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„Terror“ am Hans-Otto-Theater in Potsdam

Zuschauer als Schöffen „Terror“ am Hans-Otto-Theater in Potsdam

Ferdinand von Schirachs „Terror“ am Hans-Otto-Theater in Potsdam muss die Fernsehkonkurrenz nicht scheuen. Eine eindrucksvolle Aufführung und überzeugende Darstellung der Charaktere. Den positiven Eindruck konnte auch der kleine Lapsus am Schluss der Premiere nicht trüben.

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Florian Schmidtke (Verteidiger), Bernd Geiling (Vorsitzender) und Jonas Götzinger (Lars Koch)

Quelle: HL Böhme

Potsdam. Das Stück zum Film? Der Film zum Stück? Im Hans-Otto-Theater, das mit einer regelrechten Gegenwartsoffensive in die neue Saison gestartet ist, hatte drei Tage vor dessen Fernsehstart Ferdinand von Schirachs „Terror“ in der Reithalle seine Potsdamer Bühnenpremiere.

Warum gerade dieses Stück, das nicht unbedingt theatertypisch angelegt ist, sondern zuerst den Regeln vor Gericht folgt, derzeit zum Meistgespielten hierzulande zählt, liegt nicht allein daran, dass man den Prosa-Erfolgsautor, im Hauptberuf Strafverteidiger, ohnehin für eine sichere Bank hält, sondern schlicht am finalen Plott. Die Zuschauer werden zu Schöffen, die entscheiden müssen: Ist der Angeklagte schuldig oder nicht. Dabei geht es um den – fiktiven – Fall eines Bundeswehr-Jagdfliegers, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeug mit 164 Passagieren abschoss, um das Leben von 70 000 Besuchern in einer Münchner Fußballarena zu retten.

Terror und die Frage der Schuld

In der Gewalt von Terroristen: Ein Luftwaffenpilot schießt 164 Menschen ab und rettet damit 70000 Menschen das Leben. Dann steht er vor Gericht wegen Mordes: Schuldig oder nicht?

Potsdamer Aufführung muss Fernsehkonkurrenz nicht scheuen

In der Regie von Andreas Rehschuh ist eine über weite Strecken eindrucksvolle Aufführung gelungen. Mit einem großartigen Bernd Geiling im Zentrum. Er gibt den vorsitzenden Richter mit einer Intensität, dass man tatsächlich meint, bei Gericht zu sein. Da stimmt jeder Ton, jede Nuance: Wie er mal ganz offen zuhört, dann wieder den Gelangweilten gibt. Wie er mal grübelt, mal nachhakt, auch mal gähnt, wenn es ihm zu öde wird. Wie er die Brille auf- und abnimmt, mal erregt ist, mal zurückgenommen.

Auch die Staatsanwältin der Andrea Thelemann vermag sich auf der ganz in Weiss gehaltenen Bühne, die das labormäßige des Stücks unterstreicht, von der zuweilen recht papiernen Vorlage Schirachs zu lösen und ihrer Figur menschlich-alltägliche, zuweilen gar mütterliche Züge zu geben.

Denia Nironen als Zeugin wiederum schafft es auf beklemmende Weise, die Ratlosigkeit der Hinterbliebenen, die nicht wissen, wie sie mit dem Geschehenen fertig werden sollen, an das Publikum weiterzugeben. Christoph Hohmann als zweiter Zeuge, der Vorgesetzte des Angeklagten, zeigt pointiert das Funktionieren eines Militärs im Apparat der Zwänge.

Der schwierigste Part

Den schwierigsten Part hat Jonas Götzinger als Angeklagter Lars Koch. Wenn er über weite Strecken einfach nur so dasitzen muss, weiß man nicht genau, ob das leicht verzweifelte Gesicht Teil seiner Figur ist oder am unglückselig langen Warten auf den ersten Auftritt liegt. Das Zerrissene des jungen Offiziers, der als Schüler schon ein Überflieger war und nun des mehrfachen Mordes angeklagt ist, kann man bei ihm eher erahnen als schon richtig spüren. Florian Schmidtke als Verteidiger muss aufpassen, dass er der Anwaltsdiktion nicht unnötiges Pathos gibt. Wie ja auch Schirach dem Stück einiges zuviel gegeben hat. Die abschließenden Plädoyers haben Gerichtslänge, und das ist im Theater mehr als genug. Zumal die Zuschauer sich da ohnehin längst ihr Urteil gebildet haben.

Ein Hammelsprung und ein kleiner Lapsus

Nach der Pause dann die Auszählung per Hammelsprung. Linke Tür für Freispruch, rechte Tür dagegen. Der Richter verkündet das Ergebnis: freigesprochen. Und liest dann die Zahlen vor. Die sagen aber das Gegenteil. Unmut im Zuschauerraum. Bernd Geiling stutzt, rettet die Situation aber geschickt, kontaktiert noch einmal die Gerichtssekretärin, verkündet dann das wirkliche Ergebnis: 79 Zuschauer votierten für Freispruch, 56 für eine Verurteilung. Wobei der Auszähl-Lapsus letztlich nur für die Lebendigkeit des Theaters spricht. Und für eine Aufführung, die das Zeug hat, trotz der Fernseh-Konkurrenz ihr Publikum zu finden.

Hintergrund

Ferdinand von Schirach, geboren 1964 in München, ist Rechtsanwalt und Autor. Er war über 20 Jahre als Strafverteidiger tätig, darunter für Prominente wie Günter Schabowski und Klaus Kinski. Seine Erzählungsbände „Verbrechen“ und „Schuld“ sowie die Romane „Der Fall Collini“ und „Tabu“ sind Besteller.

Sein Theater-Debüt „ Terror“ wurde im Herbst 2015 am Deutschen Theater Berlin und am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt.

Weitere Vorstellungen von „Terror“ im Hans-Otto-Theater, Reithalle: 22. (nur Restkarten) u. 27. Oktober; 1., 3. u. 25. November; 15., 22. u. 28. Dezember, jeweils 19.30 Uhr. Tickets 0331/98118.

Am Freitag lief die „Terror“-Premiere auch im Thalia-Kino in Babelsberg. Das Urteil fiel auch hier eindeutig aus.

„Terror – Ihr Urteil“ am Montag um 20.15 Uhr in der ARD.

Von Frank Starke

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