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Tanzende Randalierer: Sinnlos, aber wundervoll

Tanztage im Potsdamer T-Werk Tanzende Randalierer: Sinnlos, aber wundervoll

Seit rund einer Woche laufen die Potsdamer Tanztage. Am Dienstag hat ein Stück Premiere gefeiert, auf das sehnsüchtig gewartet worden ist. Die Belgier Pieter Ampe und Benjamin Verdonck haben zu Vivaldi getanzt, sich aber so bewegt, als hörten sie Motörhead. Ganz zum Schluss hatte auch die Feuerwehr einen Auftritt. Die Meinung unseres Kritikers: Sinnlos, aber wundervoll.

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Pieter Ampe (r.) und Benjamin Verdonck bei den Potsdamer Tanztagen.

Quelle: Foto: MAZ

Potsdam. Tanzen sie eigentlich? Nein, sie randalieren. Auf eine filigrane Art, die mit der Poesie verwandt ist. Der Belgier Benjamin Verdonck tritt auf die Bühne wie ein Vögelchen, das Schutz sucht. Er spricht mit großer Geste und so hochdeutsch, wie es einem Belgier eben möglich ist: „Warum hat sich das Wäldchen in Erwartung des Schnees schon entkleidet“? Eine Frage, die nicht in eine rationale Welt gehört, sondern in ein Stück, das sich „We Don‘t Speak To Be Understood“ nennt, es wird gespielt als deutsche Erstaufführung bei den Potsdamer Tanztagen im T-Werk. Übersetzt: Wir sprechen nicht, um verstanden zu werden. Dieser erste Satz wird der einzige gesprochene des Dienstagabends bleiben. Missverständnisse sind also ausgeschlossen.

Bald taucht auch Pieter Ampe auf, er hat in einem Kühlschrank geruht. Sein Vollbart weist ihn aus als einen Menschen, der ein unverbrüchliches Verhältnis zur Natur hat. Es laufen Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf dem Plattenspieler, das gibt dem Ganzen einen Glanz, der klassisch wirkt, doch auch ein Stück von Motörhead lässt sich hier denken.

Was die beiden Männer auf der Bühne treiben? Sie stellen Windmaschinen an, kämpfen gegen flatternde Fäden. Putzen sich die Zähne zur Musik. Gießen sich Honig in den Mund. Deuten eine zarte Schlägerei an. Das ist sinnlos, aber wundervoll. Am Ende baden sie in Kunstnebel. Die Feuerwehr kommt mit vier Autos. Echte Autos, keine Inszenierung. Die Belgier lösen Feueralarm aus. Ein Feuerwerk der Kunst ist abgebrannt, zwischen Traum und Wirklichkeit lässt sich am Ende kaum mehr unterscheiden.

Pieter Ampe und Benjamin Verdonck sind zwei virtuose Kneipenbrüder, die eine Anmut im Stile von Stan Laurel und Oliver Hardy verkörpern, das Prinzip „Dick und Doof“ tragen sie mit Würde auf die Bühne. Sie lieben den Slapstick und misstrauen jeder Kunst, die sich zu prätentiös gibt – die zu viel Wind macht von der eigenen Bedeutung.

Internationales Programm

Die Tanztage in Potsdam laufen noch bis zum Sonntag. Sie werden in diesem Jahr bereits zum 25. Mal veranstaltet. Auf sechs Bühnen sind internationale Choreografen mit ihren aktuellen Arbeiten zu sehen – zeitgenössisches Ballett trifft auf Techno, Filmkonstruktion auf Tanztheater.

Eine weltweite Auswahl an Stücken wird in Potsdam gezeigt, die Künstler kommen aus Israel, Kanada, Frankreich, Brasilien, Schweden, Belgien, Niederlande, Polen und Deutschland.

Das kommende Programm in Auszügen: Heute, T-Werk, 20 Uhr: Arkadi Zaides, „Archive“ (Israel); 5. Juni, Fabrik, 20 Uhr: Jan Martens, „The Dog Days Are Over“ (Belgien/Niederlande); 6. Juni, 21 Uhr, Hans-Otto-Theater (Reithalle), Cirque Inextremiste: „Extrémitès“. Festivalkarten gibt es unter 0331/24 09 23.

Wind macht nur die Maschine, und wenn sie kurz vor Schluss den Ventilator auf die Bühne schieben, der riesig wie ein Kraftwerk wirkt, und den man eher in einem Institut für Urknallforschung als auf Tanztagen vermutet, dann fallen Flocken von der Decke, leichter Kunstschnee, der sich in Vivaldis Wintertakte bettet.

Die beiden Männer drehen dramaturgisch auf, sie drehen durch, auf eine Weise, die erregend und doch unterhaltsam ist. Sie stemmen sich gegen den Wind wie seinerzeit Kate Winslet in „Titanic“ als Galionsfigur. Sie wechseln die Platte, es ist „We Are The World“ zu hören, dieser Spendensong für Afrika aus einer Zeit, an die man sich nicht mehr erinnern will. Kunstnebel verhüllt die Szenerie, man sieht nichts mehr. Es ist nicht klar, ob man darüber wirklich traurig ist.

Verdonck ist der Tänzer, der es bei skizzierter Virtuosität belässt, schnell bricht er seine Tänzchen ab, als sei ihm so viel Kunstsinn peinlich. Ampe wiederum gibt sich zuweilen grob, doch sogar das stellt er sensibel dar. Sie wollen nur spielen, das gelingt auf hohem Niveau. Und die Feuerwehr? Bitte, ein Belgier kann nicht ahnen, wie schnell in Deutschland ernst gemacht wird.

Von Lars Grote

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