

Im Grunde spielte sich das sogar in einer Stadt ab. Während Rio Reisers Band Ton Steine Scherben aus der linksalternativen Szene Westberlins kam, fand Silly in Ostberlin zu ihrem Stil. Rio Reiser hatte zunächst mit seiner Band Erfolg im Untergrund, mit Langspielplatten wie „Warum geht es mir so dreckig?“ (1971) und besonders „Keine Macht für niemand“ (1972). Reiser hatte mit „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Keine Macht für Niemand“ wichtige Songs verfasst. Dagegen kam die Band Silly, der sich Tamara Danz 1978 als Sängerin angeschlossen hatte, aus dem DDR-Unterhaltungsbetrieb. Erstes ernst zu nehmendes Silly-Werk war 1983 „Mont Klamott“, die Band hatte zu ihrem Stil gefunden, weiter verfeinert auf „Liebeswalzer“ (1985).

Rio Reiser im Jahr 1987

Rio Reiser im Jahr 1987.

Quelle: dpa

1986 – ein wichtiges Jahr

Wichtig war für beide Künstler das Jahr 1986. Damals erschien Reisers erste Solo-LP „Rio I.“, die auch den Hit „König von Deutschland“ enthielt. Im selben Jahr veröffentlichten Silly mit „Bataillon d’amour“ ihr bis dato erfolgreichstes Album. Der Erfolg hatte unterschiedliche Folgen: Rio Reisers neue Songs waren kommerziell erfolgreich, was ihm von ehemaligen Mitstreitern und Fans aus der linken Szene vorgeworfen wurde. Silly dagegen wurde allmählich zu einer der DDR-Vorzeigebands aufgebaut, ein Image, das die Silly-Musiker bis zu einem gewissen Punkt auch erfüllten. Mit der LP „Februar“ erschien 1989 eine melancholische Vorwende-Platte – dann zog Silly die Grenzen: Im September 1989 unterschrieb Tamara Danz die Resolution von Rockmusikern und Liedermachern an die DDR-Regierung.

So blieben Tamara Danz und Rio Reiser auch im politischen Engagement verbunden, Reiser in der linksalternativen Ecke, Silly in zunehmender DDR-Opposition. Sie waren Identifikationsfiguren, die Aufmüpfigkeit, Haltung und Poesie miteinander verbanden. Was Tamara Danz und Rio Reiser immer einte, war ihre beeindruckende Bühnenpräsenz. Während Rio Reiser auch als Solokünstler aktiv wurde, blieb Tamara Danz im Bandgefüge, erst für die Silly-CDs „Hurensöhne“ (1993) und „Paradies“ (1996) brachte sie sich stärker als Texterin ein.

Ab 1990 wurde es kompliziert

Im geeinten Deutschland wurde es nicht gerade einfacher. Schwere Zeiten kamen für Rio Reiser, als er sich 1990 der PDS anschloss und „König von Deutschland“ für den Wahlkampf zur Verfügung stellte. Auch für Silly wurde es kompliziert, mit der DDR war ihnen wie allen ostdeutschen Bands das Publikum weitgehend abhanden gekommen. Die Musiker kamen mit den Bedingungen des kapitalistischen Musikbetriebs nur schwer zurecht. Und Anfang der Neunziger war von Ostalgie noch wenig zu spüren.

Nun, mit Abstand von zwanzig Jahren nach diesen beiden Todestagen, wird vieles neu eingeordnet. Inzwischen wurden nach beiden Künstlern sogar Straßen benannt. Wie unterschiedlich der Stellenwert von Rio Reiser und Tamara Danz ist, zeigt sich an den Veröffentlichungen in diesem Sommer. Zum Todestag von Reiser im August erscheint mit der CD „Alles und noch viel mehr“ eine Würdigung seines Lebenswerkes. Die Ehrung für Tamara Danz fällt etwas bescheidener aus. Der Zeitschrift „Super-Illu“ lag gerade eine CD mit Silly-Songs bei.

Von Thorsten Czarkowski

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