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Thomas Melles „3000 Euro“ wird in Potsdam zerlegt

Hans-Otto-Theater Thomas Melles „3000 Euro“ wird in Potsdam zerlegt

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater hat sich den Roman „3000 Euro“ von Thomas Melle vorgenommen. Nachdem Regisseur Fabian Gerhardt erkrankte sprang Wojtek Klemm ein – und hat den Text ordentlich dekonstruiert. Vielleicht entwickelt manch ein Theatergänger dadurch gar ein Sensorium dafür, dass hier ein Stoff in eine Bühnentemperatur übersetzt werden soll, ohne den Roman nachzuerzählen.

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Franziska Melzer (Denise) und Florian Schmidtke (Anton)

Quelle: Foto: HOT

Potsdam. Die Fabel von „3000 Euro“ klingt eigentlich vielversprechend: Der Jurastudent Anton hat in einer manisch-depressiven Phase alles verloren: Führerschein, Wohnung, Selbstvertrauen. Mit 3000 Euro könnte er einen bevorstehenden Gerichtstermin abwenden und sich aus dem entstandenen Schlamassel freikaufen. Denise, alleinerziehende Mutter einer behinderten Tochter, arbeitet als Kassiererin im Supermarkt. Nebenher hat sie sich durch einen Porno-Dreh 3200 Euro dazuverdient. Sie träumt von einer Reise nach New York. Als sie den obdachlosen Anton kennenlernt, kommt die vage Hoffnung auf, dass beide einsame Herzen einander retten.

Das Hans-Otto-Theater hat den Regisseur Fabian Gerhardt damit beauftragt, aus dem 200 Seiten-Roman von Thomas Melle eine Bühnenfassung zu erarbeiten. Der Regisseur hatte im Januar erfolgreich den Film „Die Kunst des negativen Denkens“ für eine Aufführung in der Reithalle adaptiert. Offenbar ist die Gegenwartsdramatik so miserabel oder auch so kostspielig, dass die Potsdamer häufig auf Stoffe zurückgreifen, die in anderen Medien bereits Karriere gemacht haben. Diesen Trend setzte einst Frank Castorfs Berliner Volksbühne und Armin Petras‘ Gorki-Theater. Der Roman „3000 Euro“ war im vergangenen Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert, von diesem Renommee wollte das HOT profitieren.

Die Dramenfassung liest sich wie der Weg in ein Labyrinth. 27 Figuren, die sich kaum erklären, sollen die Romanhandlung abbilden. Vier Wochen vor der Premiere erkrankte dann auch noch Fabian Gerhardt über seiner Inszenierung. So war klar, dass das Publikum nur Stückwerk zu sehen bekommt. Der Pole Wojtek Klemm, der schon mit Frank Castorf und Christoph Schlingensief zusammengearbeitet hat, sprang kurzerhand als Regisseur ein. Mit seiner Vorliebe fürs Dekonstruieren stürzte er sich auf die eine oder andere Szene. So entstanden wenigstens einige theatrale Inseln in einem recht trüben Binnensee.

Thomas Melle ist auch Theaterautor

Thomas Melle wurde 1975 in Bonn geboren. Mit seinen Romanen „Raumforderung“ (Suhrkamp, 2007) und „Sickster“ (Rowohlt, 2011) machte er sich in der literarischen Szene einen Namen. Er schrieb aber auch zahlreiche Theaterstücke, u.a. „Haus zur Wonne“ (Theater Erlangen, 2006), „Licht frei Haus“ (Badische Staatstheater Karlsruhe, 2007), Das Herz ist ein lausiger Stricher (Theaterhaus Jena, 2010) „Königsdramen I & II (Schauspiel Bonn, 2014), Nicht nichts. (Landestheater Tübingen, 2014).

Die Dramatisierung seines Romans „3000 Euro“ besorgte der heute in Berlin lebende Melle dennoch nicht selber. Er überließ diese Arbeit dem Hans-Otto-Theater und trat bei der Premiere am Freitag nicht in Erscheinung.

Auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis schaffte es sein Roman „3000 Euro“ im vergangenen Jahr. Der Hauptpreis ging dann an „Kruso“ von Lutz Seiler. Eine Bühnenfassung von „Kruso“ hat sich das Hans-Otto-Theater ebenfalls vorgenommen. Premiere ist am 15. Januar 2016.

Der Besucher der Aufführung sollte besser nicht mit der Erwartung kommen, dass die Konturen der oben umrissenen Geschichte feiner und schärfer gezeichnet werden. Er sollte stattdessen nach funkelnden Fragmenten Ausschau halten, nach einzelnen Posen und Ansätzen, nach behutsam gesprochenen Worten, die ins Leere tasten. Vielleicht entwickelt manch ein Theatergänger gar ein Sensorium dafür, dass hier ein Stoff in eine Bühnentemperatur übersetzt werden soll, dass hier eine „Wahrnehmungsstörung“ vorgeführt wird. Davon ist in dem Stück die Rede.

Der Zuschauer blickt in einen öden Zweckraum, begrenzt durch drei hohe moderne Fenster. Als Raumteiler fungiert ein merkwürdiges Gestell, das während der nur langsam verstreichenden 90 Minuten noch seine Funktion als Kassenfließband unter Beweis stellt. Florian Schmidtke als Anton agiert als schwerer, düsterer Brocken. Franziska Melzer verleiht ihrer Rolle eine flirrende und tiefsinnige Schärfe, was umso erstaunlicher ist, da sie diese Ausstrahlung auch ohne Interaktionen hervorbringt. Mit ihr hat die Regie offenbar intensiv gearbeitet. Eddie Irle und Friedemann Eckert bleiben sich bis zur Peinlichkeit selbst überlassen. Auch Peter Pagel, Zora Klostermann und Nina Gummich müssen viel herumstehen, ducken sich aber gekonnt weg.

Wie gesagt, es gibt anrührende Dialoge, etwa wenn Rita Feldmeier als depressive Mutter ihrem Sohn die Zuwendung gibt, die Anton braucht, aber verbal abwehrt.

Zusammengehalten wird die Aufführung durch eine durchgängige musikalische Liveperformance des Theater-Musikers Marc Eisenschink. Er sitzt neben einer kleinen vertrockneten Zimmerpalme auf der rechten Vorderbühne und mixt mit Computer, Keyboard und Gitarre einen machtvollen Groove oder betörende Akkorde. Eine strenge Choreografie ruft jedem der acht Schauspieler markante Tanzfiguren ab. Die geloopten Bewegungen stehen für die individuellen Wege, sich durchs Leben zu schlagen. Und wenn in den letzten Minuten Franziska Melzer immer wieder „La felicita“ ins Mikrofon haucht, ist das wenigstens ein kleines Theaterglück.

Nächste Aufführungen: 19., 22. Nov., 13., 18. Dez. Reithalle, Hans-Otto-Theater. Karten unter 0331/98118.

Von Karim Saab

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