Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Tellkamp und Co. – Abmarsch in die rechte Ecke
Nachrichten Kultur Tellkamp und Co. – Abmarsch in die rechte Ecke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:15 20.03.2018
Uwe Telkamp am 8. März im Dresdener Kulturpalast bei einer Diskussion mit Durs Grünbein. Quelle: Dietrich Flechtner
Leipzig/Berlin

Am Montagabend stand Matthias Matussek auf zwei umgedrehten Bierkisten hinter dem Bahnhof Hamburg Dammtor und skandierte „Widerstand“. Er wollte „zum Volk“ sprechen, hatte der mehrfach preisgekrönte Reporter zuvor auf Twitter angekündigt. Sein Volk waren nach Polizeiangaben 200 Teilnehmer der wöchentlichen Hamburger „Merkel muss weg“-Demonstration, die von einer fünffachen Übermacht von Gegendemonstranten lautstark beschimpft wurden. Es sei doch ironisch, dass Linksradikale jetzt gegen eine regierungsfeindliche Kundgebung demonstrierten, sagte Matussek am Rande der Veranstaltung in eine Handykamera.

Es ist die Verwunderung eines alten Star-Reporters, der einst bei „Stern“ und „Spiegel“ gefeiert wurde und 2015 schließlich bei der „Welt“ in Ungnade fiel. Dass Matussek auf den Bierkisten landete, ist die folgerichtige Fortsetzung seines Wegs aus dem Mainstream hinaus.

Eine Erklärung von 33 Literaten, Musikern, Wissenschaftlern und Publizisten macht die Runde. Unterschrieben hat Matussek ebenso wie der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp und der Berliner Ex-Senator und spätere Bestseller-Autor Thilo Sarrazin. Inzwischen haben Dutzende weitere Kulturschaffende ihre Namen darunter gesetzt, darunter der frühere Verleger Wolf Jobst Siedler junior. Initiatorin ist die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld.

Entstanden ist die „Erklärung 2018“ auf einem Jour fixe, zu dem sich die Unterzeichner und andere Intellektuelle regelmäßig treffen. Auch die Schriftsteller Monika Maron und Rüdiger Safranski sollen zu diesem Kreis gehören, unterschrieben haben sie nicht.

Für derart wortmächtige Unterzeichner ist der Text, zu finden unter „Erklärung 2018“ im Internet, sehr knapp formuliert. Sie besteht aus nur zwei Sätzen, bei denen allerdings jedes Wort Fragen aufwirft. „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“

Eintracht im Netz

„Mit wachsendem Befremden“, schreiben die Unterzeichner, das ist ein eher passiver Begriff, es klingt nach Menschen, die an der Seitenlinie stehen und sich wundern über das, was anderswo so passiert. Es klingt nicht nach den Sturmgeschützen ihres eigenen Denkens wie Broder und Mattussek, nicht nach den Profis im publizistischen Betrieb wie Dieter Stein von der rechtskonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und Ellen Kositza vom Antaios-Verlag, in dem sich Rechtsextreme zu Hause fühlen. Nur nebenbei: Steins „Junge Freiheit“ hat seinen Buchmessen-Stand storniert, weil man nicht mit Kositza und anderen in einer rechten Ecke auf der Messe stehen wollte. Im Netz findet man sich wieder einträchtig zusammen.

„Wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird“, setzt sich der Text fort, und ähnlich wie bei Uwe Tellkamps unbelegten Dresdner Äußerungen der 95 Prozent Einwanderung in die Sozialsysteme wäre etwas intellektuelle Präzision wünschenswert gewesen. Welches Deutschland meinen die Unterzeichner, das beschädigt würde? Wie wird es konkret beschädigt? Was bedeutet der Kampfbegriff der „illegalen Masseneinwanderung“ konkret – die Welle des Jahres 2015 oder jeden Asylsuchenden, der je in unser Land kam, kommt und kommen wird? Was ist gegen die Beschädigung zu tun? Hat man Vorschläge zur Integration, zur Vermeidung von Parallelgesellschaften und Abkapselung? Nichts ist davon zu lesen.

Identitäre, Hooligans und rechtsextreme Kader dabei

Der zweite Satz ist klarer, aber problematischer – auch in dem, was er weglässt. „Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“ In Cottbus, Dresden und anderswo ist die Forderung kürzer und präziser aufgestellt: „Schnauze voll!“ und „Grenzen dicht!“ Und nicht wenige gehen einen Schritt weiter und fordern die „Remigration aller Ausländer“, was ein schickerer Begriff für Abschiebung ist. Der Vorwurf des Bruchs der rechtsstaatlichen Ordnung an den Grenzen ist ein Dauerbrenner von AfD und Pegida, der verfassungsrechtlichen Wahrheit entspricht er indes nicht.

Und was die Demonstrationen angeht: Je nach Stadt sind nicht nur die üblichen Islamhasser von Pegida und ihren Ableger, sondern auch Identitäre, Hooligans und rechtsextreme Kader dabei. Mit ihnen allen erklären sich die Unterzeichner solidarisch, also auch mit Gruppen, die Deutschland erklärtermaßen beschädigen, nämlich umstürzen wollen. Der Leipziger Cellist und AfD-Mitarbeiter Matthias Moosdorf, der zu den Erstunterzeichnern gehört, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Wenn ein Schiff sinkt und ein paar Straffällige an den Pumpen sitzen, ist es mir dann lieber, wenn sie mithelfen – oder dass ihre Plätze leer bleiben?“ Dieser Vergleich sagt viel aus über die Haltung der Unterzeichner dieser „Erklärung 2018“: Sie fühlen sich allein in einem leckgeschlagenen Kahn.

Von Jan Sternberg/RND

Kultur Debatte um Uwe Tellkamp - In der rechten Ecke

Die Diskussion um den Autor Uwe Tellkamp reißt nicht ab. In der „Erklärung 2018“ tritt er zusammen mit Thilo Sarrazin gegen das ein, was er „illegale Masseneinwanderung“ nennt.

19.03.2018
Kultur Benjamin von Stuckrad-Barre - Himmel, Hölle, Discoblitz

Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ schlägt im Hamburger Thalia Theater. Das Popspektakel ist das Stück der Stunde und wurde auch an vielen anderen Bühnen aufgeführt.

19.03.2018

Linke Demonstranten haben eine Lesung des rechten Antaios-Verlagschefs Kubitschek und des Autors Pirincci auf der Leipziger Buchmesse mit Sprechchören begleitet. Drei Personen mussten die Halle verlassen. Messe-Geschäftsführer Martin Buhl-Wagner beschreibt die Messe als „politisch wie nie zuvor“.

19.03.2018