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Kultur Tobias Rott respektiert Schillers „Kabale und Liebe“
Nachrichten Kultur Tobias Rott respektiert Schillers „Kabale und Liebe“
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00:18 12.02.2019
Ulrike Beerbaum, Jonas Götzinger und Andreas Spaniol Quelle: Thomas M. Jauk
Potsdam

Mit Disco-Beats aus den 1970er Jahren und einem ultimativen Sternenhimmel öffnet sich der Vorhang zum bürgerlichen Trauerspiel „Kabale und Liebe“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater. Luise trägt eine fesche Jacke mit Sternen-Dekor. Die Bürgerstochter ist in Ferdinand von Walter verliebt und ruft ihrem skeptischen Vater zu: „Ist lieben denn Frevel?“ Der antwortet ganz in der Manier eines frommen Mannes anno 1784 „Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben.“ Doch dann gesteht er ein: „O Gott! Ich verstehe ja wenig vom Lieben, aber dass es eine Qual sein muss, aufzuhören – so was begreif' ich noch.“ Dass der Stadtmusikus wenig von der Liebe versteht, glaubt man ihm aufs Wort, wenn man seine Frau neben ihm sieht – Luises Mutter steckt in einem hochgeschlossenen, mausgrauen Kostüm mit aufgedonnerter Oberweite und freut sich dumm, weil Ferdinand ein Adelsspross ist und ihrer Tochter somit ein gesellschaftlicher Aufstieg winkt. Oder winkt Ferdinand, dem Sohn des Präsidenten, ein gesellschaftlicher Abstieg?

Ferdinand beteuert seiner Luise: „Ich fürchte nichts – nichts – als die Grenzen deiner Liebe“. Acht Takte einer Raverhymne aus den 1990er Jahren (Robert Miles „Children“) besiegeln den Wonnemoment für die Ewigkeit. So eingängig und verständlich große Gefühle auch im 21. Jahrhundert noch sind, die Klassenschranken und die pathetischen Sätze von Friedrich Schiller sind es nicht mehr. Regisseur Tobias Rott stand also vor der Herausforderung, die gymnasiale Pflichtlektüre irgendwie ins Disco-Zeitalter zu transformieren.

Er tut dies mit großem Respekt für den Originaltext. Mit allen acht Schauspielern hat er eine Tonlage entwickelt, die nie gekünstelt wirkt, die den hohen Ton Schillers aber auch nicht banalisiert. Die Handlung wird in eine erhöhte, weiße Guckkastenbühne versetzt, in ein abstraktes Heute. Für die elegante, in Andeutungen verschachtelte Kulisse und auch für das unaufdringliche Spektrum an Kostümen zeichnet Susanne Füller verantwortlich.

Ein 15-jähriger Schüler sieht „Kabale und Liebe“ sicher zum ersten Mal. Theaterroutiniers können dem Kanonstück dagegen kaum noch etwas Neues entlocken. Regisseur Rott findet dafür einen Ausdruck: In seinem horizontalen Panorama begegnen sich die Darsteller oft wie aufgezogene Spieluhr-Figuren. Stellenweise nehmen sie miteinander gestische Posen ein, um das Gesagte und ihr Verhältnis zu unterstreichen. Vor allem in den ersten Szenen gelingen Rott starke symbolistische Bilder, wenn sich etwa der intrigante Sekretär Wurm um die Schultern von Luises Vater windet oder wenn sich Wurm nicht nur vor die Füße des Präsidenten wirft, sondern seinen Kopf auch noch unter dessen Schuhsohle legt. Die Dialoge werden von den Körpern miterzählt, denn es hat etwas zu bedeuten, ob sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen oder ob einer mit seinem Kopf in Brust- oder Schritthöhe verharrt. Die Beziehungen unter den Männern am Hof werden homosexuell aufgeladen. Einmal wird auch das Gezerre um Luise wortwörtlich dargestellt. Mit diesem Gebärden-Latein ist Rott dann leider bald zu Ende. Zusehends verfällt die Aufführung in eine gezügelt realistische Spielweise.

Jonas Götzinger als Wurm darf sich spielerisch kaum entfalten. Wie ein Dämon, ein Mischwesen aus Nazi, androgynem Magier und Mephistopheles, treibt er mit starrer Mimik das Unheil voran. Luises Eltern (Ulrike Beerbaum und Andreas Spaniol) sind als recht blasse Karikaturen angelegt. Luise Feith gibt eine wirklich liebreizende und glühende Luise. Die 23-jährige Absolventin der Berliner Theaterhochschule Ernst Busch würde man gern auch einmal in einer großen Schiller-Rolle sehen – warum nicht als Maria Stuart! Hannes Schumacher als ihr geliebter Ferdinand versteht sich besonders gut aufs eindringlich, verständlich und leise Sprechen. Nadine Nollau als Lady Milford lotet die Oberflächen und Tiefen ihrer Figur souverän aus. Überragend in dieser fast dreistündigen Inszenierung aber ist Jörg Dathe, der als Präsident seine Macht genüsslich ausspielt und gegenüber seinem Sohn väterliche Fürsorge heuchelt. Mit einer Nonchalance füllt Dathe das Kraftzentrum des Bösen aus, die schaudern macht.

„Kabale und Liebe“ lohnt also einen Besuch. Es empfiehlt sich, das Schiller-Drama vorher zu lesen. Dann profitiert man deutlich mehr von diesem Abend, der übrigens nicht nur mit Disco-Musik aufwartet.

info Nächste Aufführungen: 3.3. 17 Uhr, 5.3. 18 Uhr, 13.3. 18 Uhr, 23.3. 19.30 Uhr. Hans-Otto-Theater Großes Haus, Schiffbauergasse. Karten unter 0331/9811 900.

Von Karim Saab

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