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Kultur Torsten Schulz hat einen großartigen Roman geschrieben
Nachrichten Kultur Torsten Schulz hat einen großartigen Roman geschrieben
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01:33 14.03.2018
Christinenstraße 1987. Inzwischen wurden viele Straßenzüge im Prenzlauer Berg durchsaniert. Der ehemalige Arbeiter- und Szenebezirk gilt heute als teuere und schicke Adresse. Quelle: Foto: JÜRGEN RITTER
Potsdam

Leise und unaufdringlich erzählt Torsten Schulz in dem Roman „Skandinavisches Viertel“ die Lebensgeschichte eines Mannes, der heute in Berlin Wohnungen makelt. Der Leser begegnet darin einer Handvoll kerniger Menschen, die Niederlagen auf ihre Weise wegstecken. Nicht nur der Protagonist Matthias Weber, der aus dem proletarischen Milieu in Ostberlin stammt und 23 Jahre alt war, als die Mauer fiel, auch seine Eltern- und Großeltern sind durch ihre jeweilige Zeit geformt.

Die MAZ-Kulturredaktion ist von dem Buch dermaßen begeistert, dass sie den Autor für kommenden Montag kurzfristig zu einer Lesung mit anschließendem MAZ-Talk nach Potsdam eingeladen hat. Der Roman vermag bis in jede Verästelung hinein zu fesseln. Mit liebevollem, poetischen Blick schildert Torsten Schulz die Schrullen ganz normaler Menschen. Bekannt wurde der Autor durch seinen ersten Roman „Boxhagener Platz“, der 2006 verfilmt wurde.

Exklusive Lesung mit Torsten Schulz

Am 19. März, 19 Uhr, stellt Torsten Schulz

seinen neuen Roman exklusiv im MAZ Media Store Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 85/86) vor. MAZ-Redakteur Karim Saab wird die Veranstaltung moderieren. MAZ-Abonnenten zahlen 5 Euro Eintritt, Nichtabonnenten 7 Euro. Da die Plätze begrenzt sind, empfiehlt sich eine Anmeldung – telefonisch 0331/97 9303 4. Oder per E-Mail: mediastore@MAZ-online.de

Torsten Schulz: Skandinavisches Viertel. Klett Cotta, 264 Seiten, 20 Euro.

Opa Paul und Onkel Winfried sind ulkige Gesellen, allerdings dem Alkohol ergeben. Sie leben mit Oma Lisbeth in einer Mietwohnung im Skandinavischen Viertel. Von den Eskapaden der Trinker ist der einzige Sprössling der Familie nicht sonderlich abgeschreckt. Mit seinen Eltern wohnt Matthias ein paar Straßen weiter. Hin und wieder kreuzen sie bei den Verwandten zu Familienfeiern auf. Zu seinem Onkel, der stets viele Strickjacken übereinander trägt, spürt Matthias eine tiefe Verbindung, schon weil er dessen Fernweh nach Finnland teilt. Der Tunichtgut reiste 1966 mit einem DDR-Zirkus nach Helsinki und verlor nach einer desaströsen Sauftour seinen Job als Manegenumbauhilfsarbeiter. Eigentlich träumt der Onkel davon, ein Clown oder Zauberer zu sein.

Kneipen und Straßen werden einfach unbenannt

Bis zu seinem frühen Selbstmord, an dem sich der Neffe nach einem Verrat schuldig fühlt, beeindruckte Matthias auch die Originalität des Onkels, der zum Beispiel den Kneipen des Viertels eigene Namen wie „Kummer-Eck“, „Gute-Laune-Destille“ oder „Weiber-Bar“ verpasste. Matthias überträgt diese Technik auf das Areal mit den vornehmlich skandinavischen Straßennamen. Die Willi-Bredel- oder die Rhinower Straße tauft er für sich einfach in Haldenvassdraget und Reykjaviker Straße um.

