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Tocotronic verzaubert Berliner Fans

Ausverkauftes Konzert in der Columbiahalle Tocotronic verzaubert Berliner Fans

Diskursrock, Intellektuellenpop, Musik für die Uni? Von wegen. Beim ersten von zwei Berlin-Konzerten bedienen Tocotronic Herz statt Kopf. Und am Ende tanzen in der ausverkauften Columbiahalle sogar die, die am Anfang noch schmollten.

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Dirk von Lowtzow

Quelle: dpa-Archiv

Berlin. Dirk von Lowtzow schmalzt und schnulzt. Schmachtender Blick, in Sehnsucht getränkte Stimme, die Arme bewegt der Tocotronic-Sänger wie ein Seifenblasen-Artist. „Prolog“ heißt das Lied, der Refrain geht ungefähr so: „Bah, bah, bah“. Die Zuschauer starren auf die Band vorm Glitzervorhang wie Theaterkritiker aufs Bühnenbild. Das wird sich ändern.

In mehr als 20 Jahren Bandgeschichte hießen Tocotronic mal „Diskursrocker“, mal „Hamburger Schule“, von den „Lieblingen des Feuilleton“ war die Rede. Eine Bezeichnung schlimmer als die nächste, wirklich passend ist nur diese: beste deutsche Popband. Pop passt, weil Sänger und Band am Kitsch naschen wie Kinder an der Tüte Gummibären. Lieber ein bisschen mehr, ja nicht zu wenig. Dem Quartett Verkopftheit vorzuwerfen entpuppt sich bei Live-Auftritten, wie dem ersten von zwei Berlin-Konzerten am Freitag in der Columbiahalle, als krude. Verkopft sind höchstens einige der Fans, aber auch ihre Gemächlichkeit verliert sich mehr und mehr so älter die Songs auf der Playlist sind.

Tocotronics knapp zweistündiger Streifzug durchs eigene Werk klappt einem den Mund auf. Großes Staunen darüber, wie reibungslos der effektvolle Bombast des aktuellen Albums („Ich öffne mich“, „Die Erwachsenen“, „Prolog“) und das Verstimmte-Gitarren-Gefrickel der Frühphase („Du bist ganz schön bedient“, „Samstag ist Selbstmord“, „Drüben auf dem Hügel“) miteinander harmonieren.

Die alten Songs gewinnen durch den Einsatz des zweiten Gitarristen Rick McPhail an Wucht, die neuen Songs entfalten ohne Streicher und Keyboard-Gedöns ihre volle Schönheit. Wer meint, der Herr von Lowtzow der vergangenen Jahre, graumeliert und schön, habe mit dem Cordhosen-und-Trainingsjacken-Dirk aus den 90ern nichts zu tun, irrt. Immer wohnte seinen Songs ein Slogan inne, eine Haltung. Das gilt auch für die, die er am Freitag mal tief und wütend knarzig, mal mit heller Stimme schmachtend singt. „Macht es nicht selbst“ predigt Genuss statt Fleiß, „Aber hier leben, nein Danke“ ist nicht weniger als eine Absage an den deutschen Staat, „Pure Vernunft darf niemals siegen“ zelebriert den Makel und die Emotion. Man soll sich lieber durchs Leben experimentieren, als es zu planen und sich was auf seine Rationalität einzubilden.

Selbst politische Songs sind bei Tocotronic meistens eine Sache des Herzens, der Empathie. Und so gewinnt das Konzert Stück für Stück an Herzlichkeit. Dirk von Lowtzow verteilt Blumen. Bei „Let there be Rock“, der Ode an Schönheit und Tristesse der Jugend, pogen studierte Politologen wie vorm Abi. Keiner starrt mehr mit gerümpfter Nase auf die Bühne, alle tanzen. Immer wieder appelliert der Sänger und Pro-Asyl-Unterstützer dazu, Herzen und Grenzen zu öffnen. Vielleicht müsste man den Tocotronic-Hit „Digital ist besser“ umbenennen: Emotional ist besser!

Von Maurice Wojach

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