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Berühmter DDR-Fotograf des Vietnamkriegs

Thomas-Billhardt-Ausstellung Berühmter DDR-Fotograf des Vietnamkriegs

Es sind Bilder, die fast jeder kennt. Bilder, die um die Welt gingen. Die Fotos, die Thomas Billhardt im Vietnamkrieg gemacht hat. Billhardt war der bekannteste Kriegsfotograf der DDR. Zwölf Mal war der in Vietnam. Das Kennedy-Museum in Berlin hat ihm jetzt eine Ausstellung gewidmet: „Thomas Billhardt: Vietnam“. Bilder eines schon fast vergessenen Krieges.

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Thomas Billhardt im Kennedy-Museum vor einem seiner berühmtesten Bilder: Eine kleine Vietnamesin führt einen abgeschossenen US-Bomberpiloten ab.

Quelle: Ulli Winkler

Berlin. Das Bild ist weltberühmt. Es zeigt ein vietnamesisches Paar von hinten, wie es, beide das Gewehr locker über die Schulter geworfen, Hand in Hand auf einen See zuschlendert. Vietnam 1968. Der Krieg tobt in dem südostasiatischen Land. Massenbombardements der US-Armee, Napalm, zerstörte Städte, Leichen. Und dann so ein Bild? Propaganda? Bürgerkriegskitsch? Oder einfach eine andere Sicht auf den Vietnamkrieg?

Das Bild stammt von Thomas Billhardt, dem bekanntesten Kriegsfotografen der DDR. Es hängt derzeit im Kennedy-Museum in Berlin-Mitte in der Auguststraße. Das Museum des ehemaligen Klassenfeindes hat ihm und seinen Vietnambildern eine ganze Ausstellung gewidmet: „Thomas Billhardt: Vietnam“. Billhardt (78), ein noch rüstiger alter Mann, steht vor den Bildern und strahlt über das ganze Gesicht. „Das ist mir Freude und zugleich innere Genugtuung, meine Bilder ausgerechnet hier zu sehen“, sagt er: „Es zeigt mir, dass ich doch auf der richtigen Seite gestanden habe.“ Klingt pathetisch, doch die Ausstellung ist ein Beleg dafür, dass die USA sich längst mit ihrer Rolle im Vietnamkrieg kritisch auseinandersetzen. Auch mit dem Material des einstigen Gegners – den Fotos von Thomas Billhardt zum Beispiel.

Billhardt lebt heute in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark), ist Nationalpreisträger der DDR, und war so ziemlich in allen Krisengebieten der vergangenen 50 Jahre: Kuba, Vietnam, Palästina, Libanon, Mosambique, Nicaragua sind darunter, später nach der Wende fotografierte er im Bosnienkrieg. Doch anders als viele Kriegsfotografen zeigt Billhardt selten Tote. Billhardt lichtet Menschen in ihrem Alltag ab, wenn die Bomben fallen, wenn sie verwundet werden und zeigt Ansichten von zerstörten Wohnsiedlungen.

So wie das Foto von dem kleinen Mädchen mit der roten Jacke. Billhard hat es 1975 geschossen, dem Jahr in dem die Amerikaner das Land verließen und der Krieg zu Ende war. Das Kind klammert sich an das Hosenbein eines Vaters der seine Hand schützend um seinen Kopf legt. Es blickt misstrauisch in die Kamera. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Auch dieses Bild ist eine Ikone der Vietnamfotografie. „Du fotografierst die Angst und hast gleichzeitig selbst Angst“, erinnert sich Billhardt und erklärt damit zugleich sein Selbstverständnis von Kriegsfotografie: Die Perspektive der Menschen zeigen, wie sie den Krieg erleben. Das unterscheide ihn vielleicht von den vielen anderen Fotografen, vor allem aus dem Westen, die damals mit den US-Militärs im Land waren und damit notgedrungen aus der Perspektive der Soldaten Waffen, Kriegsgeräte und Gefechte zeigten, sagt er.

Wie zum Beispiel der westdeutsche Fotograf Horst Faas. Der spätere Pulitzer-Preis-Träger war für die Agentur AP in Vietnam und machte auch Bilder von Leichenfeldern, um das Grauen des Krieges zu dokumentieren. Auch seine Vietnamfotos sind legendär. Billhardt lehnt diese Perspektive ab. Wirklich Beindruckt habe ihn lediglich ein Bild der Westkollegen: Das berühmte Foto von Nick Ut, der am 8. Juni 1972 ein nacktes kleines Mädchen zeigte, das vor einen Napalmangriff der Amerikaner wegläuft. Auch dieses Kind hat die Wahrheit des Krieges im Gesicht. „Dieses Foto ist wirklich ein Symbol des Vietnamkrieges“, sagt Billhardt anerkennend. Und solche Symbole habe er fotografieren wollen.

