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Kultur Kunst mit Klebeband
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09:15 13.07.2018
Der Italiener Carlo Galli arbeitet vor dem Start der Tape Art Convention an einem wandgroßen Werk, das aus pinken Klebestreifen besteht. Quelle: Maurice Wojach
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Berlin

Der Italiener Carlo Galli sitzt vor seinem wandgroßen Werk und ritzt millimetergroße Fetzen aus pinkfarbenen Klebestreifen heraus. Das Band verläuft in der Form etlicher Wellen über den weißen Hintergrund – mit dem Teppichmesser verleiht der Künstler dem Gesamtbild Kontur. Ein Schritt zurück, ein Knopf auf den Auslöser der Fotokamera und ein Blick auf die Bildanzeige – erst in der Totale erschließt sich das Porträt einer melancholisch anmutenden Frau, die zur Seite schaut. Dort, wo ihre Haare zu sein scheinen, hängen weitere Rollen Klebeband von der Wand.

Mehr als 20 Künstler aus zehn Ländern präsentieren bei der Tape Art Convention in der Berliner Neurotitan Galerie am Hackeschen Markt ihre Werke. Vor allem aber führen sie ein in eine Kunstszene, die noch unter Subkultur fällt, aber deren Popularität wächst. Berlin gilt als Hauptstadt der Klebekunst, da hier drei große international arbeitende Künstlerkollektive und ein in der Szene bekannter Klebebandhersteller ansässig sind. Und weil es die Tape Art Convention gibt, zu der Künstler aus vielen europäischen Ländern und sogar aus den USA und Neuseeland anreisen.

Utensilien für die Tape-Kunst. Quelle: Maurice Wojach

„Tape Art ist ein Berliner Kulturgut“, sagt Thomas Meissner, der im niederländischen Maastricht lebt und zum Berliner Kollektiv „Tape That“ gehört. Wie so viele andere auch entstammt der 32-Jährige der Graffiti-Szene. „Mit 14 Jahren habe ich Wände beschmiert“, sagt er, „mir ging es aber schnell um den künstlerischen Ausdruck und nicht darum, meinen Namen zu hinterlassen.“ Der sichere Umgang mit der Sprühdose ließe sich erst nach Jahren erlernen, das Ziehen klarer Linien fiele den meisten Menschen mit dem Klebeband leichter. Meissner muss es wissen – er hat schon die halbe Welt beklebt. Er führte unter anderem im Auftrag des Goethe-Instituts etwa in Peru, Katar, Ägypten und Namibia junge Menschen in seine Kunstform ein und leitete Workshops. Die nächste Reise geht unter anderem nach Guatemala.

Wer ein paar Tage vor der Eröffnung zwischen Akkuschraubern, Tapeziertischen und leeren Club-Mate-Flaschen umherschleicht, stößt auf kreative Köpfe in kumpelhafter Atmosphäre. Nicht diese Nase-Hoch-Attitüde, die man von Berlin-Mitte-Künstlern-und-Galeristen mitunter mitbekommt. Rein ästhetisch fällt vor allem die Vielfalt auf. Während Meissner ein abstraktes Bild aus schräg angeordneten Linien aus schwarzem Papierklebeband gestaltet, formen seine amerikanischen Kollegen von „Tapigami“ Klebe-Wesen, die aussehen wie eine Mischung aus Karikatur und Science-Fiction. Ein wandgroßes Werk eines Amerikaners mit dem Künstlernamen „Tape Metal Canvas“ zeigt einen kunterbunten Bilderrausch aus Metallklebeband. Einige der nach außen schießenden Kleckse ähneln Spermien, in der Mitte sind übergroße Gitarrenplektren aus mehrfach überlagerten Metall-, Kunstharz- und Klebeschichten befestigt.

Selber machen

Die Tape Art Convention in der Neurotitan Galerie in der Rosenthalerstraße 39 ist eine Ausstellung und bietet zudem auch einige Workshops und Gespräche mit Künstlern. Sie läuft noch bis zum 28. Juli und ist von Montag bis Sonnabend zwischen 12 und 20 Uhr geöffnet. Alle Gäste dürfen selbst entscheiden, wie viel Eintrittsgeld zu zahlen ist.

Workshops, bei denen die Kunst des Klebens selbst erlernt werden kann, finden jeweils sonntags am 15., 22. und 29. Juli statt. Die Anzahl der Plätze pro Workshop ist begrenzt, eine Registrierung erfolgt über www.tapeartconvention.com/workshops.

Ein paar Meter weiter schraubt ein Mann mit kurzer Hose und Baseballcap Stahlrohre ineinander, die als Rahmen für einen zu beklebenden Zaun dienen. Der Schweizer will nur, wie viele andere Street Artists auch, mit seinem Künstlernamen genannt werden. Und zwar „YGREK1“ – wie es auch auf seinen normalerweise nachts im öffentlichen Raum geschaffenen Werken zu sehen ist. „Ich nutze, was vor Ort zu finden ist, und will, dass alle Menschen meinen Künstlernamen erfahren, ohne aber zu wissen, wer sich dahinter verbirgt.“ Er nimmt sein Handy in die Hand, wischt mit dem Finger durch sein Werk der vergangenen Jahre. An einem Schwarz-Weiß-Foto bleibt er hängen. Im Hintergrund prangt auf einem Gebäude in Kastenform der Ikea-Schriftzug, vorne der im selben Stil aber schräg auf einen Zaun geklebte Künstlername.

Egal zu wem man auch geht, die Rede ist schnell von der Begeisterung für das Material. Neben der Künstlerin „LaMia“ vom Kollektiv „TAPE OVER“ liegen Rollen mit Krepp-, Gewebe- und Metallklebeband. „Ich liebe diesen Material-Mix und die unterschiedlichen Texturen“, sagt sie. Um ihre Begeisterung zu unterstreichen, reibt die Klebekünstlerin ihre Finger fest aneinander, so nach dem Motto „Das lässt sich nicht beschreiben, das muss man fühlen“. Dann greift sie zum Teppichmesser, roten Band und klebt es schräg an die Wand. Noch sieht’s abstrakt aus, rechts hängt die Vorlage, bald werden die Streifen die Blüten einer roten Blume sein.

Von Maurice Wojach

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