Im Nachlass wird er später einen Liebesbrief des Onkels finden, der an seine Mutter gerichtet war. Er schrieb: „Ich denke an Dich, bevor ich trinke, während ich trinke, nachdem ich getrunken hab.“ Auch andere Familiengeheimnisse gibt es reichlich, der Heranwachsende schließt sie aus den Andeutungen der Erwachsenen. Er hat Zeit und wird bei Gelegenheit nachfragen. Warum verstärken die Eltern ihren Händedruck, wenn sie von der nahen Berliner Mauer die Grenzhunde kläffen hören? Und wieso bekommt Opa Paul keine Verfolgten-Rente, obwohl er, wie es heißt, vier Jahre in einem KZ war.

Aber Torsten Schulz dramatisiert die politischen Verstrickungen der Angehörigen in die deutsche Zeitgeschichte nicht. Tabus dieser Art herrschten in vielen Familien. Den leidigen Fehltritten seiner Verwandten geht die Hauptfigur des Buches nur beiläufig nach, ohne moralischen Impetus. Angedeutete Tragödien mildert der Autor durch mitfühlenden Witz und eine feine satirische Grundstimmung.

Nicht das Geld sondern die Sympathie entscheidet

Auf einer zweiten Erzählebene erfährt der Leser, wie sich das Leben des mittlerweile 50-jährigen Matthias nach der Wende gestaltet hat. Mit den Frauen hatte er weniger Glück, dafür aber als Geschäftsmann. Mehrere Jahre verschlug es Matthias ins Ausland, nach Buenos Aires und Los Angeles. Nachdem sein Ethos als Journalist bei Zeitungsredaktionen durch erfundene Geschichten in Verruf geraten war, gelang dem Berlin-Rückkehrer der Quereinstieg als „Fachmakler für das Skandinavische Viertel in Berlin-Prenzlauer Berg“. Dort werden die Mietwohnungen jetzt luxussaniert und einzeln vermarktet.

Wiederum treibt ihn eine eigenwillige Mission. Er möchte, dass in „seinem“ Viertel nur Menschen Wohnraum kaufen, die mit der Gegend wirklich etwas anfangen können. Spekulanten lässt er auflaufen. Durch Tricksereien gelingt es ihm, dass oft nicht das höchste Gebot entscheidet, sondern seine Sympathie. Das Flunkern hat Matthias schon als Schüler im Umgang mit Lehrern und patrouillierenden Grenzsoldaten gelernt.

Mit dem Älterwerden wird Matthias einsamer. Nach dem Onkel sterben der Opa, die Mutter, die Oma, schließlich auch der Vater, ein Maurer mit Walrossbart. Torsten Schulz hat eine Vorliebe für die seltsame Aura, die von Menschen ausgehen kann. Vor allem wie er den Opa charakterisiert, bleibt in Erinnerung: „Er kann tagelang schweigen und unablässig saufen ... Schließlich starrt er hasserfüllt zum Fenster hinaus, sodass sich kein Vogel, kein Käfer, keine Fliege in seinen Blick zu geraten traut.“ Vorwürfe lässt der Großvater, der immer nach Kölnischwasser riecht, mit einem Totschlagargument an sich abprallen: „Ihr wart alle nicht im Krieg, ihr könnt überhaupt nicht mitreden.“

Der deutsche Blues entsteht in diesem Buch nicht durch melancholische Weichzeichner, sondern durch präzise Bilder, die einfältige Lesarten ausschließen. Kleine ironische und absurde Pointen sorgen dafür, dass dieser Entwicklungs-, Familien- und Gesellschaftsroman der Komplexität des Lebens Rechnung trägt.

Matthias kommt zum Beispiel irgendwann dahinter, dass er seine eigene Existenz einem „aufmerksamen Grenzposten oder gut abgerichteten Schäferhunden“ verdankt. Wäre nämlich die Republikflucht seines Vaters 1963 nicht gescheitert, hätten seine Eltern ihn auch nicht in die Welt gesetzt. Als Wohnungsmakler fühlt er sich am Ende kulturell einem ehemaligen Grenzsoldaten näher als einem Immobilienhai aus Westdeutschland.

Von Karim Saab

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