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Kultur Till Brönner mit großem Orchester
Nachrichten Kultur Till Brönner mit großem Orchester
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02:16 03.09.2015
Trompeter Till Brönner im Potsdamer Nikolaisaal. Quelle: FOTO: Scheerbarth
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Potsdam

Zunächst einmal wirkt es wie aus der Zeit gefallen, wenn alle Musiker auf der Bühne Anzug und Fliege tragen und einen Medley nach dem anderen anstimmen. 20 Instrumentalisten sitzen übereinander auf der Bühne des Nikolaisaals und lassen die Form des Bigband-Orchesters aufleben. Star im Vordergrund ist der Trompeter Till Brönner, der sich bei dem beglückenden Konzert aber dem musikalischen Leiter Magnus Lindgren unterordnet, der auch Flöte und Saxofon spielt.

Die Besucher im Parkett sind meist ältere Jahrgänge. Till Brönner zu Füßen, auf dem Mittelplatz in Reihe eins, lächelt ihm Eiskunstläuferin Kati Witt entgegen. Das Publikum kommt in den Genuss eines dreistündigen Parforceritts durch viele Stilistiken, die vom Orchester exzellent beherrscht werden. The Till Brönner Orchestra intonieren New-Orleans-Jazz und Bebop, Cool- und Electro-Jazz, Soul und Swing, Latin- und Afro-Jazz. Im Bossa-Nova-Block vor der Pause bittet Brönner einen Herrn zu sich, der ein erleuchteter Yoga-Meister sein könnte. Er stimmt auf seiner Akustikgitarre das „Girl from Ipanema“ an. „Das ist Peter Fessler, Sie alle kennen seinen Hit ,New York – Rio – Tokyo‘. Er hat sich zurückgezogen aus der Welt des Pops und singt sein Liedchen nicht mehr, weil er diese Musik hier entdeckt hat“, erklärt Brönner dessen versunkene Begeisterung für den brasilianischen Blues. Eine dramaturgisch geschickte Notlüge, denn im rauschenden Finale singt Fessler dann seinen internationalen Chart-Ohrwurm von 1986 und das Orchester kann noch einmal so richtig aufdrehen.

An Opulenz im Sound wird nicht gespart. Zwei Schlagzeuger und ein Percussionist, zwei Keyboards, Bass, Elektrogitarre und fünf Blechbläser bringen den Saal manchmal zum Bersten. Brönner lässt Einzelkönnern, auch einem trompetenden Kollegen aus Dänemark, wiederholt den Vortritt und liefert sich mit ihnen auch witzige musikalische Dialoge. Nur die sechs Streicherinnen, alle mit offenem Engelshaar, dienen mehr der Deko und kommen im musikalischen Arrangement wenig zur Geltung. Dem Star Till Brönner ist es aber hoch anzurechnen, dass er den Spaßfaktor kollegialen Musizierens derart in den Vordergrund rückt. Er gibt nicht den schwitzenden Genius, sondern den begnadeten Schwiegersohn. Und er ist auch ein eleganter Entertainer, dem auch die Ansagen zwischendurch glücken. Die konventionelle Kleiderordnung wird durch eine grafische LED-Lichtshow relativiert, die Modernität signalisiert.

Doch das Wichtigste ist natürlich, wie Deutschlands berühmtester Jazz-Trompeter weltweit bekannte Melodien ausschmückt. Wenn er etwa Billy Joels „Just the Way You Are“ interpretiert, kommen sein Eigenwille, seine Fantasie und sein Können deutlich zum Ausdruck. Der 44-Jährige setzt weniger auf das Melodiöse als auf einen flockenden Groove. Er saugt das Lied aus der Trompete. Aber beim nächsten Lied, der einzigen Eigenkomposition, gibt er sich schon wieder ganz anders – als einer, der sehr klar spielt und sich in großen Bögen wegträumt.

Von Karim Saab

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