Mittlerweile sind diese Symbole zu Ikonen dieses Krieges geworden. Rund 60 Bilder hängen im Museum „The Kennedys“, die Billhardt von einem Krieg gemacht hat, in dem zwischen 1955 und 1975 Schätzungen zufolge bis zu fünf Millionen Menschen umkamen. Zwölf Mal war er dort und machte Fotos von Trümmerfeldern nach US-Angriffen. Oder von der Produktion von Betonrohren, die in die Erde eingelassen wurden und mit einem Schachtdeckel verschlossen werden konnten. Sie dienten als Bunker für jeweils eine Person, wenn Bomben fielen. Billhardt fotografierte aus der Sicht des damaligen Nordvietnams. Er zeigt Kinder, die aus diesen Rohren herausschauen, Lazarette mit Verwundeten, Frauen, die Kriegstrümmer wegräumen, Männer, die Brücken wieder aufbauen und Männer und Frauen mit Waffen, die versuchen, den Feind vom Himmel zu holen. Es sind beeindruckende Einblicke, die er dem Betrachter anbietet. Bilder die um die Welt gingen, als Propagandamaterial der DDR gegen den imperialistischen Feind des Sozialismus, aber auch als Dokumente des Kriegshorrors, die ihrem Weg in westliche Zeitschriften und Magazine wie „Stern“ oder „Life“ fanden.

Und immer wieder Frauen und Kinder. Eines der emotionalsten Fotos vielleicht ist das Bild einer alten Frau, die vor einer Leichenbahre steht und um ihr Enkelkind weint. Billhardt hat die Geschichte des Bildes schon so oft erzählt, aber er muss es immer wieder tun. Damals 1972 in einem Leichenhaus in Hanoi. Wie er zuerst ein totes Kind sah, das ein Trümmerstück einer Rakete im Kopf stecken hatte. Ein schreckliches Bild, das er nicht fotografieren wollte. Und wie er dann die alte Frau wimmern hörte. Wie er merkte, dass sein Orwo-Film nicht lichtempfindlich genug war und er dann begann, die Bahre Zentimeter für Zentimeter vorsichtig in Richtung Eingang zog, wo das Licht besser war und er dann mit der Kamera an den Türrahmen gelehnt mit einer langen Belichtung dieses Bild machte und immer dabei dachte: „Liebe Oma, ich muss dieses Bild machen. Das müssen alle sehen, das Bild muss in die Welt und anklagen“. Und so war es dann auch. Diese Bild steht für das ganz persönliche Leid von Menschen im Krieg und zeigt etwas, das Worte nicht ausdrücken können.

Doch Billhardt hat auch andere Bilder gemacht. Wie das von der schönen Vietnamesin mit dem Strohhelm auf dem Kopf und dem Gewehr im Anschlag. Freundlich lächelt sie in die Kamera. Ein schönes Bild zweifellos, aber eben doch Propaganda-Kitsch? Auf solche Diskussionen mag sich Billhardt nicht einlassen. „Klar wurden meine Bilder für Propaganda benutzt. Aber die haben mich ausgenutzt und ich habe die ausgenutzt“, sagt der Mann, der im Regierungsauftrag die Welt bereiste und für den Verlag „Agitation und Anschauungsmittel“ arbeitete. Ihm sei es darum gegangen, Anklage gegen diesen Krieg zu erheben. Und das Bild einer schönen Frau mit Gewehr zeige eben einen Menschen im Krieg. Und um die Menschen sei es ihm schließlich gegangen.

Mindestens einmal allerdings hätten sie ihn doch drangekriegt: 1967 in der Provinz Ha Tay, als er einen abgeschossenen amerikanischen Piloten fotografierte, der von einer kleinen vietnamesische Soldatin zum Verhör abgeführt wird. Man habe ihm damals erzählt, der Soldat sei gerade festgenommen worden. In Wirklichkeit war er aber schon seit 14 Tagen in Gefangenschaft und wurde nur zum Fotografieren vorgeführt. „Das war ganz klar Propaganda und dass ich das nicht gemerkt habe, ärgert mich noch heute“, sagt Thomas Billhardt. Das Bild ging um die Welt. David gegen Goliath, die kleine Vietnamesin und der große US-Bomberpilot. Im Berliner Kennedy-Museum ist es wieder zu sehen.

Info: Thomas Billhardt: Vietnam. Museum „The Kennedys“, Auguststr. 11-13, 10117 Berlin. Di-So 11-19 Uhr. Eintritt: 5 Euro, ermäßigt, 2.50 Euro, bis 6. September.

Von Mathias Richter

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